Europa: Heidelberg in Wien am Rhein

Bundeskanzler Konrad Adenauer, erster Bundeskanzler der Republik im Westen nach dem Krieg, wird der verhängnisvolle Satz zugeschrieben: „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern?“. Damit war, so kann man ihm, der historischen Figur, konzedieren, ein gewisser rheinischer Pragmatismus gemeint, der sich mehr der konkreten Lösung eines Falles widmete als die Festigkeit in Grundsätzen unter Beweis stellen zu wollen. Wer sich dem Thema der Politik kurz nach dem Krieg stellen musste, durfte in Sachen Pragmatismus tatsächlich nicht zimperlich sein. Es fehlte an allem, und die Mägen knurrten.

Bis heute wird das Zitat gerne benutzt, auch wenn sich die Verhältnisse dramatisch geändert haben. Die Gesellschaft produziert Güter im Überfluss und die Orientierungslosigkeit von immer mehr Menschen spräche für weniger Pragmatismus und mehr Prinzipientreue. Trotz der Fülle von zum Erwerb angebotenen Waren existiert bei immer mehr Menschen die blanke Not und trotz der vielen Krisen, seien es Kriege, sei es die Vernichtung der Natur, will das unverbindliche Geschwätz in der Politik nicht abebben und es scheint so, als nähme die Welt zielstrebig Kurs auf den Eisberg.

Ein Symptom, das den suizidalen Trieb beschreibt, ist die mangelnde Aufrichtigkeit und die Nonchalance, mit der gemachte Aussagen im kollektiven Gedächtnis geschreddert werden, kaum sind auch nur die mindesten Karenzzeiten erreicht. Nehmen wir das laute Getöse vor der Europawahl. Da ging es um deklamierte Demokratie, um den Willen der europäischen Völker, der umgesetzt werden soll und um die alternativlose Wertedominanz der herrschenden EU. Kaum sind die Urnen geleert und ihr Inhalt ausgezählt, da streiten sich die Wettbewerber auch schon um die verschiedenen Posten, um die es ging.

Das geschieht derartig frivol, dass die Frage berechtigt ist, aus welchen Armenhäusern die Kombattanten eigentlich entstiegen sind. Und entgegen aller Äußerungen vor der Wahl, als das Hohe Lied auf die Prinzipien der Demokratie gesungen wurde, geht es längst nicht nach den Ergebnissen, die bei der Wahl erzielt wurden. Schnell wird deutlich, dass der Wählerwille allenfalls konsultativ zu deuten ist.

Plötzlich tauchen wie aus dem Nichts Aspiranten auf, die gar nicht für das jeweilige Mandat gefochten haben und auf einmal sind Argumente zu hören, die im Vorfeld keine Bedeutung hatten. Das ist wie im Märchen „Knüppel aus dem Sack“. Die 50,9 Prozent, – mehr waren es nicht! – die sich dieses Mal europaweit an den Wahlen beteiligt haben, haben anscheinend mit ihrer Stimmabgabe jedes Recht auf eine Bestimmung der weiteren Beeinflussung des Geschehens in Brüssel verwirkt. Es wird, hinter  verschlossenen Türen, versteht sich, an so genannten Tableaus gearbeitet, die nichts übrig lassen als die Aussage, die Beute sei nun verteilt.

Selbst diejenigen, die sich haben mobilisieren lassen und an das Gute und politisch in den Vordergrund Geschobene geglaubt haben, sind jetzt mit der leidigen Erkenntnis konfrontiert, dass nichts mehr von dem erkennbar ist, was der Wählerwille in Bezug auf politische Mehrheiten beabsichtigt hat.

Ja, der Wiedererkennungswert des politischen Willens des Souveräns ist aufgrund der tatsächlichen Konsequenzen geschrumpft auf ein eher satirisches Maß. Und das, was zu erkennen ist, ist nicht mehr deutbar an Kontur. Nichts ist absurder als das. Und ist es zu verübeln, wenn da Zeilen Tucholskys in den Sinn kommen? Das Europa, wie es vorzustellen sei, das ist ein „Heidelberg in Wien am Rhein“?

7 Gedanken zu „Europa: Heidelberg in Wien am Rhein

  1. Avatar von LPLP

    Ein wenig grummelt es immer in mir, wenn ich das Adenauer-Zitat in dieser Kurzform lese. Impliziert es doch Ignoranz und Wankelmütigkeit gegenüber einstmals getroffenen Entscheidungen, Aussagen oder Statements. Und eine gewisse Gleichgültigkeit. Und rückt so Zitat und Person in ein eher schlechtes Licht.

    „Was interessiert mich mein Geschwätz von gestern. Nichts hindert mich, weiser zu werden.“

    lautet das gesamte Zitat in der Langform und dann sieht das Ganze nämlich schon ganz anders aus.
    Womit ich mich nicht als Apologet Adenauers darstellen möchte, dennoch finde ich das Geraderücken wichtig.
    Liebe Grüße
    Lutz

  2. Avatar von WilhelmNitya

    Es mag ja sein, dass mich mein Geschwätz von gestern heute nicht mehr interessiert. Möglicherweise glaube ich heute sogar, ein bisschen weiser geworden zu sein. Nur darf das im sozialen Miteinander und schon gar nicht zwischen Staaten bedeuten, dass Verträge der völligen Beliebigkeit unterworfen werden. Pacta sunt servanda. Wenn das nicht mehr gültig ist, wird jedes Vertrauen zerstört und damit auch jede Geschäftsgrundlage. Das gilt im privaten Bereich so uneingeschränkt wie im öffentlichen Raum.

    Alles bekannt – und trotzdem geschieht es immer wieder seit Menschengedenken. Also nur eine überflüssige Sonntagspredigt? Mag schon sein, und doch …

    Wahlversprechen sind eigentlich auch so eine Art Vertrag. Oder nicht?

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  4. Avatar von almabualmabu

    Ihr habt ja ALLE so Recht! Das meine ich wirklich so, echt ehrlich! Zwar ist die EU von Beginn an, „scheindemokratisch“ konstruiert, d.h. das gewählte Parlament darf da so ein bißchen „mitbeschließen“ was Andere, seien es Kommission oder Präsident – alle nicht von den EU-Bürgern gewählt – ihm so präsentiert. Was wir jetzt gerade wieder erleben, das Geschacher und Gefeilsche, gab es in diesem Konstrukt von Anfang an. Neu waren diesmal die sogenannten „Spitzenkandidaten“, die dem Wähler sugerierten, er könne wirklich Einfluß nehmen.

    Aber ich sehe ein anderes Problem. Eine echte politische Debatte findet nicht mehr statt. Wenn sich früher (nein, nicht in den „guten alten Zeiten“!) ein Strauß und ein Wehner im SW-TV übertragen, sich heftigst argumentativ bekämpft und gestritten haben, folgten darauf Debatten in der Bevölkerung am Arbeitsplatz, in der Stammkneipe und der Familie. Die Menschen waren im Thema. Wo ist dies heute?

    Die dämlichste Erfindung der letzten (gefühlt!) 100 Jahre war die Talkshow. Die TV-Gucker, die Bevölkerung, wir alle, wurden zu Zu-schauern und -hörern von vorher handverlesenen Gästen, und egomanen „Hosts“, den sich selbst intelektuell exhibistisch präsentierenden Gastgebern.

    Heute geht es hingegen in geradezu religiöser Art um Befindlichkeiten, Bekenntnisse und Themen, die im weitesten Sinne von praktisch Allen respektiert, akzeptiert und letztlich unterstützt werden können. Sorry, das ist eine Pseudo-Politik! Da geht es nur um die Überredung zur Stimmabgabe durch Leute, die sich einen Dreck um das Wohl oder Wehe der Bevölkerung kümmern. Klimawandel? Ja, gewiss, aber nur Gender-technisch ausgewogen, bitteschön!

    Machen wir`s kurz: Die Wirtschaft hat die Politik in allen wesentlichen Dingen seit Jahrzehnten überholt und damit als Entscheider, als Machtfaktor abgelöst. Unsere hochbezahlten Polit-Clowns in den Parlamenten zeigen dies durch ihr konkretes Verhalten ganz offen. Ich fürchte, für die dringend benötigte Trendwende an diesem Punkt geht es uns einfach noch viel zu gut?

  5. Avatar von fibeamterfibeamter

    Wieder das alte Lied. Der Staatenverbund Europa ist weder demokratisch noch sozial. Es fehlt diesem Verbund das Merkmal jeder! Demokratie,die Gewaltenteilung. Ein Parlament, das die Gesetze beschcließt (Legislative), eine (vom Parlament) gewählte Regierung, die diese Gesetz ausführt (Exekutive() und eine unabhängige Gerichtsbarkeit,die über die Ausführung dieser Gesetze wacht (Judikative) . Nur letzteres funktioniert in der EU. In einigen Nationalstaaten wird ungestraft gegen diese demokratischen Grundsätze trotz Charta der EU verstoß0en. Deshalb wiederhole ich mich. Dieses undemokratische Gebilde Staatenverbund EU gehört abgeschafft. In der Verfassungsbeschwerde gegen JEFTA fordert deshalb auch die Anwältin von Frau Grimmenstein evtl eine Dexit. Unser Grundgesetz und unsere vom Bundestages gehen vor.

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