Archiv für den Monat September 2019

Die zwei Seiten des Schocks: Lassen wir es krachen!

Mit seichter Prosa können gesellschaftliche Krisen nicht überwunden werden. Entweder, den Dingen wird weiterhin der Lauf gelassen, oder es werden harte Eingriffe vorgenommen sein, um das Steuer herumzureißen. Momentan sieht es nicht nach letzterem aus, ohne dass die handelnde Nomenklatura darauf verzichten würde, Szenarien des Horrors zu beschreiben, die eintreten, wenn sie nicht mehr in der Verantwortung wären. Das könnte sogar möglich sein, wenn da nicht die Verantwortung für das gegenwärtige Desaster wäre. Wer die Teufel des Neoliberalismus aus der Box holt und sie jahrelang auf dem Tisch tanzen lässt, hat sein Recht auf Regie verwirkt.

Bis auf die Handelnden haben das immer mehr Menschen gemerkt. Es führt zu der kuriosen Situation, dass sie sprechblasenartig ihr abgelaufenes Kredo in die Aufnahmegeräte sprechen, während die sich Abwendenden zumindest bei Wahlen zum Teil noch auf die Therapie des Schocks setzen. Der Schock kann tatsächlich Heilungsprozesse in Gang setzen, vorausgesetzt, der zu betrachtende Organismus ist in Bezug auf die eine lokale Schwächung noch in Ordnung. Bei der durchgängig zu beobachtenden Morbidität des Systems kann der vermeintliche Schock auch endgültig letal wirken. Um es deutlich zu sagen: Wer jetzt auf rechtsradikale Alternativen setzt, ist dabei, endgültig die Klospülung zu ziehen.

Das Dilemma, in dem sich das Gemeinwesen befindet, besteht in der Unfähigkeit der alten, etablierten Akteure, eine Gegenbewegung zu organisieren, die aus der fundamentalen Kritik heraus in der Lage wäre, die Verhältnisse grundlegend zu ändern und damit die Situation zu verbessern. Gemeint sind vor allem die Parteien, von denen, außer dem Schock-Ensemble, das sich momentan im Aufwind befindet, keine den Eindruck macht, als könne sie den gewaltigen Unmut noch in konstruktive Politik verwandeln.

Die CDU erscheint nur noch als ein Konsortium des Apparats, die SPD rennt bei abnehmendem Gewicht jeder Mode hinterher und weiß nicht mehr, woher sie kommt, die Grünen profitieren von der Angst eines Öko-Kollapses und paktieren mit den schlimmsten Verursachern, die FDP fährt gegenwärtig die Rendite der eigenen Ideologie ein und die Linke inszenierte gerade zu dem Zeitpunkt, zu dem sie sich hätte profilieren können, ein Stück über Intrigantentum und Opportunismus, das auch im berüchtigten Hotel Lux zu Moskau hätte aufgeführt werden können.

Wenn die Parteien es nicht richten, stellt sich die Frage, wo und wie die notwendige Aktion der Veränderung organisiert werden und zu einer politischen Stimme wird geformt und erzogen werden kann? Vielleicht bilden die neuen Foren der Vernetzung, real wie virtuell, eine neue Perspektive für einen zeitgemäßen Syndikalismus. Es geht um die Organisation politischer Willensbildung genau dort, wo Menschen arbeiten und kommunizieren. Das, was dort geschieht, wird bereits heute multipel verbunden. Was noch fehlt, ist die Politisierung aller Lebenswelten. Es mangelt nicht an organisatorischer Fähigkeit, sondern an politischer Aufklärung und Willensbildung. Vielleicht sollten wir es den digitalen Syndikalismus nennen?

Daher ist es das Subversivste und damit auch Konstruktivste, in die überall schwebenden Ballons der ideologischen Seichtheit und der als cool etikettierten Interessenlosigkeit zu stechen. Es muss laut knallen, damit Bewegung in die Köpfe kommt. Der Schock ist in dieser Hinsicht ein gutes Mittel. Aber er darf nicht diejenigen entsetzen, mit denen sowieso nichts mehr zu erreichen ist, sondern er muss jene aktivieren, die in der Lage sind, etwas Gutes zu entwickeln und etwas Vernünftiges zu gestalten. Der Schock darf sich nicht gegen das Versagen der etablierten Parteien richten, denn das wäre vergeudete Energie. Er muss sich gegen die Lethargie in den Köpfen derer richten, die durch die Seichtheit des Konsumismus in einen Trancezustand verfallen sind. Lassen wir es krachen!

Stade désolée: Doppelte Standards

 

Der Status des Desolaten ist erreicht. Nur wer sich in eine Stimmung der Selbsteuphorisierung versetzt, kann diesen Sachverhalt noch leugnen. Gleichgültigkeit, Depression, Defätismus, Gier und Aggression sind die Zustände, die sich abwechseln und eines gemeinsam haben: Sie tragen nicht zu einem konstruktiven, gestalterischen und positiven Zusammenleben bei. Wie konnte es dazu kommen? Und was kann dagegen gemacht werden? Sehr einfache und präzise Fragen, die zu beantworten jedoch vielen Menschen schwer fallen dürfte. Die zu erwartende Antwort der Generalverwalter des beklagten Zustandes wäre sicher, dass alles etwas komplexer sei, als gedacht. Doch wer gibt sich schon noch mit derartig stereotypen wie unbefriedigenden Antworten zufrieden?

Nun sind viele Aspekte seit langem zusammengetragen. Es gibt wirtschaftliche Gründe, die ungeheure Vergrößerung des Reichtums hier und die immer mehr Menschen in Würdelosigkeit ziehende Bedürftigkeit dort. Geopolitische Entwicklungen tragen ebenso Verantwortung. Die alte Ordnung der Welt ist dahin, überall flammen Kämpfe um Macht und Einfluss neu auf und die alten Regelwerke des Umgangs wie des internationalen Rechts verkommen zu historischen Dokumenten. Und, auch das ist etwas, das die gesamte Gesellschaft spürt, es fehlen die Ideale, die am Horizont zu lesen sind und die eine Gesellschaftsordnung, die noch eine Perspektive hat, in Zeiten der Krise als Hoffnungsschimmer aufleuchten lassen kann.

Und gerade letzteres, die Vision, die einer Gesellschaft Strahlkraft verleiht, ist verloren gegangen. Und es liegt nicht an der mangelnden Kommunikation dieser Vision, sondern an etwas anderem. Es ist die Aushöhlung dieser spirituellen Hoffnung durch eine Technik, die immer nur kurzfristig fruchtet und dann beginnt, alle Essenzen des Lebens zu zerstören. Die Anwendung dieser Technik ist zum Massenphänomen geworden und sie hat zu dem Stade desolée, das allgemein zu beklagen ist, geführt.

Es handelt sich um die Anwendung doppelter Standards. Was auf der einen Seite als lobenswert und gut dargestellt wird, hat im anderen Fall schon keine Daseinsberechtigung mehr. Das ergeht so dem Völkerrecht wie den der eigenen Verfassung zugrunde liegenden Wertvorstellungen. Zensur ist im Falle von Feindbildern frevelhaft, wird sie von selbst definierten politischen Freunden oder dem eigenen Beritt verübt, so entpuppt sie sich in der Darstellung als demokratische Tugend.

Und so geht es weiter. Proteste in fernen Ländern gegen definierte Schurkenregimes sind urdemokratische Regungen, Widerstand gegen alles, was in den Bereich der eigenen Interessenssphäre fällt, erscheint als terroristischer Akt. Die Deklination des Wertekanons durch alle Themen, die eine politische Relevanz genießen, hat zu einer Abstumpfung gegen den Kanon selbst geführt und ein Vakuum entstehen lassen, das zu füllen lange Zeit erfordern wird.

Der politische Nihilismus, die Unlust zu einer politischen Vision, die zu Recht beklagt wird, ist das Ergebnis der doppelten Standards. Damit ist auch klar, wer für die gegenwärtige mentale Krise verantwortlich zeichnet. Es sind dieselben, die die Wirtschafts-, Industrie wie die Bündnis- und Verteidigungspolitik zu verantworten haben, wie sie sich vor uns ausbreitet.

Doppelte Standards haben die Glaubwürdigkeit der Politik wie die der sie bedienenden Nachrichten- und Presseorgane zerstört. Der Überdruss, der sich überall breit macht, ist das erste, noch zu unbestimmte Zeichen für etwas, das sich wird entwickeln und zu einer neuen Qualität wird reifen müssen. Nur die Gestaltung kann die Politik zu etwas Konstruktivem machen. Missbrauch und Vernichtung gab es genug.