Archiv für den Monat Februar 2020

Erfurt: Sturmtruppen gegen den Souverän

Der Europaabgeordnete Sonnenborn von Die Partei, seinerseits bekannt für manch lakonischen Kommentar, brachte es auf den Punkt: wenn man mit fünf Prozent der Stimmen Bundeskanzler werden kann, so sagte er, dann wechsle ich sofort nach Berlin! Ja, so einfach kann es sein. Bei allen hitzigen Diskussionen über das Debakel in Thüringen, in denen immer wieder auch Stimmen laut wurden, es handele sich dabei um ein typisches Phänomen der Demokratie, dass es wechselnde parlamentarische Mehrheiten nun einmal gebe, ob einem das schmecke, oder nicht, ist eine Tradition, die zum Selbstverständnis der formalen Demokratie gehört, kalkuliert unter den Tisch gefallen. Es handelt sich um das Recht der am stärksten vertretenden Fraktion, auch das höchste Amt zu besetzen. 

Ein Blick sowohl auf den Bundestag als auch auf die Landesparlamente zeigt, dass dieses bis zu dem denkwürdigen Tag in Thüringen bis heute überall galt. Der Wille, den amtierenden Ministerpräsidenten Ramelow zu verhindern, hat mit dieser Tradition zumindest in den Köpfen der Komplotteure bei FDP, CDU und AFD Schluss gemacht. Das ist der eigentliche Dammbruch. Es wird mit dem Argument der Wechselhaftigkeit demokratischer Entscheidungen endgültig auf das Wählervotum geschissen. Stärkste Partei bei den Wahlen in Thüringen war die Linke, demnach haben sich die meisten der Wählerinnen und Wähler für eine Fortsetzung einer Regierung unter Ramelows Führung entschieden. 

Hätte Ramelow in den vergangenen vier Jahren eine Politik verfolgt, mit der er nun von den Putschisten identifiziert wird, wäre das Ergebnis sicherlich ein anderes gewesen. Ihn als einen Vertreter der alten SED-Herrschaft zu klassifizieren, ist ein Manöver, das durch keinerlei Beleg untermauert werden kann. Und eine weitere argumentative Inkonsistenz hat sich hinzugesellt. Das alte, abgedroschene Mantra von den extremen Rändern, das den Faschismus und Sozialismus gleichsetzt, wäre nur dann Grundlage der gegenwärtigen Situation gewesen, wenn die Ablösung Ramelows ohne die Stimmen des rechten Randes zustande gekommen wäre. Ist sie aber nicht. Die selbst ernannten Demokraten, die sich vor keiner Koterei fürchten, haben mit dem rechten Rand paktiert, um den so genannten linken Rand zu verhindern. Beschämend einfältig, doch folgerichtig und schlüssig.

Ja, manchmal ist es wichtig, sich in den Annalen noch einmal zu vergewissern. Max Reimann, sicherlich eine schillernde Figur und letzter Vertreter der KPD vor ihrem Verbot im Jahr 1956 war es, der bei der parlamentarischen Erörterung des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland den prophetischen Satz von sich gab, seine Partei sei gegen das Grundgesetz, übrigens weil ihr die Klärung der Eigentumsverhältnisse und deren gesellschaftlicher Verpflichtung nicht weit genug ging, aber seine Partei werde diejenige sein, die es irgendwann am vehementesten verteidigen müsse. Und so, wie es aussieht, ist die Notwendigkeit, das Mehrheitsprinzip, das durch das Votum des Souveräns bis heute galt, gegen diejenigen zu verteidigen, die sich bis dato mit dieser Verfassung brüsteten und nun in einem Rausch der Machtbesessenheit davon Abstand nehmen. 

Die Erfurter Vorfälle sind ein leuchtendes Signal für die Verhältnisse, die sich in bestimmten Parteien mittlerweile etabliert haben. Und wie sie es rezipieren, zeigt, dass sie an ihrem Kurs festhalten wollen. Die Bürgerproteste, die sich an den Eklat im Landtag anschlossen, als Aufmarsch von Sturmtruppen des linken Totalitarismus darzustellen, deutet auf eine sich zum Chronischen gesteigerten Gemütslage hin. Wenn sie von Sturmtruppen reden, erzählen sie von sich selbst. Ein Phänomen, das nicht selten ist. Ist zu hoffen, dass der Souverän noch einmal zu Wort kommt. Und, bitte, nichts vergessen!

Ein starkes Plädoyer für die Lektüre des Originals

Rüdiger Safranski, Hölderlin. Komm! ins Offene, Freund!

Wer sich aus Friedrich Hölderlin, zusammen mit einem eigenen soliden Anspruch an Qualität und Wahrhaftigkeit, einlässt, verschreibt sich keine leichte Kost. Es verlangt nach einer Konzeption, an deren Ende stehen muss, diesem nie ganz eindeutigen großen Lyriker des Deutschen annähernd gerecht zu werden. Rüdiger Safranski hat das alles auf sich genommen und es ist ihm, aus meiner eigenen bescheidenen Perspektive, gelungen. Unter dem Titel „Hölderlin. Komm! ins Offene, Freund!“ erschien eine Arbeit, die bei ihrer Erstellung herausfordernd war und die selbst herausfordert.

Safranskis Vorgehen ist vor allem gekennzeichnet durch biographische Notizen, die verdeutlichen, in welchen historisch-subjektiven Kontexten seine Werke entstanden. Aufgrund der leider nicht sonderlich guten Quellenlage unternimmt es Safranski, anhand der konkreten Werkstücke den gedanklichen Hintergrund zu dechiffrieren und die persönlichen, ästhetischen, philosophischen  und politischen Motive offenzulegen. Dadurch entsteht ein Bild, dass sich aus den Werken nicht unbedingt erschließen lassen würde, ebensowenig aus der reinen persönlichen Entwicklung.

Hölderlin lebte in vielerlei Hinsicht an einer Schwelle. Es ist der Anfang einer großen philosophischen Anstrengung, um der Aufklärung einen quasi göttlichen Fortschrittsbegriff zuzueignen. Hölderlin, Schelling und Hegel bilden einen Freundeskreis, der sich genau um diese Frage dreht und der erst zerbricht, als der große Poet selbst zerbricht. Hölderlin ist spezifisch: er kommt gedanklich über die Philosophie zur Poesie. Seine persönliche Schlussfolgerung aus seiner Suche nach Erkenntnis ist eine plurale Ontologie, d.h. er erklärt sich die Welt als eine in allem existierende göttliche Angelegenheit. Das versuchte er in seinem „Hyperion“ inmitten der Wirren, die die französische Revolution in den Gemütern auslöste, in einem literarisch dokumentierten Erkenntnisprozess darzulegen.

Ein besonderes, spezifisches und hypermodernes Faktum wird bei der Lektüre der Rekonstruktionen Safranskis deutlich. Hölderlin war ein Literaturproduzent in progress. Seine Werke entstanden oft über Jahre hinweg und er publizierte und diskutierte die unterschiedlichen Fassungen mit den ihm wichtigen Bezugspersonen, wozu der Übervater des deutschen Idealismus, Friedrich Schiller, gehörte. 

Die Stärke des Buches ist die gleichzeitig die Herausforderung. Indem sowohl die historischen Kontexte erzählt werden, einzelne Werke Hölderlins nah am Text interpretiert werden und die philosophischen Botschaften in ihrem diskursiven Zusammenhang dargestellt werden, wird die Leserschaft nicht unbeträchtlich herausgefordert. Das Positive am Resultat ist doch ein geschärfter Blick auf Leben und Werk eines gleichzeitig blühenden wie zerrütteten Lebens. 

Es erscheint ein zarter, sensibler Friedrich Hölderlin, der sicherlich mit die schönsten und mächtigsten Zeilen in deutscher Sprache schrieb, der aber auch aufgrund seiner Metaphorik von vielen unterschiedlichen und vor allem politischen Kontexten wunderbar missbraucht werden konnte. Und es zeigt sich ein Hölderlin, der an der Wucht seiner Vorstellung, dass sich das Göttliche, das Schöpferische in jedem Atemzug der Natur auf seine eigene Weise offenbare, mit dem Meisterstück der eigenen Fähigkeit, dieses in Worte zu fassen, zerbrach.

Die Tragik seines Zusammenbruchs macht bis heute seine Rezeption in nicht unbeträchtlichem Maße aus. Der Mann, der die Hälfte seines Lebens, über drei Jahrzehnte lang, sein Dasein in einem Tübinger Turm fristete, reizt zu sehr zu wilden Spekulationen und Mythenbildungen. Safranski weist auch diesen Spekulationen ihren Platz. Was bleibt, ist der tiefe Wunsch, mehr von dem Mann zu erfahren, um den es hier geht. Safranskis Buch bringt das Bedürfnis hervor, das Original zu lesen. Ein unschätzbares Verdienst!