Archiv für den Monat Januar 2020

Alles Lüge?

Alles Lüge? Alles Propaganda? So einfach ist es nicht! Die Kritik an der Berichterstattung über die Ereignisse und Begebenheiten auf dieser Welt durch staatlich gesicherte Institutionen ist vielseitiger, als viele in ihrer berechtigten Kritik noch wahrnehmen. Immer wieder sind Quellen und Sendungen zu registrieren, die einen durchaus qualifizierten und kritischen Zugang zu den Phänomenen erlauben. Sie sind versteckt, entweder auf Kanälen, die nicht massentauglich sind oder sie werden ausgestrahlt zu Zeiten, während derer viele bereits im Bett liegen.

Ein anderer Aspekt, der tatsächlich durch die Unterstellung der bewussten Unterlassung oder Fehlinformation gut beschrieben ist, ist die politische Manipulation. Auch die findet statt, und zwar zu den Hauptsendezeiten. Ein aktuelles Beispiel ist die Berichterstattung über die Protestbewegung und den Streik gegen Macrons Rentenpläne in Frankreich. Da wird ganz klassisch im Sinne der Propaganda gearbeitet: die Franzosen dürfen schon viel früher aufhören zu arbeiten, ihr Rentensystem ist ein riesiger bürokratischer Apparat und sie streiken halt gerne. Schön gesprochen. Dabei handelt es sich um einen Unsinn, der auch im I. Weltkrieg aus deutschen Schützengräben hätte kommen können. 

Was die vereinigte Gilde der Nachrichtenmacher nicht machen, außer durch das Vorenthalten von Fakten und die Inszenierung bewusster Emotionalisierung, ist zu erklären, was jedermann, der sich mit dem Thema beschäftigt, sofort sieht, ist die Erklärung der Bilder. Auf denen, und zwar nahezu allen, die zahlreich verfügbar sind, führen die Streikenden als große schwarze Ungeheuer dargestellte Figuren und Transparente mit, auf denen Black Rock steht. Dass diese Tatsache darauf schließen lässt, dass es bei diesem heftigen Kampf um die Privatisierung der Rentenkassen geht, diesen Schluss konnte man bis heute nicht hören. Die Qualifizierung dieses Vorgehens als politische Propaganda ist durchaus zulässig.

Und neben der tatsächlich guten Recherche und deren bewusster Unterdrückung kommt zunehmend noch ein Phänomen hinzu, das aus vielleicht am besten als ein Schreiben und Berichten im Trend genannt werden kann. Dabei handelt es sich um die unreflektierte Übernahme bestimmter Erklärungsmuster, die gesellschaftlich en vogue sind. Das beste Beispiel dafür ist die Behauptung, die Waldbrände in Australien seien auf den Klimawandel zurückzuführen. Es hört sich plausibel an, ist als ein Teilaspekt nicht auszuschließen und stösst auf allgemeine Zustimmung. Was es verschleiert, ist die Tatsache, dass die Verheerungen durch die Privatisierung von Wasser ausgelöst werden. 

Der Wasservorrat in Australien stammt aus den immer noch vorhandenen Reservoirs aus dem tropischen Teil. Dort wurden allerdings die unterirdischen Quellen angezapft und das Wasser in privat betriebene Stauseen geleitet. Als Folge blieben alle Flüsse trocken und somit dörrte das Land dort aus, wo es zwar klassisch saisonal brennt, es aber durch eine Grundfeuchtigkeit nicht zu solchen Folgen kam. Übrigens ein analoges Phänomen wie in Kalifornien, wo die Wasserprivatisierung ähnlicher Natur dafür sorgt, dass die Wälder brennen und die Swimmingpools voll sind.

Die Reaktion auf diese aus Unwissenheit resultierenden Berichterstattung sind Debatten über die eigene Verantwortung der hiesigen Bevölkerung in Bezug auf ihr Konsumverhalten. Auch diese Frage ist berechtigt, aber sie lenkt gewaltig ab von den tatsächlichen Ursachen der mehr und mehr um sich greifenden global relevanten Umweltkrisen. Alles ist zulässig, nur nicht die Schlussfolgerung, dass die freie Wirtschaft und die in ihr aktiven Kräfte der rücksichtslosen Gier etwa mit der Zerstörung des Planeten zu tun hätte.

Ja, es ist komplex. Mal ist es Propaganda, mal ist es guter Journalismus und mal ist es grenzenlose Naivität. Die Zeit für eine solche Unterscheidung sollte man sich nehmen, sonst ist man schnell in einem Strudel, in den man einfach nicht gehört.  

Der Manager und das Mädchen

Das ging schnell. Joe Kaeser, Chef von Siemens, lud mal schnell die kleine Neubauer von der Fridays-for-Future-Bewegung zu einem Gespräch ein und bot ihr hinterher gleich einen Vorstandsposten bei seiner Firma an. Ja, so macht man das. Frau Neubauer war wohl etwas überwältigt und musste sich einige Zeit sammeln, bevor sie absagte. Das hat sie gerettet. Hätte sie zugesagt, wäre das einem massiven Schlag gegen die eigene Bewegung gleichgekommen. Die Idee hätte gelitten, der Rest der Bewegung hätte gelitten und Frau Neubauer hätte ihre Seele verkauft. Wie sich damit lebt, haben schon andere bewiesen. Materiell geht es ihnen gut, das Stimmige in der eigenen Psyche ist dahin. Wer sich dafür bezahlen lässt, eine Idee zu schänden, findet das persönliche Glück nicht mehr.

Signore Kaeser dachte indessen wohl, nichts würde so heiß gegessen, wie es gekocht wird. Warum sollte plötzlich auch alles anders sein? Da stellst du eine schöne Schachtel Pralinen auf den Tisch, und die Damen sind dir zugeneigt. Wenn es sein muss, noch eine Flasche Kognak und ein Paar Seidenstrümpfe. Dann ist aber auch gut! Ohne Frau Neubauer heroisieren zu wollen, denn sie hat noch viele Prüfungen vor sich, die sie wird bestehen müssen und in denen sie wird zeigen müssen, dass sie mehr ist als eine Variante des üppigen Mittelstandes, aber auf diesen Trick aus der Vertreterbranche des Wirtschaftswunders ist sie nicht hereingefallen. Signore Kaeser hingegen hat, ohne es zu wollen, dokumentiert, wie der fortgeschrittene Teil seiner Branche verhaftet ist in Werten, Verhaltensweisen und bei der Anwendung von Instrumenten, die von Sizilien aus den erfolgreichen Siegeszug in die Industriezentren dieser Welt genommen haben. Der Ehre wie der Zuversicht halber sollte allerdings nicht übersehen werden, dass aus der Industrie heraus selbst auch einiges an Umdenken entwickelt wird, ohne das eine Veränderung keine Chance haben würde.

Die umworbene Bewegung, die bis heute, was die zeitlichen Aktivitäten betrifft, nur punktuell in Erscheinung tritt und die, was ihre Programmatik anbetrifft, noch vieles klären muss, kann aus der Avance aus dem deutschen Top-Management zumindest lernen, wie schnell es gehen kann, dass politische Relevanz festzustellen ist. Das ist wohl auch das Positive, das aus dem Ereignis spricht. Mehr nicht. Und es wird dabei bleiben, wenn jetzt nicht mehr folgt. 

Wut allein im Bauch reicht nicht aus. So etwas muss praktische Folgen haben. Mit diesen Worten Bertolt Brechts ist genau das umschrieben, was die junge Bewegung vor sich hat. Die praktischen Folgen, sprich gezielte Maßnahmen gegen den Klimawandel, wird es nicht geben, wenn keine breite Front hergestellt werden kann zwischen denen, die mit der Vernichtung und Zerstörung von Ressourcen Geld verdienen und denen, die darunter zu leiden haben. Ökonomie, Ökologie und Frieden gehören zusammen. Und es ist eine schwere Hypothek, die da auf den Schultern vieler lasten. Denn jetzt nur auf die junge Bewegung zu schauen und selbst in der Betrachterrolle zu verharren ist nahezu eine Garantie für deren Scheitern. 

Die Spange zwischen Wirtschaftsinteressen, Friedenswunsch und Sphärenschutz ist von verschiedenen Seiten her zu schließen. Die seit den Balkankriegen am Boden liegende Friedensbewegung muss ebenso auferstehen wie die befriedete Gewerkschaftsbewegung, um die neue, nicht von irgendwelchen Think Tanks gesteuerte ökologische Bewegung zu unterstützen. Nur im Schulterschluss der allseitigen Aktivierung kann auch das verhindert werden, was als eine Spaltung der Generationen bereits inszeniert durch viele Köpfe geistert. 

Together we stand, divided we fall. Let´s work together!