Archiv für den Monat November 2019

Von Fragestellern, Spöttern und Revolutionären

Generell stellt sich die Frage, ob es angemessen ist, die Wahrscheinlichkeit der Bewegungsrichtung der Welt, in dem Zustand, in dem sie sich befindet, zur Voraussetzung der eigenen Verlaufsplanung zu taxieren. Das, was momentan am besten mit der Formulierung der kreativen Zerstörung, in dem sich viele Gesellschaften befinden, beschrieben ist, macht es nicht sinnvoll, in seiner Tendenz abzuschätzen. Zu viele Unwägbarkeiten werden eine Rolle spielen. Gewiss scheint zu sein, dass nicht vieles so wird bleiben können, wie es heute ist. Wir befinden uns in einem Zustand, der von vielen Menschen als unerträglich empfunden wird. Die alte Ordnung zerbröselt und wie eine neue Ordnung, wenn der Begriff überhaupt noch zutreffend ist, aussehen wird, kann kaum jemand beschreiben. Einerseits haben Endzeitphilosophen Hochkonjunktur, andererseits sind diejenigen, die eine rosige Zukunft unter der Prämisse, dass die Machtverhältnisse, so wie sie sind, erhalten bleiben, aber sich alles zum Guten enden wird, der Glaubwürdigkeit verlustig gegangen.

Der Wunsch vieler Menschen, Antworten zu bekommen, die eine bestimmte Sicherheit vermitteln, ist weit verbreitet wie verständlich. Die Unmöglichkeit, dem nachzukommen, ist im Bewusstsein vieler vielleicht verbreiteter, als viele glauben möchten. Nur möchte sich niemand dieser empfundenen Blamage stellen. Wer keine Antworten hat, so der vorherrschende Glaube in unserem Kulturkreis, hat versagt. Also wird so weiter gemacht, wie es immer war. Es werden Antworten am Fließband produziert, die den Makel haben, dass sie in schnellem Takt falsifiziert werden. Das kostet Vertrauen und verschlimmert die mentale Krise. 

Aber was machen, wenn die Antworten auf den Prozess der kreativen Zerstörung unmöglich sind? Um vernünftige Rückschüsse zu ziehen, dafür ist, so meinen viele, keine Zeit. Aber ist es eine Alternative, auf dem falschen Weg fortzuschreiten, obwohl bekannt ist, dass er zu nichts führt? Ist das dann nicht ein Vorgehen, das dem Bild des Pfeifens im Walde gleicht? Wir produzieren nichtsnutzes Getöse, um unsere Ängste zu beschwichtigen, wissend, dass es die uns unbekannten Ursachen nicht zu bändigen vermag?

Im Arsenal der Philosophie befinden sich durchaus Mittel und Instrumente, die helfen könnten. Wenn es schon, wie gerade bei den Deutschen so beliebt, zu keinen neuen, komplett ausgefeilten Systemen, die die Welt zu erklären vermögen reicht, wie wäre es dann, zu den Mitteln zu greifen, die in einer analogen Situation dazu verholfen haben, eine neue Ära zu begründen? Wenn das Bestehende zugrunde zu gehen droht und das Neue noch nicht sein scharfes Gesicht gezeigt hat, dann ist es ratsam, sich nicht auf die vermeintlich richtigen Antworten zu konzentrieren, sondern die richtigen Fragen zu stellen. Aus den richtigen Fragen könnten Lösungsansätze entwickelt werden.

Was dieser Strategie im Wege steht, ist das Festhalten an den alten Maximen der Macht. Das Beruhigende an dieser Einstellung ist, dass es zu nichts führen wird und diese Form des Verharrens der Vergangenheit angehören wird. Denn wer sich dem Lauf der Geschichte entgegenstellt, ob sie einem Zweck folgt oder nicht, ist dazu verdammt, als gescheitert in den Annalen zu landen. 

Der Ansatz, nach den entscheidenden Fragen zu suchen, ist weder neu noch ist er historisch zum Scheitern verurteilt. Das Zersetzende guter Fragen hat eine gute Referenz. In einer Welt, in der der Widerspruch gewaltige Ausmaße angenommen hat, ist der Verweis auf heile Welten eher lächerlich. In den Diskursen, die zwischen Fragestellern wie Kopernikus, Galilei, Spinoza oder Erasmus und den Hütern der alten Ordnung stattfanden, entfaltete sich trotz drakonischer Gegenwehr des Alten eine Atmosphäre, die als entspanntes Lachen vor dem großen Sturm beschrieben werden kann. Den Fragestellern folgten die Spötter, den Spöttern die Revolutionäre. Stellt dem Alten die richtigen fragen, und das Neue zeigt allmählich sein Gesicht.

Zum Wording „Wir müssen Verantwortung übernehmen“

Verantwortung zu übernehmen ist für viele Menschen etwas, das zum Leben dazu gehört. Jeder Mensch füllt eine Rolle aus. Und zu dieser Rolle gehören bestimmte Funktionen wie Erwartungen, wie diese Funktionen ausgefüllt werden sollen. Mütter und Väter machen das, Spielerinnen und Spieler verschiedener Sportarten, Mitglieder von Zusammenschlüssen und Vereinen, alle, die im Arbeitsprozess stehen, Führungskräfte und Politiker. 

Brenzlig wird es, wenn der Eindruck entsteht, dass die Verantwortung, die mit einer bestimmten Funktion einhergeht, nicht angenommen wird und die Resultate dann nicht stimmen. Auch das gibt es in allen Bereichen, Väter, die sich von dannen schleichen, Mütter, die sich nicht um die Kinder kümmern, Präsidenten, die nur glänzen, aber nicht arbeiten wollen und Chefs, die das Unangenehme, das zuweilen mit ihrer Funktion verbunden ist, einfach meiden und den den Dingen ihren Lauf lassen. Dann wird davon gesprochen, dass die jeweilige Person ihrer Verantwortung nicht gerecht wird. Wird hingegen von einer verantwortungsvollen Person gesprochen, dann schwingt immer Respekt mit, weil sich ein Mensch in Funktion auch den anstrengenden, weniger schönen Seiten seiner Existenz aktiv stellt. Wer Verantwortung übernimmt, erfährt positive Resonanz.

In der bundesrepublikanischen Politik hat sich eine Phrase Gehör verschafft, die zunehmend zu hören ist. Diese bezieht sich auch auf die Verantwortung, die Deutschland jetzt endlich annehmen müsse. Gestern, auf dem Parteitag der Grünen, hat deren Vorsitzender Robert Habeck ausdrücklich darüber gesprochen, der Bundespräsident macht das bereits seit einiger Zeit, Wolfgang Schäuble weist seit langem darauf hin, Frau von der Leyen liebte diesen Hinweis sehr und ihre Nachfolgerin im Amt der Verteidigungsministerin, Annegret Kramp-Karrenbauer, wird nicht müde, davon zu sprechen.

Psychologisch ist das klug, weil es auf die positive Resonanz, die man erhält, wenn man Verantwortung übernimmt, spekuliert. Das Problem, das mit der Inflationierung des Gebrauchs assoziiert ist, besteht im nebulösen Kontext. Zumeist lässt sich vermuten, dass damit ein stärkeres militärisches Engagement gemeint ist. Präzisiert wird es nicht. Nun muss man kein Abenteurer mit Dreispitz und Messingfernrohr sein, um zu dechiffrieren, was die gegenwärtige Verteidigungsministerin mit Verantwortung meint, wenn es um die Entsendung von Truppen nach Syrien geht. Die Sicherung von Rohstoffen, die die deutsche Industrie braucht, um die Rolle zu spielen, die sie spielt. Dass sich in diesem Kontext die Grünen zu den gleichen Ambitionen bekennen, wie kürzlich deren Vorsitzender Habeck, der Marine mit ins Rote Meer schicken wollte, um „unsere“ Öltransporter, die nebenbei unter Billigflagge anderer Nationen fuhren, zu sichern, zeigt, dass eine Änderung der industriellen Charakteristik nicht direkt auf der Agenda steht.

Das Schräge am Gebrauch der Floskel, Deutschland müsse mehr Verantwortung übernehmen, ist ihre Entleerung in Bezug auf die Funktion und Rolle, die Deutschland in der Welt spielen will. Es ist der schleichende, heimliche Versuch, mit einer positiv besetzten Formel eine Politik durchsetzen zu wollen, die in kriegerischen Handlungen und imperialem Gehabe endet. Dafür wäre keine Mehrheit zu haben. 

Das heißt nicht, die veränderte Lage in der internationalen Konstellation auszublenden. Die USA übernehmen nicht mehr exklusiv die Interessen des Wirtschaftsstandortes Deutschland wahr. Dass man daraus folgern muss, nun selbst aufzurüsten, um das Land selbst verteidigen zu können, ja. Dass man daraus folgern muss, jetzt selbst mit der Brandfackel in die an Ressourcen reichen Regionen dieser Welt zu jagen, nein. 

Wie wäre es mit einer anderen Wirtschaftsordnung, die auf Kooperation, anständigen Arbeitslöhnen, fairen Preisen und Umweltverträglichkeit beruht? In der gegenwärtigen Vorstellung derer, die von der Verantwortung reden, scheint diese Option nicht vorhanden zu sein.

Übrigens: Gegenwärtig stinken sogar die viel gerühmten E-Autos, und zwar ganz penetrant. Sie stinken nach Raubbau, Kinderarbeit und Putsch.