Archiv für den Monat Dezember 2019

Wandel: Momentane und strategische Sicherheit

Der Zustand taucht in einem Leben immer wieder einmal auf: das Gesetzte erscheint plötzlich zweifelhaft, der Rahmen, in dem sich alles abspielt, beginnt Risse zu zeigen, die Akteure im Tableau der eigenen Existenz beginnen ihr Verhalten zu ändern und alles gerät ins Wanken. Von der Faktenlage her ist damit ein normaler Vorgang, der Wandel,  beschrieben, der der Daseinsform der Bewegung zugeschrieben werden kann. Für das Individuum selbst wird dieser Umstand zumeist als Krise erlebt. Das, was die Predigerinnen und Prediger des ewigen Change nicht müde werden zu verkünden, so die Sicht der zumeist verängstigten Individuen, nämlich das Wandel immer auch Chancen beinhaltet, perlt ab und die Angst um die Sicherheit der eigenen Existenz überwiegt.

Die Angst vor der Veränderung ist nichts Neues und sie ist älter als die Anthropologie, die zu erklären versucht, warum sich Menschen in ihrem Ethno- und Sozialmilieu so verhalten, wie sie es tun. Während die Vertreterinnen und Vertreter der konservativen Anthropologie es dabei belassen, die Angst vor Veränderung quasi aus dem Sozialisationsprogramm des Homo sapiens zu erklären und sein Streben nach Sicherheit zu einer Konstante seiner Existenz zu machen, stellen sich andere, kritischere Ansätze, der Frage, ob es nicht eine Qualität im menschlichen Bewusstsein gibt, die in der Lage ist, zwischen einer, nennen wir es momentanen Sicherheit und einer strategischen in der Lage ist, zu unterscheiden.

Das hieße, dass Menschen in der Lage sind, die scheinbare Sicherheit, in der sie leben, als eine trügerische zu entlarven, weil sie es vermögen, die Entwicklung aller bestimmenden Faktoren in die Zukunft zu projizieren und erkennen, dass es fatal sein könnte, wenn die momentane, trügerische Sicherheit nicht durch einen willentlichen, gewaltsamen Eingriff aufgelöst und durch etwas Neues ersetzt werden sollte. So etwas nennt man strategische Weitsicht.

Dass die Globalisierung unter dem Vorzeichen frei agierender Waren- und Finanzmärkte nicht nur Ressourcen erkannt und verbraucht, Produktionsweisen radikalisiert und Verhaltensweisen geändert hat, ist unbestritten. Dass zudem die Sicherheiten, die auf überschau- und kalkulierbaren Zeiträumen basieren, durch die Halbwertzeiten der ökonomischen wie technologischen Entwicklung nicht mehr lange Geltung haben, sollte bewusst sein. An dieser Stelle ist jedoch eine eigenartige Widersprüchlichkeit zu erleben. Obwohl es offensichtlich ist, dass die erlebte Sicherheit in Gefahr ist, wird daran auf Hochtouren gearbeitet, eine Trance herzustellen, die trotz aller sichtbaren Indizien den Trugschluss vorherrschen lässt, alles könne so bleiben, wie es ist und nichts von den bekannten Faktoren der Existenz sei in Gefahr. Es ist das Geschäft der Beschwörer und Demagogen, die das Momentane zu einem Zeitpunkt betonen, wo das Strategische immer bedeutsamer ist.

Neben denen, die das Jetzt beschwören, um der politischen Krise – vergeblich – zu entkommen suchen, tauchen vermehrt auch wieder diejenigen auf, die es schon immer gewusst haben und vor allem mit der Botschaft brillieren, alles ende in einem einzigen Desaster und das sei unvermeidlich. Das scheint ihre Rolle zu sein. Damit vergrößern sie die Ängste vor der notwendigen Veränderung, ohne dazu beizutragen, die Verunsicherten der Notwendigkeit einer strategischen Sicht näher zu bringen. Und diejenigen, die mit der Botschaft hausieren gehen, alles sei doch in Ordnung, legen, ohne dass sie sich dessen immer bewusst sind, die Lunte für das große Feuer, das entsteht, wenn diejenigen, die ihnen vertraut haben, in einer aus ihrer Sicht letzten Eruption ihre Angst in unbändige, destruktive Kraft verwandeln.  

Nord Stream 2: Gefracktes Gas und ideologische Armenspeisung

Oh, welch ein Malheur, ich hab meine Unschuld nicht mehr! Mit den Zeilen eines Gassenhauers aus der großen Weltwirtschaftskrise des letzten Jahrhunderts könnten die politischen Ereignisse unserer Tage ebenfalls bestens karikiert werden. Die jüngste, „fürsorgliche“ Maßnahme des „Verbündeten“ USA gegen das Projekt Nord Stream 2 ist so ein Anlass, der die klaffende Wunde zwischen knallharter Machtpolitik und ideologischer Verpackung auf den hell erleuchteten Seziertisch der Analyse legt. In Anbetracht dessen, was die USA als Ziel verfolgen, gleicht das  alte Narrativ vom Bündnispartner einer ideologischen Armenspeisung.

Um die Faktenlage kurz zu erläutern: Das Projekt Nord Stream 2, durch das russisches Erdgas durch Pipelines in der Ostsee an Deutschland geliefert werden soll, ist technisch kurz vor dem erfolgreichen Abschluss. Russland, respektive die Sowjetunion hat selbst in den sehr angespannten Lagen des Kalten Krieges Energielieferungen nie als Druckmittel genutzt. Die Trennung von Geschäft und ideologisch-politischer Befindlichkeit war immer gewährleistet. Die US-Regierung unterstellt nun gerade dieses und sieht die Unabhängigkeit der Bundesrepublik Deutschland gefährdet. Zudem litte die Ukraine unter der Realisierung des Projektes, da die Transiteinnahmen für Energielieferungen durch die Ukraine entfielen.

Eine Bilanzierung des bundesrepublikanischen Energiebedarfs zeigt jedoch, dass die unterstellte Abhängigkeit keinesfalls bei einer Realisierung von Nord Stream 2 eintreten wird. Hinzu kommt eine in diesen Tagen erzielt Vereinbarung zwischen der Ukraine und Russland über Garantien für Transiteinnahmen. Die trotz aller argumentativen Schwächen seitens der USA gemachte Offerte, statt des russischen Erdgases gefracktes amerikanisches Gas zu importieren, offenbart, dass die Schamgrenze der US-Administration konsequent nach unten verschoben worden ist. Es wird deutlich, worum es geht. Russland zu schaden, Deutschland zu schaden, Europa zu spalten und dabei noch ein Geschäft zu machen.

Es ist, wie es immer ist in Zeiten, in denen alte Ordnungen zerfallen. Niemand weiß so richtig, in welche Richtung sich alles entwickelt. Wer wird sich aus dem altvertrauten Ensemble wohin bewegen? Wo sind neue Bündnispartner oder neue Bündnisse? Das Beste in einer solchen Situation ist, sich der eigenen Interessen bewusst zu sein und diese als Orientierung für die Umschau nach neuen Partnerschaften fest im Blick zu haben. Verheerend dagegen ist das Lamento über den Verlust und die nostalgische Rückschau auf die guten alten Zeiten. Die Zeit, die beim Weinen vergeht, ist verlorene Zeit. 

Nord Stream 2 und die dieses Projekt arrondierende Politik ist deshalb so interessant, weil es genau diesen Prozess des Zerfalls der alten Ordnung und den Umgang der verschiedenen Akteure mit den eignen Interessen und denen der anderen agierenden Partner sehr anschaulich illustriert und zeigt, wer seine Ziele bündelt. Da sind die USA in einer herausgehobenen Position: Sie wollen gleich, um in ihrer Metaphorik zu bleiben, eine ganze Schar von Vögeln mit einem einzigen Schuss vom Himmel herunterholen, indem sie Deutschland und Russland wirtschaftlich schaden, verschiedene Staaten in Europa spalten und zudem ihr eigenes Frack-Gas zu saftigen Preisen verkaufen. Dagegen steht das deutsche Interesse nach nach diversifizierter Energieversorgung, das europäische Interesse nach vernünftigen zwischenstaatlichen Beziehungen, auch und eben mit Russland und eine ökologisch orientierte Energiepolitik.

Dass ausgerechnet die Grünen der amerikanischen Argumentation gegen Nord Stream 2 folgen, mag viele verwirren, ist allerdings so ungewöhnlich nicht. Manche sagen, warum sie das machen, weiß nur der liebe Gott. Den zu fragen geht allerdings im Moment schlecht. Denn der liegt, wie meist in diesen Tagen, leicht beschwipst vorm Backofen.