Archiv für den Monat Februar 2020

Die zentristische Welterklärung und der Fall aus den Wolken

Was passiert, wenn Menschen irgendwann feststellen, dass das Bild, das sie selbst von der gesellschaftlichen Realität haben, in der sie leben, und das ihnen täglich von allen Seiten bestätigt und vermittelt wird, ein Gebilde der Phantasie ist? Wenn sich herausstellt, dass alles, was sich so leicht einordnen ließ, sich plötzlich als Phantasmagorie herausstellt? Wenn klar wird, dass man sich in einem Dasein fühlte, das überschaubar erschien und die Zufriedenheit der eigenen Verortung vermittelte, sich als ein großartiger Trugschluss herausstellt? Ja, dann kommt das zum Vorschein, das mit der schönen Redewendung, man fiele aus allen Wolken, sehr gut beschreiben ist. Der Fall aus den Wolken ist zumeist hart. Und er erzeugt große Verbitterung.

Die Darstellung der Welt, wie sie aus eigener Bequemlichkeit sein soll und wie es andere sehen, die nichts dagegen haben, dass der Trugschluss das Bewusstsein dominiert, hat sich zu einem seltsamen Standard gemausert. Nicht, dass nicht aus jedem Land ein Bild generiert würde, das die eigene Befindlichkeit mit einfließen ließe. Dieses Phänomen lässt sich auf der ganzen Welt beobachten. Eigene Vorstellungen und Interessen fließen immer mit ein in das, was sich Welterklärung nennt. Sollte dieses Konstrukt jedoch zu sehr von dem abweichen, was die Gesamtheit der Eindrücke und Deutungen ausmacht, wird das Erwachen zumeist ein Albtraum. Und der Umgang damit will gelernt sein.

Die immer wieder festzustellende Dominanz der eigenen Sichtweise gehört zum täglichen Geschäft der Nachrichtenindustrie. Diejenigen, die dort aktiv sind und an diesem verzerrten Weltbild arbeiten, haben es zum Teil nicht anders gelernt oder sie sind bewusste Funktionäre der Mystifikation. Letztere sind die so genannten Chefideologen der herrschenden Verhältnisse, die alles daran setzen, um von der durchaus vorhandenen Fährte auf der Suche nach Realität und Wahrheit abzulenken. Es ist nützlich, genauer zu betrachten, wie sie beruflich sozialisiert wurden, von wo sie Anerkennung erhalten und von wo sie ihr Geld bekommen. Dieses dann zu deuten, ist ein leichtes Spiel. 

Erkenntnistheoretisch ist die Überführung der gesellschaftlichen Realität, die die Verhältnisse auf der Welt beschreibt, ebenfalls keine allzu schwere Aufgabe. Ja, eine absolute Wahrheit existiert außer in philosophischen Konstrukten wohl nicht, aber der einfache Leitsatz, dass die Summe aller relativen Wahrheiten der einen, „objektiven“ Wahrheit sehr nahe kommt, dürfte nun doch nicht verblüffen. Ganz im Gegenteil: das Eingeständnis, dass noch andere Realitäten außer der eigenen existieren, führt zu einem größeren, tieferen Verständnis einer multi-existenziellen Welt, wie sie nicht abgestritten werden kann. Eine Chinesin hat einen anderen Blick auf die globale Realität als ein Amerikaner, ein Portugiese sieht die Verhältnisse anders als eine Russin und Australier sehen die Lebensumstände und ihre internationalen Interdependenzen anders als Menschen aus Zimbabwe. Diese einfache, logische und in ihrer Wirkung beträchtliche Erkenntnis ist Grundlage für das, was immer mehr durch den Äther dringt: Die Anerkenntnis einer multipolaren Welt. 

Die Kommunikation in dieser nicht einem einfachen Schema folgenden Welterklärung, die mit Gut und Böse oder Ost und West oder Nord und Süd beschrieben werden kann und nur in den Dunkelkammern der systematisierten Täuschung existiert, ist schwierig und neuartig. Sie schließt das koloniale System der Daseinsdarstellung aus und erfordert Plattformen und Kammern der Verständigung, die zum Ziel haben, die vielen subjektiven Wahrheiten mit dem Großen und Ganzen zu arrangieren. Das wird die Widersprüche und unterschiedlichen Interessen nicht beseitigen. Aber es wird dem Duktus die Existenz abgraben, der mit dem eigenen Zentrismus der Betrachtung die Welt verwüstet.

Der zornige Iwan und die pikierte Gouvernante

Es gilt im Allgemeinen als untrügliches Alarmzeichen, wenn einem die Tragweite des eigenen Handelns nicht mehr bewusst ist. Ein solcher Umstand ist der Eintritt in die soziale Disruption. Die Person macht etwas, ohne zu reflektieren, was es mit anderen Personen macht, die von dem eigenen Handeln betroffen sind und sie ist sogar erstaunt, wenn Reaktionen kommen. Was im zivilen, persönlichen Bereich oft mit einer Irritation und nicht selten mit einer Tragödie oder einer professionellen Therapie und etwas Hoffnung endet, ist in der Politik die beste Voraussetzung für eine Katastrophe. 

Ein Akteur, der den beschriebenen Anschein erweckt, ist sicherlich der derzeitige amerikanische Präsident Donald Trump. Ihn jedoch in der Wahrnehmung als einen armen Tropf zu verbuchen, wäre ein gefährlicher Irrtum. Bei ihm, den die Medien gerne als einen erratischen Wirrkopf ohne Tischsitten darstellen, handelt es sich um bewusstes Kalkül. Was sich die meisten Menschen, die in einer zivilen Atmosphäre sozialisiert wurden, nicht vorstellen können oder wollen, ist bei ihm der Fall. Er spielt bewusst mit der Beschämung, der Brüskierung, der Provokation anderer und sieht sich an, was dann passiert. Trump ist kein pathologischer Fall im Sinne einer sozialen Störung, er ist ein Paradebeispiel für ein Individuum ohne sozialen Kodex. Vornehm ausgedrückt, könnte man ihn als eine Blaupause des Utilitarismus bezeichnen. Aber das nur für diejenigen, die selbst in der Verrohung noch einen ästhetischen Anspruch pflegen wollen.

Ob nun, um zu einem anderen Fall zu kommen, eine Bundesverteidigungsministerin, die vor allem in diesem Amt selbst mit der Chiffre AKK kokettiert, die mildernden Umstände einer pathologisch dissoziierten Person in Anspruch nehmen kann und ob ihr eine Therapie hülfe, sei dahingestellt. Dass sie sich jedoch so verhält, als hätte sie nicht den leisesten Schimmer, wie das von ihr politisch zu verantwortende Verhalten auf andere Beteiligte auswirkte, ist ausgemacht.

Im Rahmen einer „Rettungsaktion“ deutscher Staatsbürger aus dem chinesischen Wuhan, das als Zentrum der Corona-Infektion gilt, wurde ein Flugzeug der Luftwaffe eingesetzt. Selbstverständlich hatten die chinesischen Behörden zugestimmt und alles verlief reibungslos, bis auf den Rückflug, bei dem Russland einen Zwischenstopp auf dem eigenenTerritorium untersagte und folglich eine andere Route genommen werden musste. Frau AKK drückte in ihrem Pressestatement ihre Irritation über das russische Verhalten aus und formulierte in der Strenge einer pikierten Gouvernante, dass sie darüber nicht amüsiert und der Vorfall an anderer Stelle noch zu betrachten sei.

Nun muss konzediert werden, dass das russische Verhalten unter normalen Umständen durchaus Grundlage einer Irritation sein könnte. Was spricht dagegen, bei alle Menschen und Staaten betreffenden Gefahren international nicht zu kooperieren? Die Antwort ist einfach: der nicht oder schlecht informierte Bürger attestierte in einem solchen Fall dem russischen Part zumindest das Attribut eines Gemeinwesens ohne Herz und ohne Berechenbarkeit. 

Wer allerdings informiert ist, weiß, dass sich derzeit in einem seit dem Kalten krieg nie gekannten Ausmaß NATO-Truppen versammeln, um in einem Mammut-Manöver dem Iwan direkt an dessen Grenze das Fürchten zu lehren. Zu dem Aufgebot gehören auch alle deutschen Waffengattungen inklusive der Luftwaffe. Dass der seinerseits irritierte Iwan da mächtig angeraunzt ist und er sich nicht in Kooperationslaune befindet, wundert da in keiner Weise.

Bliebe nur noch die Frage, ob die offiziell dafür verantwortliche Ministerin eine eher bemitleidenswerte Person ist, die die Tragweite ihre eigenen Handelns nicht mehr überblickt und der empfohlen werden sollte, sich professionelle Hilfe zu holen, oder ob sie vom Naturell her mit dem großen Cowboy jenseits des Atlantiks verglichen werden kann, en miniature, versteht sich? Man kann es drehen und wenden, wie man will. Beides wäre und ist eine ausgewachsene Katastrophe.