Archiv für den Monat Oktober 2019

Adorno: Kapitalkonzentration, Propagandamedien und autoritärer Charakter

Momentan liegt in nahezu jeder Buchhandlung, die etwas auf sich und die Tradition des Gewerbes hält, ein kleines Buch aus, das wie aktuelle Saisonware angeboten wird. Es handelt sich um einen Vortrag, den Theodor W. Adorno im Jahr 1967 vor Wiener Studenten gehalten hat. Titel: Aspekte des neuen Rechtsradikalismus. Ob er selbst zu Lebzeiten einer derartigen Publikation zugestimmt hätte, erscheint fraglich. Erstens sah er wie kein anderer den Unterschied zwischen einer niedergeschriebenen Textur und dem damit verbundenen Prozess der bewussten Gestaltung und dem gesprochenen Wort. Doch davon einmal abgesehen, ist die Originalität durch vorliegende Tonaufnahmen gesichert. Adorno hat wirklich gesprochen.

Was den Text aufgrund des Vortragscharakters ausmacht, ist seine problemlose Lesbarkeit, was bei den geschriebenen Adorno-Texten nicht immer gegeben ist. Abgesehen davon ist der Zeitpunkt der Veröffentlichung nicht zufällig. Historisch hatte sich Adorno 1967 mit seiner ganzen Erfahrung des Exils und der Erforschung des autoritären Charakters im Rahmen des Instituts für Sozialforschung in den USA im Rücken Gedanken zum Wiedererstarken der NPD gemacht und den Wiener Studenten diese Gedanken präsentiert.

1:1-Analogien sind historisch zumeist irreführend und nicht gegeben, obwohl Vieles dazu einlädt. Auch das betont er in dem Vortrag. Was Adorno jedoch an Gedanken formuliert, sollte in dem konkreten heutigen Kontext unbedingt eine Rolle spielen. Denn die Ausführungen zeigen, wie grundfalsch manche Annahmen im Kampf gegen den Rechtsradikalismus heute sind. 

Bevor Adorno zu den Techniken und psychosozialen Grundlagen des Faschismus zu sprechen kommt, betont er die ökonomisch-soziologische Dimension. Solange, so Adorno, die Tendenz des Kapitalismus die Kapitalkonzentration sei und die damit verbundene regelmäßige Zerstörung der mittleren Schichten vor sich gehe, bestehe nicht nur theoretisch ein gravierender Widerspruch zwischen Demokratietheorie und wirklicher Machtkonzentration, sondern werde die Existenzangst immer wieder Untergangsphantasien produzieren, denen die Betroffenen mit einfachen Lösungsmodellen begegneten. An dieser realpolitischen Konstante hat sich bis heute nichts geändert. Also ist über die Kapitalkonzentration und das, was die groteske Aufteilung des gesellschaftlichen Reichtums betrifft, unbedingt zu reden, wenn es um den neuen Rechtsradikalismus geht. 

Eine andere, bedeutende Botschaft aus Adornos Vortrag ist der Verweis auf die Techniken der rechtsradikalen Propaganda. Es handelt sich dabei um eine neue, moderne Erkenntnis, die für die Reflexion des Kommunikationszeitalters a jour ist: Es kommt gar nicht auf die  Inhalte und ihre logische Konsistenz an, sondern auf die Art der Vermittlung. Da hört man Marshall McLuhans Satz, dass das Medium die Botschaft ist, sehr deutlich heraus. Insofern ginge es, wenn wir über den Kampf gegen den Rechtsradikalismus reden, nicht um inhaltliche Widerlegung seiner einfachen und durchsichtigen Botschaften, sondern um die Zerschlagung seiner Übertragungsmedien. 

Der dritte Komplex von Adornos Aussagen betrifft die psychosozialen Muster, die dem Prototyp des Rechtsradikalen entsprechen. Dabei rät er, sich statt der diskursiven Auseinandersetzung mit den politischen Aussagen des Rechtsradikalismus zu widmen, den autoritären Charakter ihrer Vertreterinnen und Vertreter zu thematisieren. Darzulegen, was an Unemanzipiertem, an Ängstlichem und an Illusorischem diesem Typus zugrunde liegt. Eine Diskussion darüber führe zu den Angstquellen und unbewältigten Traumata, die ein Bild der Hilfsbedürftigkeit herstellten und eine daraus abgeleitete politische Programmatik als abwegig demaskiert.

Auf den wenigen Seiten, um die es hier geht, liefert der Vertreter der kritischen Theorie auch nach mehr als einem halben Jahrhundert essenziell mehr als der heute gesellschaftlich eingespielte Betroffenheitsgestus angesichts der realen Gefahr hergibt. Die Hinweise sollten praktische Folgen haben. Und die Agenda muss bestehen aus den Themen der Reichtumsverteilung, der Verhinderung medialer Propaganda und der Dechiffrierung des autoritären Charakters bei denen, die sich dem Rechtsradikalismus zugetan fühlen.  

Allen sei das Buch empfohlen und die Botschaften ans Herz gelegt.

AKKs Syrien-Initiative: Kesselschlagen in verwirrtem Zustand

Donnerschlag! Die Bundesverteidigungsministerin hat einen Vorschlag gemacht. Muss sie auch, denn ihre Ambitionen, einmal Kanzlerin zu werden, haben in der letzten Zeit einige Dämpfer bekommen. Also raus aus der Defensive, oder, um in einer Metapher ihres Ressorts zu bleiben, Angriff ist die beste Verteidigung. 

Die Resonanz auf den Vorschlag fällt unterschiedlich aus. Erstaunlich jedoch, wie viele direkt positiv auf ihn anspringen. Es scheint so, auch nach dem Auftritt des ehemaligen SPD-Vorsitzenden und heutigen Chefs der deutschen Atlantikbrücke, Sigmar Gabriel, im ZDF, dass jetzt der Zeitpunkt für eine stärkere deutsche militärische Präsenz auf der Welt als gekommen betrachtet wird. Das ist übrigens folgerichtig. Wer Exportweltmeister sein will, braucht bei den heute relevanten Technologien Treibstoff aller Art und Seltene Erden. Und wenn der alte Schutzpatron, die USA, das Protektorat für beendet erklärt, dann müssen Entscheidungen getroffen werden.

Aber so weit sind wir noch nicht. AKK scheint die durch ein NATO-Mitglied entstandene irrsinnige Situation für eine neue Option des militärischen Interventionismus nutzen zu wollen. Sie plädiert für eine Schutzzone im Norden Syriens. Gegen Schutzzonen ist grundsätzlich bei prekären internationalen Konflikten nichts einzuwenden. Sie können sinnvoll und für die Zivilbevölkerung lebenswichtig sein. 

Was den Vorstoß zu einem Paradestück für das Kesselschlagen in verwirrtem Zustand macht, sind die Andeutungen zur Realisierung. Denn da soll die NATO die Regie übernehmen. Normalerweise sind das die Vereinten Nationen. Die beschließen, vor allem bei völkerrechtswidrigen Interventionen, was zu tun ist, um humanitäre Katastrophen zu verhindern. Dass AKK jetzt die Initiative bei der NATO sieht, ist ein Indiz für das Risiko, dass sie selbst darstellt. Denn die Situation ist durch den völkerrechtswidrigen Einmarsch des NATO-Mitglieds  Türkei erst entstanden und der IS wird bei der Intervention zudem von den türkischen Truppen unterstützt. Also die Organisation, aus der die Aggression kam und die nicht in der Lage oder willens war, die Intervention zu verhindern, soll nun die schlimmsten Folgen des eigenen Tuns verhindern. Das ist logischer Bankrott.

Eher amüsant ist auch das nachgeschobene Ansinnen, bei der Initiative müssten auch irgendwie die Türkei und Russland eingebunden sein, sonst würde das nichts. Da hat die Verteidigungsministerin zwar Recht, doch mit dem Irgendwie ist das so eine Sache. Russland hat sich immer auf das Mandat der eigenen Intervention durch die syrische Regierung berufen können und sich zum Völkerrecht konform verhalten. Die Türkei hat das Gegenteil getan, steht aber in starkem Maße zunehmend unter russischem Einfluss, weil sie sich im Westen zunehmend isoliert hat. Erdogan spielt zwar gerade diese Karte gegenüber dem Westen, weil letzterer ein Abgleiten er Türkei in die Sphäre Russlands verhindern möchte. Die Karte sticht übrigens zusammen mit den syrischen Flüchtlingsgeiseln sehr gut, was die Militär- und Finanzhilfen gerade aus Deutschland zeigen. 

Nur stellt sich die Frage, warum vor allem Syrien, dann Russland und zuletzt der Invasor Türkei an einer NATO-Schutztruppe Interesse haben sollten? Weil Frau AKK Kanzlerin werden will? Wohl kaum. Wenn eine Initiative Gewicht haben könnte, dann müsste sie aus dem UN-Sicherheitsrat kommen. Ob diese dann mehrheitsfähig ist, bleibt abzuschätzen. Der Vorschlag aus dem deutschen Verteidigungsministerium ist ein Werbecoup in eigener Sache, der allerdings ein ziemlich wirres Bild von den waltenden Kräften verrät. Das einzig interessante daran ist die Möglichkeit der Erkenntnis, wie groß die Bereitschaft für mehr und größere kriegerische Handlungen geworden ist. Einige haben bereits die Deckung verlassen.