Archiv für den Monat November 2019

Politik: Zur Aktualität einer Oper

Die Streuweite bei Wahlen vergrößert sich. Von Erfurt bis Madrid wird deutlich, dass die Dominanz dessen, was als große Volksparteien bezeichnet wird, auch in den Ländern mit den vermeintlich stabilsten Verhältnissen bröckelt. Überall schießen kleine Parteien aus dem Boden, die für bestimmte Partikularinteressen stehen und dennoch zumindest temporär soviel Zustimmung bekommen, dass sie in die Parlamente kommen. Das macht es für die ehemaligen Platzhirsche, die bequeme Mehrheiten kannten, zunehmend schwerer. Hinzu kommt ein Trend, der das Maß an Veränderung noch weiter treibt: Die Renaissance einer Rechten, die machen kann, was sie will, aber dennoch gewaltige Stimmenanteile auf sich vereinen kann. Immer mehr Menschen stellen Vergleiche zur Weimarer Republik und deren Untergang an. Historische Vergleiche können, sofern das Ziel Erkenntnis und nicht Propaganda ist, sehr hilfreich sein.

Im Staccato: Die Weimarer Republik entstand aus einem verlorenen Krieg, einer verratenen Revolution und der Ermordung ihrer Führer und einer Allianz aus preußischem Großgrundbesitz, Militarismus, Industrialismus und neuem Finanzkapitalismus. Als Pendant zu einer zunächst boomenden Industrie entwickelte sich eine organisierte Arbeiterbewegung, die ihrerseits in ein sozialdemokratisches und ein kommunistisches Lager tief gespalten war. Der Metropolitan Liberalismus einer Stadt wie Berlin führte zu den geistesgeschichtlich wohl produktivsten Tagen des Jahrhunderts, lieferte allerdings auch die emotionalen Hassbilder für alle, die mit dem Höllentempo von Welthandel, sich selbst revolutionierendem Industrialismus und der damit einher gehenden Börsenspekulation nicht mehr Schritt halten konnten. Der Börsencrash von 1929 setzte allem schönen Schein ein jähes Ende. 

Das, was für viele Nachgeborene aus heutiger Sicht erst allmählich mit dem Kapitalismus identifiziert wird, war in der Weimarer Republik in Reinkultur zu beobachten. Der Kapitalismus als das Prinzip ohne Moral, oder besser, mit nur einer Moral, nämlich dem Profit als Ultima Ratio. Um diesen zu erreichen, war alles erlaubt, mit einer Brutalität, deren Charakter sich aus heutiger Sicht in vielen europäischen Ländern erst langsam im Verständnis abzeichnet. Dass es sich bei dieser These um keine Übertreibung handelt, möge ein kulturelles Indiz beweisen. 

Kein Bühnenstück der Welt hat es geschafft, mit seinen Texten dermaßen in die Köpfe einer gesamten Gesellschaft vorzudringen und über Generationen zu bleiben wie die aus Bertolt Brechts Dreigroschenoper. In seiner 1928 im Theater am Schiffbauerdamm uraufgeführten  Bettleroper, in der die geschäftsmäßige Nutzung der Armut mit dem kriminellen Geschäftsmodell des nackten Verbrechens konkurriert, wird die Quintessenz in Lieder gefasst, deren Sequenzen bis heute im Volksmund sind. Ob für dieses Leben der Mensch nicht gut genug ist, dass erst das Fressen muss und dann die Moral kommt, und dass der Einbruch in eine Bank nichts sei, im Vergleich zur Gründung einer ( gestern, bei einer Aufführung des Berliner Ensembles, bei dieser Zeile brandender Applaus aus dem Publikum!). Jede Verszeile aus dieser grotesken Persiflage auf den nackten Kapitalismus ist bis heute im kollektiven Bewusstsein, und mit wenigen Ausnahmen nur nicht im Kopf derer, die sich mit Politik befassen. 

Die ideologischen Hülsen, die von dem tatsächlichen Charakter eines Wirtschaftssystems, das die asoziale Bereicherung nicht nur begünstigt, sondern zu einem der wichtigsten Geschäftsmodelle entwickelt hat, fliegen all denen, die sie verbreiten, in voller Wucht um die Ohren. Dass sich alle, die den falschen Schein der herrschenden Erzählungen durchschaut haben, nun abwenden, sollte nicht verwundern. Um es deutlich zu sagen: wer den kriegerischen Kampf um Rohstoffe mit den humanistischen und demokratischen Werten des Westens begründet, hätte vielleicht als Figur in Brechts Dreigroschenoper eine Chance gehabt, als zeitgenössischer Kämpfer für die Zivilisation jedoch nicht. 

Die Erosion der politischen Geschlossenheit ist ein Ergebnis des Kapitalismus ohne Camouflage, wie er sich nach dem viel gepriesenen Ende des Kalten Krieges gebärdet hat. Die Armut ist immer noch ein Geschäftsmodell, das demaskiert werden muss und nicht weiter als Sozialpolitik verkauft werden darf. Die Periode der Illusion neigt sich ihrem Ende. 

Was noch ruft Mac, der Verbrecher im Finale der Dreigroschenoper in die Runde?

„Denn wovon lebt der Mensch? Indem er stündlich
Den Menschen peinigt, auszieht, anfällt, abwürgt und frißt.
Nur dadurch lebt der Mensch, dass er so gründlich
Vergessen kann, dass er ein Mensch doch ist.“

Und was antwortet ihm die Spelunkenjenny?

„Wie ihr es immer dreht und wie ihr´s immer schiebt
Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.
Erst muss es möglich sein auch armen Leuten
Vom großen Brotlaib sich ihr Teil zu schneiden.“

 

1989: „Ich aß gerade eine Frikadelle…“

Seit der Antike haben sich diejenigen, die sich der Erziehung und Bildung von Menschen verschrieben hatten und die man zwischenzeitlich einmal Pädagogen nannte, Gedanken darüber gemacht, wann, wie und mit welchem Mitteln sie helfen konnten, dass sich das Individuum, die Gesellschaft und die Gattung weiterentwickeln konnten. Den großen Pädagogen kam es immer auf Menschenbildung und Freiheit an, nicht auf Zucht und Organisation. Folglich waren sie nicht missgestimmt über Fehler, die die ihnen Anvertrauten machten, denn das gehört zum Lernprozess dazu. Was sie alle grämte war jeweils der Umstand, wenn Menschen nicht das aus sich machten, was ihre Möglichkeiten ihnen boten. Wer unter seinen Möglichkeiten blieb, der erzürnte sie und ließ sie an ihren eigentlichen Fähigkeiten zweifeln.

Angesichts der Feierlichkeiten zum 20. Jahrestag dessen, was als Mauerfall in die jüngere deutsche Geschichte einging, kam mir obiger Gedanke. Das, was in diesen Tagen als Zeugnisse der Geschichte präsentiert wird, ist oberflächlich und grotesk banal. Da werden immer wieder die Geschichten aufgetischt, wer gerade wo war, als er oder sie erfuhr, was da in Berlin passierte und was das alles für ein Wahnsinn war. „Ich aß gerade eine Frikadelle, als mein Freund mich anrief und mir sagte, ich solle den Fernseher anschalten!“ Substanziell findet sich wenig. Es existierten unzählige Gründe, warum die DDR scheiterte oder vielleicht scheitern musste und es existierten unzählige Gründe, warum sie dann so abgewickelt wurde, wie das geschah. Folien, die einseitig das Gute oder das Böse beschreiben, helfen bei einer seriösen Analyse wenig. Das, was als Quintessenz präsentiert wird, ist allerdings beschämend. So flach waren die Deutschen nie, als dass ein aufgeladener Triumphalismus die Geschehnisse umfassend beschreiben könnte. Sie schrieben Heldenepen und Tragödien, erstere zumeist in der Literatur und letztere zumeist im richtigen Leben.

Ich habe mir die Mühe gemacht und in den Journalen der Monate, in denen die DDR einstürzte und die Chancen einer Vereinigung der gespaltenen Nation stiegen, noch einmal zu lesen. Was aus heutiger Sicht bestürzt, sind die Hoffnungen, die sich in beiden Teilen des gespaltenen Landes damit verbanden. Es war eine Stimmung des Aufbruchs und es ging um eine neue Sozial- wie eine neue Friedensordnung. Das war, betrachtet man den weiteren Verlauf der Geschichte, sehr naiv. Allerdings nur unter dem Aspekt, dass viele glaubten, die Regierungen würden es schon richten. Im Osten dachten wohl viele, die Arbeit sei verrichtet und im Westen verfiel man dem gleichen Irrglauben. Statt den politischen Widerstand gemeinsam weiter zu leisten, wurde er im Konsumismus domestiziert und alles in die Hände überforderter Mandatsträger gelegt.

Die Erkenntnis, dass nur die eigene Aktion in der Lage ist, die Verhältnisse, in denen man lebt, zu einem besseren Zustand zu machen, war zu lange verdeckt. Das Ergebnis ist eine ökonomische, soziale, politische und kulturelle Verwüstung der Gesellschaft, wie sie nur ein nahezu ungezügelter Wirtschaftsliberalismus mit einer preußischen Bürokratie als Vollstrecker fertig bringen kann. Die Ursachen liegen nicht nur an der Boshaftigkeit seiner Vertreter, sondern auch an der Passivität der Opfer. 

Die eingangs erwähnten großen Pädagogen würden sich grämen, verglichen sie die Möglichkeiten, die sich den Deutschen im Jahre 1989 ff. boten und dem, was sie daraus machten. Und sie würden regelrecht wütend, von welchem Tand und mit welcher Leichtigkeit sie davon abgelenkt werden konnten von dem, was zu tun war, um aus der Geschichte zu lernen. So bitter auch die Erkenntnis ist, mit jeder Einsicht beginnt ein neuer Lernprozess.