Archiv für den Monat Juli 2019

Von der Mythendeutung zum politischen Journalismus

Rolf Hosfeld. Heinrich Heine. Die Erfindung des europäischen Intellektuellen

Heinrich Heine ist brandaktuell. Er war nie aktueller als heute. Warum? Weil er an der Schwelle zur Moderne vieles von dem aufbrach, was gesetzt zu sein schien und weil er politische Tendenzen witterte, die weit über sein Leben, nämlich bis heute, wirken sollten. Dem Phänomen Heine, das vielleicht am besten mit den Überschriften des politischen Journalismus, des Exils und der Mythendeutung überschrieben werden können, geht der Journalist und Verleger Rolf Hosfeld in einer Biographie in sehr pointierter Weise nach. Die Komplexität der Person, die voller Widesprüche steckte und gerade daraus das Modell einer Lesart der sich zu seinen Lebzeiten bahnbrechenden Moderne ermöglichte, wird in dieser Biographie sehr gekonnt nachgezeichnet. Der Titel „Heinrich Heine. Die Erfindung des europäischen Intellektuellen“ verrät den Akzent, der auf dem Ganzen liegt. Es geht nicht um eine zumeist praktizierte Nachzeichnung von Biographie und Werk, was auch geschieht, sondern um die neue existenzielle Formgebung, für die Heine steht.

Drei wesentliche Akzente seien aus dem gut lesbaren Werk Hosfelds herausgegriffen. Wichtig und bis heute zumindest in der zeitgenössischen Rezeption unterschätzt ist die Entschlüsselung der gedanklichen Identität der Deutschen, die zu seiner Zeit noch um eine nationale Identität kämpften. In seinen Schriften unter dem Titel „Elementargeister“ dechiffrierte Heine den geistigen und mythologischen Horizont, in dem sich der werdende europäische Riese bewegte. In der für ein französisches Publikum verfassten „Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland“ griff Heine auf diese frühen Arbeiten zurück und erklärte den langen Weg vom blutrünstigen Mythos zur Aufklärung. Und in der dem Nationalrevolutionär „Ludwig Börne“ gewidmeten Schrift polemisiert Heine gegen den aus den „Elementargeistern“ in die Moderne hinübergeretteten Puritanismus und Dogmatismus der Befreiung, der bis in unsere Tage reicht und ein deutsches Spezifikum darstellt. 

Einen zweiten Schwerpunkt stellt die eigene Existenz als Schriftsteller dar. Dabei ist die Namensgebung Schriftsteller im klassischen Sinne bereits eine Verfälschung der realen Existenz. Denn Heine hat mit der Art und Weise, wie er sein Geld mit dem geschriebenen Wort verdiente, den Beruf des Journalisten vorgezeichnet. Dass er seit den ersten Tagen seines Pariser Exils mit einem Honoré de Balzac befreundet war, zeigt die räumliche wie spirituelle Nähe dieser neuen Form des Berufs. Mit den vor allem in der Augsburger Allgemeinen Zeitung veröffentlichten Berichten über Frankreich (Französische Zustände, Lutetia), England (Englische Fragmente) und Deutschland (Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland) wurde ein neues Genre aus der Taufe gehoben, dass als politische Prosa bezeichnet werden kann und die bewirkte, dass ein breiteres Publikum in die Wirkmechanismen von Politik Einblick erhielt.

Und schließlich der Visionär eines neuen Europa, das über die Nationalstaaten hinaus konzipiert werden müsse. Das entspräche vielleicht sogar der Diktion und Doktrin heutiger EU-Bürokraten, hätte Heinrich Heine damit nicht die Frage verbunden, wie eine Demokratie von unten zu gestalten sei. Er identifizierte einen gesamteuropäischen Klassenkampf, der das Movens zu einer Einigung darzustellen hätte. Das konterkariert alle Narrative über eine EU, die a) nicht Europa ist und b) zum Zwecke von Partikularinteressen funktioniert.

Die Biographie Hosfelds spart nicht die lyrischen Werke Heines aus, die zu seinem Weltruhm beitrugen, die wesentlichen Komponenten bei der Etablierung des neuen Typus eines europäischen Intellektuellen sind jedoch in den existenziellen Bedingungen eines politisch schreibenden Literaten und in der Art und Weise des Brückenschlags von Mythendeutung, philosophischer Textanalyse und aktueller Aufbereitung zu suchen.

Wann kommt der große Knall?

Von der BILD-Zeitung bis zum heute journal: die Reihen sind fest geschlossen! Es ist schlichtweg ein propagandistischer Hype entfacht worden um die Wahl der Ursula von der Leyen zur EU-Kommissionspräsidentin. Endlich eine Deutsche, so heißt es, und dann auch noch eine Frau! Dabei geht es um die Mobilmachung der deutsch-französischen Allianz zur neuen Aufteilung Europas. Alle, die glauben, es werde schon nicht so schlimm werden, wie von der ewigen Kassandra immer behauptet, sei an dieser Stelle einmal eine ähnlich polemische Replik gestattet: Selbstberuhigung wird nicht helfen, es wird zum großen Knall kommen!

Neben der deutsch-französischen Phalanx innerhalb der EU wird jetzt die CDU-Vorsitzende Kampf-Knarrenbauer offiziell zur Verteidigungsministerin ernannt. Zum einen ist der Akt längst überfällig, weil sie bereits seit einiger Zeit illegalerweise als CDU-Vorsitzende ohne Ministeramt an allen Kabinettssitzungen teilgenommen hat, auch wenn Sujets besprochen wurden, die der staatlichen Geheimhaltung unterlagen. Es passte ins Bild, wir haben es mit einer Camarilla zu tun, die sich an nichts hält und im Stile des organisierten Verbrechens die Geschäfte von Lobbys führt.

Nun, als Verteidigungsministerin, kann sie sehr schnell wahrmachen, was sie, ihrerseits bereits wissend, was da kommen würde, vor einigen Tagen herausposaunt hat: Der vom amerikanischen Präsidenten Donald Trump mit kalter Berechnung vorgetragene Vorschlag, Deutschland solle bei der Bekämpfung des IS in Syrien jetzt mit Bodentruppen vorangehen, wurde von der Kosmopolitin aus dem Saarland gierig aufgegriffen. Wozu sich das Superimperium nicht traut, the fight on the ground, das kann die bundesdeutsche Operettenarmee allemal. Der Einsatz deutscher Bodentruppen in Syrien, so AKK, sei ein großer Sprung nach vorn! Auch wenn geschichtslose Wesen die Antwort nicht werden verstehen können, sie kann nur lauten: Good Morning Vietnam!

Das alles wird seinen Gang gehen. Von der Leyen hat als Verteidigungsministerin bereits formuliert, dass man mit Russland nur aus einer Position der Stärke verhandeln könne. Auch da steht die deutsch-französische Allianz. Anscheinend haben beide noch eine Rechnung offen, und weder Napoleon noch Hitler haben den Epigonen ausgereicht, um daraus zu lernen. 

Die Prognose ist nicht gewagt, sondern leicht formuliert: mit dem neuen Personaltableau in Brüssel wie Berlin wird der Wirtschaftsliberalismus zum letzten Gefecht rüsten und die Armeen werden in heiße Konflikte stürmen. Die Lage ist ernst wie nie, weil sich die komplette politische Elite als Marionettenensemble derer entpuppt hat, die die Welt unter sich neu aufteilen wollen.

Jetzt sind keine Nuancen mehr zu beachten! Nun geht es darum, Allianzen zu schmieden, die die politische Kraft entwickeln, die vonnöten ist, um dem bevorstehenden Zerstörungskrieg Entscheidendes entgegenzusetzen. Wer dabei zaudert, verschenkt seine eigene Lebenszeit. Vieles von dem, was ansteht, ist nicht aus den Designerbüros der neuen Zeit. Es ist alt bewährt, weil es sich mit den Konstanten sozialer Systeme auseinandersetzt. 

Es geht jetzt darum, die wirtschaftlichen Ziele mit denen der Weltpolitik zu verbinden. Ohne Mindestlohn kein Frieden und ohne Frieden keinen Mindestlohn. Die Gewerkschaften müssen den Museumsverwaltern entrissen und wieder zu Kampforganisationen reanimiert werden und es muss eine Partei her, die den Kampf um gerechte, ausreichend bezahlte Arbeit mit dem um Frieden verbindet. Alles andere wird sich aus einer solchen Programmatik ableiten, auch die Zerstörung der Natur entspringt dem herrschenden ungezügelten Wirtschaftsprinzip. 

Dem Wahnsinn, der sich täglich bedrohlicher auftürmt, kann nur die Allianz von Arbeit und Frieden das Handwerk legen.