Harald Jähner. Wolfszeit. Deutschland und die Deutschen 1945 -1955
Dass Geschichte und ihre Darstellung zumeist das Handwerk derer ist, die die Macht besitzen, ist keine neue Erkenntnis. Erstaunlich, dass es immer wieder gelingt. Denn die Fakten liegen oft auf der Hand. Das Beispiel der Dechiffrierung eines Zeitraumes, der historisch gar nicht so weit weg liegt und dennoch das Publikum in großem Maße erstaunt wie beglückt, ist der Deutschlands kurz nach der Niederlage zu Ende des II. Weltkrieges. In seinem Buch „Wolfszeit. Deutschland und die Deutschen 1945 – 1955“ hat der Journalist Harald Jähner einen Zeitraum ausgewählt, der für sich meistens exklusiv unter dem Aspekt der Staatsgründungen von DDR und BRD betrachtet wurde. Was tatsächlich im täglichen Leben geschah, welche informellen Strukturen sich sehr schnell nach dem letzten Schuss herausgebildet hatten und wie sich die Deutschen in den unterschiedlichen Besatzungszonen selbst organisierten, da blieb lange Zeit das Erzählwerk derer, die dabei waren, es war ein Teil der Oral History.
In Wolfszeit greift sich Harald Jähner bestimmte, aus seiner Sicht zentrale Themen heraus, erzählt, was geschehen ist und enthält sich nicht einer Kommentierung, welche Bedeutung das Geschehen für die weitere Entwicklung haben sollte. Dabei sind dann bekannte Narrative, aber auch Phänomene, die in den Überlieferungen der Überlebenden selten eine Rolle spielten und dennoch den späteren Geschichtsverlauf maßgeblich bestimmen sollten.
So wird aufgeräumt mit dem Mythos der „Stunde Null“, die es nie gab, denn die spontane Organisation des täglichen Lebens schuf Formen, die später wieder revidiert wurden, weil sie den Vorstellungen der etablierten Macht widersprachen. So waren die Frauen das alles beherrschende, organisierende und betreibende Geschlecht. Sie hatten de facto die Geschäftsführung inne und standen einer physisch wie psychisch ramponierten Männerwelt gegenüber. Die neu etablierten Verhältnisse wurden später wieder revidiert, vor allem im Westen. Sie gingen in den frühen Tagen allerdings wesentlich weiter, als dies sich der in den 1960iger Jahren neu entstehende. In Feminismus vorstellen konnte.
Ein weiterer, hoch interessanter Aspekt ist die Migration von Deutschen von Ost nach West, vor allem aus Ostpreußen und Pommern. Mit dem Vorrücken der Roten Armee und dem Verlust der Ostgebiete flüchteten Hunderttausende immer weiter nach Westen. Die Friktionen innerhalb der deutschen, sich gerade formierenden Gesellschaft waren immens, die Diskriminierung würde aus heutiger Sicht Aufschreie der Empörung verursachen und ihre Integration, die entscheidend durch die eigene Leistungsfähigkeit und Leistungsbereitschaft genährt wurde, ist aus heutiger Sicht eine Blaupause für Erfolgsmöglichkeiten wie Grenzen ähnlicher Vorhaben.
Selbstverständlich stellt sich der Autor auch Begriffen, die vielen noch in Erinnerung sind und die unter dem Terminus der Verdrängung zusammenfassbar sind. Es wird die Frage beleuchtet, wie die Deutschen mit den Traumata umgingen, die sie selbst anderen zugefügt und die sie als Konsequenz auch selbst zu erleiden hatten, wie sie die Schuld schnell relativierten und aus einem der größten Täter der Weltgeschichte quasi über Nacht ein Opfer machen konnten. Und wie sich die Alliierten – übrigens in der Ost- wie in den Westzonen, die Augen rieben, wie aus den Werwölfen von gestern blitzartig wieder die Untertanen wurden, die als Accessoire des wilhelminischen Kaiserreichs so belächelt worden waren.
Das Buch bietet zahlreiche Aspekte, die bis heute voller Aktualität sind und die, zurück an ihren historischen Wurzeln, vieles erhellen. Wunderbar wird die Ökonomie des Schwarzmarktes gezeichnet und Firmengeschichten von VW oder Beate Uhse verraten in ihrer Genese mehr als sich so mancher Analyst aus den heutigen Beraterkonsortien träumen lässt.
Bis hin zur Förderung der abstrakten Kunst, selbst durch Einheiten der CIA, die damit bewusst ein Pendant zu dem im Osten propagierten Sozialistischen Realismus etablierten, erhellen vieles, was lange im Dunkeln lag. Jähners Buch ist eine Betrachtung, die lange überfällig war und die das Paradoxon erhält, dass das Defizit erst auffällt, wenn es behoben ist!

Pingback: Vom Wolf zum Bürger | per5pektivenwechsel
Interessant. Ist die Zeit, die meine Kindheit umfasst (britisches Besatzunggebiet, internierte Restarmee, auch Hilfstruppen – zB Kroaten -, Flüchtlingsmassen einquartiert und in Lagern, Witwen, Bauern, Torfstechen, Schulspeisung, die Frage des Schuhwerks und des Überlebens im allgemeinen…)..
„… und ihre Integration, die entscheidend durch die eigene Leistungsfähigkeit und Leistungsbereitschaft genährt wurde, ist aus heutiger Sicht eine Blaupause für Erfolgsmöglichkeiten wie Grenzen ähnlicher Vorhaben.“
Danke für diesen Halbsatz.
…wie Grenzen ähnlicher(aber eben NICHT gleicher)…!