Was sind Verschwörungen und was ist eine Verschwörungstheorie? Diese Frage ist nur in wenigen Fällen Gegenstand der Diskussion. Der Beitrag Von Verschwörungen und Sündenböcken erschien zuerst auf Neue Debatte.
Archiv für den Monat August 2019
In welchem Land wollen wir leben?
Zwar existieren Detailstudien, die gewichtig wie komplex sind, aber eine Betrachtung über zumindest die letzten zweitausend Jahre gibt es noch nicht. Der Gegenstand dieser Untersuchung sollte sein, genau zu untersuchen, inwiefern sich historisch entweder diejenigen durchsetzen, die eine Idee, einen Glauben, eine Religion verfolgen oder die, die exklusiv auf das Machtkalkül setzen. Das Ansinnen klingt zunächst naiv, weil wahrscheinlich weder die eine noch die andere Variante eine generelle Erfolgsgarantie aufweisen kann, mit einer leichten Tendenz zum Machtkalkül vielleicht, aber auf keinen Fall kann einer Variante die Überlegenheit in Reinform zugesprochen werden. Das einmal als These.
Ein gutes Beispiel für eine derartige Untersuchung ist der Dreißigjährige Krieg. Der mit einem politologischen Ansatz operierende Herfried Münkler hat dies jüngst getan (1). Seine Auswertung bringt es relativ leicht auf den Punkt: diejenigen, die das Motiv des Krieges auf das religiöse Ziel reduzierten, waren denjenigen, die die gesamtpolitischen und geostrategischen Konstellationen in ihr Kalkül mit einbezogen, strategisch und real unterlegen.
Man könnte die großen Epochen der Neuzeit, in denen Ideen eine gewaltige Rolle spielten, weiter untersuchen und käme zu erstaunlichen Ergebnissen. So war die Sowjetunion, obwohl alles andere als ein vom Idealismus durchtränkter Staat, vielleicht doch Opfer einer blendenden Ideologie. Und die USA haben, seit ihrem Sieg über die UdSSR die positiven Ideen für überflüssig gehalten und ließen im euphorischen Triumphalsmus dem reinen Machtkalkül freien Lauf, was ihren Niedergang beschleunigen wird. Und ob China aus all diesen Fehlern des ideen- oder machtbezogenen Purismus gelernt hat, wird sich noch herausstellen, wobei einiges dafür spricht(2).
Jedenfalls zeiht sich die Frage wie ein roter Faden durch die Weltgeschichte. Zumeist ist, wenn große Ideen im Spiel sind, der Machtfaktor in den Hintergrund gedrängt und das führt in der Regel zu einem bösen Erwachen. Von den schönen Ideen bleibt dann noch die Erinnerung, während sich ein neuer Moloch in der Sonne räkelt.
Das Resümee dieser Betrachtung ist recht simpel und führt zu der in der Politik bekannten Standardfrage: Schöne Idee, nur wie soll sie umgesetzt werden? Wie breit ist die Basis derer, die als Unterstützer gelten können? Existieren Bündnispartner? Mit wem sind Koalitionen möglich? Wie gestaltet sich die Interessenlage? Wer muss mobilisiert werden, um welche Bündnisse zu erreichen?
Die Fragen sind existenziell und sie gelten im Kleinen wie im Großen. Wer im Großen, das heißt international, etwas erreichen will, muss sich diese Fragen genauso stellen und er braucht dabei Zeit, Geduld und Verhandlungsgeschick. Wer nur durch die Gegend läuft und seine Position als die einzig Wahre deklamiert, wird sich um keinen Millimeter fortbewegen.
Um das Vertrauen möglicher Bündnispartner zu gewinnen, wird eine Offenheit benötigt, die sich auf die eigene Interessenlage bezieht. Wer nur von Ideen und Überzeugungen spricht, wird dieses nicht bewerkstelligen. Es geht darum, zu sagen, was man braucht und will und was man im Gegenzug dazu bereit ist zu geben und zu zahlen. Das ist eine alte, sehr alte und immer noch geltende Erkenntnis, die in der gegenwärtigen Politik dieses Landes nicht mehr zu hören ist.
Letzteres hat mehrere Gründe. Die Gewissheit hinsichtlich des Charakters dieses Landes ist nicht mehr gegeben, eine große Orientierungslosigkeit hat sich breit gemacht, die durch die schleichende Abkehr vom Industrialismus noch Dimensionen hervorrufen wird, die schlimme Szenarien wahrscheinlich machen. Das Marktgeschrei um Bekenntnisse und Überzeugungen ist nur ein Indiz für die allgemeine Verwirrung.
Das Erfordernis, Klarheit zu schaffen über Charakter, Zielsetzung und Bedürfnisse des Landes, ist zu einer existenziellen Frage geworden.
1) Herfried Münkler, Der Dreissigjährige Krieg. Europäische Katastrophe, Deutsches Trauma 1618 – 1648, Hamburg 2017
2) Jörg Kronauer, Der Rivale. Chinas Aufstieg zur Weltmacht und die Gegenwehr des Westens, 2019
Von Verschwörungen und Sündenböcken
Was ist eine Verschwörungstheorie? Diese Frage ist, trotz des verbreiteten Gebrauchs des Terminus selbst, nur in wenigen Fällen Gegenstand der Diskussion. Dabei sollte das kritische Instrumentarium gerade eine solche Herangehensweise strikt fordern. Dass dem nicht so ist, zeigt, wie sehr die Kritik an den gesellschaftlichen Zuständen – zumindest gefühlt – in der Defensive ist. Denn immer noch fürchten viele Kritiker, als Verschwörungstheoretiker denunziert zu werden und damit ihren Ruf als ernst zunehmende Stimmen zu verlieren. Aber genau das Gegenteil ist der Fall, wenn die Sache an sich definiert ist und man sich dann einmal ansieht, in welchen Kontexten tatsächlich Verschwörungstheorien ihre Anwendung finden.
Bleiben wir bei der Ausgangsfrage und machen einen einfachen Versuch: Eine Verschwörungstheorie unterstellt, dass viele, voneinander unabhängig erscheinende und auftauchende Phänomene insgeheim von einer Hand inszeniert sind, um einen bestimmten Zweck zu erreichen. Der Zweck selbst ist in der Regel eine negative Angelegenheit. Zumeist hat der Zweck zum Inhalt, irgend etwas zu zerstören, um an dessen Stelle eine dunkle Herrschaft zu errichten. Dem Begriff der Verschwörung haftet immer das Geheime an. Eine Verschwörungstheorie beinhaltet also den gebündelten Versuch, etwas von langer Hand zu zerstören und durch etwas Dunkles zu ersetzen.
Das Wesen einer Verschwörungstheorie besteht in der Akzentuierung auf dem Begriff der Theorie im negativen Sinne, d.h. es wird unterstellt, dass die Vorstellung einer insgeheim konzertierten Aktion, um etwas zu zerstören und durch etwas Dunkles zu errichten, als Hirngespinst derer zu begreifen ist, die sich das ausgedacht haben. Und, wenn es sich tatsächlich um Verschwörungstheorien handelt, ist dieser Vorwurf berechtigt. Historisch können Verschwörungstheorien immer wieder anhand der Fakten widerlegt werden. Oft kommen viele kleine, jedoch voneinander isolierte und nicht arrangierte Einzelangelegenheiten zeitlich so zusammen, dass ein bestimmtes Ereignis letztendlich logisch erscheint. Die unsichtbare Hand der Verschwörung kann hingegen in der Regel nicht nachgewiesen werden.
Und genau mit diesem Argument wird die Kritik an den herrschenden Zuständen seitens vieler Politiker und der etablierten Medien konfrontiert. Sieht man sich um, im Universum der Meinungsäußerung, so lässt sich tatsächlich feststellen, dass Verschwörungstheorien umherwandern, die zumeist einen Geist versprühen, der schauderhaft ist und aus tiefen Ressentiments gegen das gespeist ist, was so treffend wie polemisch als das jüdisch-marxistische Freimaurertum bezeichnet werden kann.
Selbstverständlich möchten die wenigsten derer, die die herrschenden Verhältnisse kritisieren, sich in eine Ecke mit den tatsächlichen Verschwörungstheoretikern des beschriebenen Schlages stellen lassen. Die Absicht, dieses zu tun, deutet auf den Charakter derer, die es tun: Sie schämen sich nicht das bis zum Rufmord zu schädigen, was als die Grundlage der Demokratie gelten kann: Das Recht auf Kritik und Widerspruch. Das verrät den Seelenzustand derer, die sich seit langem in einem Modus wähnen, dass ihr eigenes Handeln stets alternativlos ist.
Das Kuriose an der Installation des Vorwurfs der Verschwörungstheorie in die Argumentation der Verteidiger der herrschenden Zustände ist die Tatsache, dass die Verantwortlichen selbst nahezu pathologisch dazu neigen, alles, was sich gegen sie wendet, als Verschwörung zu bezeichnen und sich selbst zu den besten Schülern der Verschwörungstheorie zu machen. Zu dem Satan namens Putin, der vom Moskauer Kreml aus die Welt aus den Angeln heben will, gesellt sich zunehmend die cholerische Orangenhaut aus Washington, die ähnliches im Schilde führt. Da sei doch den Vertretern der herrschenden Zustände in Amt und Würden geraten, sich kühlen Kopfes der Kritik für ihr Tun zu stellen und nicht nach dem zu suchen, was immer zur bösen Verwerfung geführt hat: dem alles inszenierenden Sündenbock.


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