Archiv für den Monat Januar 2020

Von Soho zur City of London

Joachim A. Lang, Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm

War es ein Wunder? Dass die Uraufführung von Brechts Dreigroschenoper entgegen aller Erwartungen zu einem erdbebenartigen Erfolg wurde? Der englischen Vorlage, Beggars Opera, entlehnt, brachte der Dramaturg da ein Stück auf die Bühne, das schräg wirkte. Eine Ohrfeige für das Genre der Oper, eine Kampfansage an den ästhetischen Genuss, an das Sich-Einfühlen-Können und an die Erholung durch Illusion. Stattdessen sangen und schrieen die Akteure dem zeitgenössischen Kapitalismus eine scheinbare Überzeichnung nach der anderen ins Gesicht. Die Metaphern: Betrug, Mord, Raub, Prostitution. Anhand von Mackie Messer, der Gangsterkönig von Soho, und Peachum, der das Geschäftsmodell der Bettelei anwendet und beherrscht, wird gezeigt, dass es sich nicht um Outcasts oder Dropouts eines Systems, sondern um geschäftsmäßige Protagonisten handelt. 

Der Erfolg war grandios. Ein Jahr vor dem großen Börsenkrach, der den Weltkapitalismus in eine tiefe Krise stürzen sollte, wurden die Textzeilen aus Brechts Dreigroschenoper zu den Erklärungsmustern einer scheinbar untergehenden Welt. Auf der Straße, in den Nachtclubs und Varietees grölten enthemmte Scharen die Couplets aus dem Stück. Kein Wunder, dass Brecht auf die Idee kam, das Ganze im Genre des Films noch einmal, aber aus seiner Sicht weiterentwickelt, zu versuchen. Der Film „Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm“ macht sich daran, die zentralen Aussagen des Originals, seine Inszenierung wie die Entstehung eines Films mit den Mitteln genau der Technik zu illustrieren, die Brecht als das epische Theater bezeichnete. Das ist ambitioniert.

Meines Erachtens ist es gelungen. Allerdings zu dem Preis einer wahrscheinlich für viele Zuschauerinnen und Zuschauer ermüdenden und teilweise verwirrenden Abfolge von Sequenzen, die sich mal auf die zentralen Aussagen der Dreigroschenoper, mal auf die Konzeption des Films und mal auf die Lebensumstände und Interventionen der realen Person des Bertolt Brecht beziehen. Wer das in Kauf nimmt und durchhält, wird reichlich belohnt. Der Anspruch eines normalen Films wird gesprengt, in der „Dokumentation“ über die gescheiterte Entstehung des historisch tatsächlich als Projekt angegangen Films wird zu einem Labor, in dem die Leitsätze des Kapitalismus freigelegt werden, in dem das Verhalten eines „eingelullten“ und eines aufgeklärten, räsonierenden Publikums seziert und modelliert wird und in dem ständig aktualisiert wird

So ist es folgerichtig, dass in den Schlusssequenzen aus dem Gangsterkönig des einstigen Sündenbabels Soho ein respektabler Banker in der City of London wird. Die Grundlagen des Erfolgs als Moloch ohne Moral sind die besten Referenzen für das Bankwesen mit seinen Börsenspekulationen. Somit ist der Film nicht nur ein Nachweis für die nahezu prophetischen Worte aus der Dreigroschenoper in Bezug auf den ein Jahr später folgenden Schwarzen Freitag an der New Yorker Börse, sondern auch eine zeitgenössische Referenz an die von der City of London ausgehenden globalen Börsenspekulationen. 

In den letzten Sequenzen des sehr zu empfehlenden Films ist nicht nur die ehrenwerte Gesellschaft des neuen Finanzkapitals in seinen Glas- und Metalltürmen zu sehen, sondern auch die in den Bezirk eindringenden Bettler und Mittellosen, die dem ganzen Spuk ein Ende zu machen drohen. Ob das jedoch prophetischen Charakter hat, bleibt aktuell abzuwarten.

Weltpolitik zwischen Adrenalin und Einsamkeit

Ben Rhodes, Im Weißen Haus. Die Jahre mit Barack Obama

So trivial es klingt: Der Vorteil eines Redenschreibers, wenn er oder sie denn gut ist, besteht darin, dass er sehr schnell und unter unruhigen Bedingungen in der Lage ist, das Notwendige griffig zu formulieren. Dass bereits 2018, also zwei Jahre nach Ende von Obamas Präsidentenzeit, ein mehr als fünfhundert Seiten umfassendes Werk vorliegt, das in lockreren, gut lesbarem Ton geschrieben ist und sowohl die politischen Schwerpunkte als auch die innere Psychologie dieser Periode illustriert, ist dem Redenschreiber Obamas, Ben Rhodes, zu verdanken. Vom Wahlkampf 2008, über die zwei Wahlperioden bis zum Tag der Inauguration von Obamas Nachfolger, Donald Trump, werden die Ereignisse und Begebenheiten erzählt, die in das Narrativ des ersten US-Präsidenten afro-amerikanischer Provenienz passen.

Was den bei Amtsantritt Obamas noch jüngeren Rhodes schockierte, war die Differenz zwischen der Programmatik des Wahlkampfes und dem tatsächlichen Erbe eines Amtes, bei dessen Ausübung nicht einfach alles auf Null gestellt werden kann. Obamas Bürde, so Rhodes, bestand darin, die großen Hypotheken wie Verwerfungen der Bush-Ära korrigieren beziehungsweise zu einem schlechten Ende führen zu müssen. Zentral dazu gehörte der Irak-Krieg und alles, was mit dem zweifelhaften Krieg gegen den Terror zusammenhing. Obamas Strategie, in geordnetem Rückzug sich aus den Aggressionsarealen vor allem im Nahen Osten zu verabschieden, kostete ungeheure Kraft und gelang dann doch nicht.

Nicht, dass bei einem solchen Buch zu erwarten wäre, dass die Grundfesten der USA-Doktrin, nämlich die Werte-Dominanz des eigenen Systems, in Zweifel gezogen würden. Was jedoch dennoch sehr interessant zu lesen ist, ist wo Obama und sein Team die Schwerpunkte setzten, wo sie Ziele erreicht haben und wo sie weshalb gescheitert sind. Da waren Versprechen aus dem Wahlkampf, wie die Aufspürung und Liquidierung Bin Ladens, da waren der Abzug der Truppen aus dem Irak, da war die Weigerung, eigene Truppen nach Syrien zu schicken, da war die Ukraine-Krise, da war das Thema Guantanamo, da waren die Klimaziele und da war der Versuch, die Beziehungen zu Kuba zu normalisieren. Diese Ereignisse und Begebenheiten aus der Betrachtung des Inner Circle noch einmal zu betrachten, ist dahingehende hilfreich, auch aus der Begrenztheit der Möglichkeiten von Regierungshandeln bestimmte Schlüsse zu ziehen.

Was auffällt, ist das Kuriosum, dass Ben Rhodes als Redenschreiber wie als Verantwortlicher des präsidialen Sicherheitsrates es vor dem eigenen Auge fertigbringt, nicht die Triebkräfte zu erwähnen, die letztendlich die expansive und imperiale Linie der USA bestimmen. Die innere Kontroverse reduziert sich auf die Spannungen mit den Republikanern, die interessant und furchtbar, aber nicht erschöpfend ist. Die Pressure Groups von den verselbständigten Geheimdienstorganisationen bis hin zu den Lobbyisten aus dem militärisch-industriellen Komplex, der globalen Digital-Konsortien und der traditionell dominanten Ölindustrie werden nicht in einem Satz als regierungsrelevante Faktoren erwähnt. 

Dennoch ist die erzählte Geschichte authentisch, weil sie, ohne dass es der Autor vielleicht intendiert hat, die Dilemmata der Machtausübung sehr eindringlich zum Vorschein bringt. Die einzelnen Episoden,  die nichts anderes als spätere Weltgeschichte sein werden, beschreiben das kleine, einzelne Individuum in der großen Apparatur der Macht, deren Eigendynamik und die Strategien derer, die darin überleben wollen. Dazu gehören die körpereigene, permanente Adrenalinüberproduktion, der permanente Hype und die faktische Liquidierung der privaten Sozialsysteme. Man überlebt, und der erste Preis ist die Einsamkeit.