Archiv für den Monat März 2020

Krise VII: Mit der schwarzen Mamba zum Gemeinwohl?

Wer kennt sie nicht? Immer unterwegs, in gediegenen Limousinen oder voluminösen SUVs, im Flieger mit Senator-Status oder in der Bahn mit der schwarzen Mamba: die Vielreisenden, die von einem Meeting zum nächsten hetzen, die eine Konferenz nach der anderen besuchen und mit Smalltalk und kurzen Statements am Leben, d.h. im Geschäft bleiben? Irgendwie haben sie sich darauf eingerichtet, die Anzahl der Kilometer, die sie hinter sich lassen, die Sterne der Hotels, in denen sie nächtigen oder die Sprechminuten auf den Events, die sie abspulen, als Zeichen ihrer eigenen Bedeutung zu werten. Unterschätzen wir es nicht. Neben der tatsächlich notwendigen Mobilität, in der Akteure von A nach B müssen oder Waren transportiert werden, sind es der Tourismus und die Tagungs- und Konferenzhaie, die dafür sorgen, dass der Planet unter zu viel Verkehr leidet. 

Die gegenwärtige Krise könnte dazu beitragen, das tatsächlich Notwendige wieder in den Fokus zu nehmen und das Lässliche mit einem anderen Blick zu betrachten. Vor wenigen Tagen telefonierte ich mit einem Berliner Filmproduzenten, der mir erzählte, dass er momentan überhaupt nicht reise und festgestellt habe, das meiste ginge auch anders, z.B. via Videokonferenz oder Skype. Das ist eine Erfahrung, die momentan viele machen und diese Erkenntnis wird sicherlich dazu führen, tatsächlich notwendige Mobilität in einem anderen Licht zu betrachten. Dann reden wir nicht nur über eine erforderlich andere, sondern auch über weniger Mobilität. Eine Erkenntnis, die sich ohne die Krise nicht durchgesetzt hätte. Und eine Erkenntnis, die dieTourismusindustrie gewaltig wird verändern können. Wenn, ja wenn, die richtigen Schlussfolgerungen gezogen werden und nicht ökonomische Einpunktstrahler mit ihrem Lobbyismus die Politik an die Wand drängen.

Doch keine gute Botschaft ohne Skepsis. Was mit der Chance, durch die Digitalisierung notwendige Mobilität einschränken zu können, korreliert, ist der Irrglaube, soziale Interaktion durch Technik ersetzen zu können. Konfliktäre Situationen, die sich auf dem Bildschirm und über Mikrofone entwickeln sind etwas anderes, als wenn sich zwei Tiere, die riechen und schmecken, die wittern und empfinden, gegenüber sitzen. Die Technik, eine drastische Reduktion unmittelbarer Erfahrung, erzeugt Kälte und Gefühllosigkeit. Letzteres  wirkt bei gravierenden Entscheidungen verheerend und muss vermieden werden. Was also für die oben beschriebenen Kohorten gilt, darf zum Beispiel nicht für Politikerinnen und Politiker gelten. Zu ihrer Aufgabe gehört es, zu spüren, was auf der Straße, im Laden, im Büro, in der Fabrikhalle, im Theater und allen anderen Routinen vor sich geht. Bereits heute wird nicht zu Unrecht moniert, dass dieses Gespür einigen aus dem politischen Feld gehörig abhanden gekommen ist. Die Reduktion auf digitale Kommunikationsformen würde diese Tendenz drastisch verstärken.

Wie zu sehen, stellt die Krise eine beträchtliche Chance dar, Fehlentwicklungen zu korrigieren bzw. auch neue Qualitäten zu erzeugen. Es verlangt allerdings Aufmerksamkeit und Differenzierung. Die tatsächlich vorhandene Komplexität verbietet Pauschalisierungen. Wie eigentlich immer, ist es geraten, die Frage nach dem „Warum“ und die nach „In wessen Interesse“ zu stellen. Vieles wird dahin führen, dass das Spannungsfeld von individueller Freiheit und gesellschaftlicher Notwendigkeit in den Fokus tritt. Die Berichte über China und dessen Vorgehen gegen die Pandemie und der Vergleich mit den hiesigen Verhältnissen deutet auf diese Frage hin. Wahrscheinlich wird es in den nächsten Jahren genau darum gehen. Individuum versus Kollektiv. Vielflieger hin oder her.  

Krise VI: Isolation durch Überheblichkeit

Menschen in Not, bedroht von einer gemeinsamen Gefahr, schließen sich trotz aller bestehenden Unterschiede, trotz unterschiedlicher Auffassungen, zusammen, um der Bedrohung zu trotzen. Dafür existieren unzählige Beispiele in der Gattungsgeschichte und man sollte meinen, diese Erkenntnis könnte als anthropologische Konstante gelten. Umso erstaunter, bestürzter und zorniger kann man werden bei der Betrachtung dessen, was zum Teil stattfindet. Nicht, dass nicht ein Hauch von Solidarität über dem Land läge und die beschriebene Verhaltensweise wirkte. In der Nachbarschaft, zwischen einzelnen Institutionen, auf der Straße. Und nicht, dass es keine Beispiele dafür gäbe, wie es zwischenstaatlich zugehen sollte. Die Initiative aus Baden-Württemberg, die Krankenhäuser für infizierte Elsässerinnen und Elsässer zu öffnen und sie dort  zu behandeln, ist eine solche. Aber es gibt auch Giftboten, die zeigen, wie viel zur Veränderung ansteht. Und zwar sofort wie nach der Krise.

Die Macht der Nachrichtenorgane ist durch die massive Einschränkung der Bewegungsfreiheit und der teilweisen Kontaktsperre immens gewachsen. Ihnen käme jetzt die Aufgabe zu, aufzuklären, Beispiele guten Handelns zu zeigen und an den Lehren aus dem zu arbeiten, was wir momentan erleben. Diese Erwartung wird jedoch leider kaum erfüllt. 

Es sind überall, nur nicht bei den staatsmonopolistischen Nachrichtenagenturen, Informationen erhältlich über gegenseitige Hilfe. Kubanische Ärzte helfen mittlerweile in 37 Ländern, Russland liefert medizinische Hilfsgüter in Länder der EU, und China ist mit Ärzten und Instrumenten in Italien aktiv, sodass der italienische Außenminister beteuerte, ohne China sei Italien bereits kollabiert. Derartige Aktionen positiv zu konnotieren scheint nicht mehr möglich zu sein. Es ist, von der Seele gesprochen, beschämend.

Die Frage, die sich aufdrängt, ist die, was an konkreter Kooperation innerhalb der EU geschieht und was die EU an außereuropäischer Hilfe leistet. So, wie es aussieht, gibt es da nicht viel zu berichten. Was aber zu erwähnen gilt, ist die unglaubliche Haltung des Internationalen Währungsfonds (IWF)  gegenüber Venezuela. Weil, so die Verlautbarung, die Regierung Maduro nicht als die rechtmäßige anerkannt würde, könnten keine Hilfsgelder angewiesen werden. Noch ist der Putschversuch in Erinnerung,  der nun dazu dient, die Rechtmäßigkeit anzuzweifeln. Und unabhängig davon: Sollen die Menschen dort auf den Straßen verrecken, weil das eigene ideologische Konzept sich nicht durchgesetzt hat? EU wie UNO sind, bei der Betrachtung der Lage, keine große Hilfe. Ganz im Gegenteil, auch sie unterstreichen, dass es an der Zeit ist, radikale Veränderungen anzustreben.

Was an bestimmten Akteuren als Erkenntnis spurlos vorübergeht und sie daher obsolet macht! Was sich das heute journal mit dem Auslandsreporter Ulf Röller seit Jahren leistet, wird durch die gegenwärtige Krise noch dramatischer. Aus den USA hat er exklusiv gehetzt und nichts zur Erklärung der dortigen Verhältnisse beigetragen. Nun liefert er, als Kritiker der kommunistischen Propaganda, die es gibt, kein Zweifel, im gleichen Modus seine Herablassung und Häme aus China. Solche Beiträge tragen weder zur Aufklärung bei noch zeichnen sie ein sympathisches Bild des Landes, für das er berichtet. 

Allen, die jetzt vielleicht die Zeit haben, sich mit dem Weltgeschehen intensiver auseinanderzusetzen, sei geraten, dieses zu tun. Es wird schnell deutlich werden, wie vergiftet dieses Land ist von Hetzern, die überall sind. Und wie überheblich dieses kleine Deutschland agiert, wenn es sich in der Welt bewegt. Fällt nicht auf, dass zwar immer an allen Ländern, die einen anderen Weg eingeschlagen haben als wir, herablassend herumgemäkelt wird? Und, mal ganz ehrlich, mit wem ist dieser Oberlehrer eigentlich noch befreundet? Fool on the Hill!