Archiv für den Monat Juli 2019

Die Rückkehr der Heroinen

Die Unterteilung der Welt in heroische und post-heroische Gesellschaften hat in Bezug auf die Entschlüsselung der psychosozialen Befindlichkeiten von Gesellschaften und ihrer kulturellen Disposition sehr viel Licht ins Dunkle gebracht. Die im Westen eingeführte Terminologie schuf eine neue Betrachtungsweise: Demnach ist das Wesen heroischer Gesellschaften, dass ihre einzelnen Glieder es als erforderlich erachten, durch das eigene Verhalten dem Zweck und Wert des Ganzen zu dienen, während die post-heroische Variante dieses ablehnt und nach dem individuellen Benefit für den Einzelnen fragt.

Böse Zungen auf der einen Seite deuten die post-heroische Attitüde als eine typische Dekadenzerscheinung und übersteigerten Egoismus. Die bösen Zungen der anderen Seite halten die prägende Haltung heroischer Gesellschaften für eine antiquierte Geste der Unterwürfigkeit unter Autoritäten wie Gott und Vaterland. Wie dem auch sei: bei genauerer Betrachtung fällt auf, dass tatsächlich diese Unterscheidung gemacht werden kann. Dazu existieren Umfragen und dazu existieren unzählige Dokumente politischen Handelns und der damit verbundenen Legitimation von Politik.

Machen Sie sich den Spaß und lassen einige Länder Revue passieren und ordnen sie sie ein! Sind sie als heroisch oder post-heroisch zu identifizieren?

Einfach ist die Aufgabe sicherlich nicht, weil sich viele Länder in einer Phase gewaltiger Transformation befinden und da ein „Sowohl“ und ein „Als auch“ beobachtbar ist. Von den großen Entwicklungslinien ist jedoch festzustellen, dass die Länder des so genannten freien oder kapitalistischen Westens eindeutig die Phase des Post-Heroismus erreicht haben, während alle neu aufstrebenden Nationen mit der Ausnahme Japans mit dem Begriff des Heroismus am besten zu deuten sind.

Ob es Gesetz oder Zufall ist, dass ausgerechnet in den post-heroischen Gesellschaften die Emanzipation der Frauen fortschreitet, sei dahingestellt. Dass jedoch gerade in diesen Gesellschaften, die sich mehr auf Ratio, Selbstbestimmung und Feminismus berufen, nun ein Trend zu beobachten ist, der den – zunächst noch? – individuellen Heroismus wieder salonfähig macht, ist bemerkenswert.

In nahezu Lichtgeschwindigkeit hat sich in den letzten Monaten eine Kette moderner Heroinen in den medialen Orkus gedrängt. Tatsächlich fallen die besagten Frauen durch ihr Engagement, ihren Mut und ihr Charisma auf. Und tatsächlich eignen sie sich, um Menschenmassen zu emotionalisieren und vielleicht dazu zu bewegen, sich selbst zu engagieren.

Das ist bei Greta Thunberg und der Bewegung Fridays For Future so, das ist im Falle der deutschen Kapitänin Carola Rackete und der Seenotrettung so und das ist bei der amerikanischen Fußballspielerin Megan Rapinoe und dem Aufbegehren diskriminierter Minderheiten so. Und es sind nicht irgendwelche Allerweltthemen, die da in den Fokus kommen: Da geht es um das Weltklima und die Zerstörung der Natur durch das globale Wirtschaften, da geht es um die durch Kriege und Kolonisierung entstandene Migration vieler Menschen und die Abschottungspolitik der mit verursachenden Länder und da geht es um eine  basis-demokratische und anti-diskriminatorische und anti-imperiale Politik gegen die Machthaber der Noch-Weltmacht Nummer Eins.

Bei aller formulierten Geringschätzung gegenüber den Heroinen, die immer sofort von überall hervorgebracht wird: Programmatisch bietet kaum eine Partei mehr! Dass die genannten Heroinen von vielen Seiten dieses Maß an Sympathie ernten, liegt nicht nur an der persönlichen Ausstrahlung und dem damit verbundenen Charme, sondern auch daran, dass sie es sind, die die essenziellen Themen der Zukunft aufgreifen. Und, um nicht der euphorischen Trance zu erliegen: die Merkels, Kramp-Karrenbauers, von der Leyens und Lagardes treiben zeitgleich ihr Unwesen, aber sie etablieren sich eben auch nicht als Heroinen.

So kann sich die These sehen lassen, dass die Rückkehr der Heroinen auch in die post-heroischen Gesellschaften durchaus ein Fortschritt darstellt. Sie, die positiven Heldinnen, lassen der Einsicht in bestimmte Zusammenhänge das Konzept des praktischen Handelns folgen. Ein erfrischender Weg aus den phlegmatischen Zonen der politischen Dekadenz.

Das Sein und das Nichts

Christopher Hitchens, der in London aufgewachsene Querkopf aus dem journalistischen Milieu, den es irgendwann nach Washington zog, um den dort Mächtigen zu zeigen, dass auch sie nur mit Wasser kochten, dieser mutige und scharfsinnige Mann, den keine Macht auf dieser Welt, sondern nur der viel zu frühe Tod bezwingen konnte, dieser Hitchens beschrieb in seiner Autobiographie eine Szene im London der späten siebziger Jahre des letzten Jahrtausends. Auf einer Protestveranstaltung stand ein Mann auf, der auf seine Herkunft, seine Ethnie und seine Religion verwies. Das brachte ihm großen Beifall ein, noch bevor er einen Beitrag zu der laufenden Diskussion geleistet hatte. Hitchens, genannt The Hitch, erinnerte sich, weil er da das Gefühl gehabt hatte, dass sich etwas in eine dramatisch falsche Richtung entwickelte.

Angesichts der Episode, die Hitchens erschütterte, können wir heute nur müde lachen, denn wir sind bereits in einem Raum beheimatet, in dem die Herkunft mehr bedeutet als die Leistung. Scharf transponiert heißt das, wir sind zu einer aristokratischen Haltung zurückgekehrt, in der die Herkunft alles bedeutet, nur keine Verpflichtung, auch etwas zu tun. Es ist eine Ideologie des Müßiggangs, die zudem noch ein gutes Gefühl beschert.

Es ist den Designern der schicken und modernen Ontologie gelungen, dem Gros einer zunehmend entmündigten Bevölkerung zu suggerieren, dass eine wie immer definierte Benachteiligung sie in der gesellschaftlichen Reputation privilegiere und dazu führe, nichts tun zu müssen als auf die vermeintlichen Narben zu verweisen, um zu den Guten zu gehören.

Ja, Hitchens hatte Recht: mit dem Verweis auf die Herkunft und dem Ausblenden von tatsächlicher Leistung wurde die Welt derer auf den Kopf gestellt, die sich bewusst waren, dass gesellschaftliche Veränderungen nur dann zustande kommen können, wenn sich eine Vorstellung davon, wie es zukünftig sein sollte mit der Energie und Courage verband, dieses auch bewerkstelligen zu wollen. Das sind die Macher der Veränderung, und nicht die feuilletonistischen Schöngeister einer abgeschmackten Betroffenheitslehre.

Doch woher kam diese Tendenz? Sie resultierte aus einem vielleicht nicht abgestimmten, aber allgemein praktizierten Ansinnen, diejenigen, um die es jeweils gesellschaftlich ging, von der eigenen Aktivität abzuhalten und ihnen zu versichern, dass ihre Mandatsträger es wohl richten würden. Ein Blick auf die politischen Plakate jener Zeit, in der das noch anders war, macht den Wandel deutlich: Da steht es immer wieder geschrieben: Auf Dich kommt es an! Das ist vorbei, denn wer würde sich heute, am Ende eines lang andauernden Entmündigungsprozesses, noch angesprochen fühlen?

Als Surrogat für die frühere Aktivität und Verantwortung stand die Betroffenheitslehre, die zumindest das Gefühl vermittelte, noch irgendwie politisch relevant zu sein. Die schlechte Nachricht: Nur zu Sein ist kein Verdienst, das sich von dem der Amöbe unterscheidet.

Und so trifft es sich, dass da manche theoretischen Überlegungen wieder zutage treten, die dazu geeignet sein könnten, aus den dumpfen Gefühlsfiguren zum Teil wieder Existenzen werden zu lassen, die allmählich begreifen, dass sie zurück müssen vom verwalteten Objekt und hin zum handelnden Subjekt. Und so kommt es, dass das nie unterschätzte, aber leider auch oft ignorierte Werk Jean Paul Sartres, Das Sein und das Nichts, wieder gründlich gelesen werden muss, um der Misere des Müßiggangs, der aus der Betroffenheitsideologie resultiert, ein Ende zu bereiten. Die Quintessenz des französischen Existenzialisten wirkt in unserer schlafwandelnden Welt wie loderndes Feuer: Unser Sein ist etwas zu Leistendes!