Archiv für den Monat Juni 2019

Selektiver Mechanismus: Hongkong und die Gelbwesten

Nichts gegen eine Berichterstattung, die sich mit kritischen Situationen rund um den Erdball auseinandersetzt. Dazu gehören Berichte über Unruhen in Hongkong, wo Hunderttausende gegen eine mögliche Auslieferung von Delinquenten an die Volksrepublik China protestieren. Oder die Proteste in Weissrussland, wo es zu Zusammenstößen mit der Polizei kam. Oder die Krawalle im krisengeschüttelten Haiti. Wer sich für politische Entwicklungen in der Welt interessiert, sollte darüber informiert werden. Was bei den Berichten, die momentan ausgestrahlt werden, immer mitschwingt, ist der leicht erhobene Zeigefinger, der insinuiert, dass hier, im freien Westen, wie er einmal genannt wurde, das alles unmöglich sei und, so die Botschaft, wir alle froh sein sollen, nicht dort leben zu müssen, wo es zu derartigen Konflikten kommt.

Brisant wird es, wenn die Wahrnehmung kritischer Situationen einem selektiven Mechanismus zum Opfer wird. Und einen solchen Fall haben wir zu konstatieren, wenn die Sprache auf das kommt, was unter dem Begriff der Gelbwestenproteste aus dem benachbarten Frankreich zu berichten wäre. Das findet aber nicht statt. Und wenn, dann sehr rudimentär. Meistens dann, wenn irgendwo etwas zu Bruch gekommen ist, das den Schluss zuließe, man habe es mit einem randalierenden Haufen zu tun, der die Gewalt an sich verherrlicht. 

Dass das nicht der Fall ist, sehen jedoch alle Menschen, die sich mittlerweile ihre Informationen auch aus dem Netz holen. Dort ist zu sehen, dass in Frankreich seit Monaten ein Massenprotest zu verzeichnen ist, der sich an den strukturellen Veränderungen des Landes abarbeitet, wie sie in den letzten Jahrzehnten vollzogen wurden. Es sind Landkarten entstanden, auf denen zu sehen ist, dass tiefe Risse durch das Land gehen. 

Da gibt es einerseits die geleckten, modernen und komfortablen Zentren der Metropolen, in denen sich nur noch diejenigen aufhalten können, die über die notwendige Liquidität verfügen, um den Luxus der metropolitanen Globalisierung leisten können. Großteile der Bevölkerung sind aus diesen Zentren verdrängt worden und leben an unterentwickelten Rändern, die unter dem Begriff der Banlieues figurieren. Deren Bewohner werden in regelmäßigen Abständen von der politischen Elite als Pack bezeichnet. Und dann existieren noch die ländlichen Regionen, in denen es keine Krankenhäuser mehr gibt, wohin weder Busse noch Bahnen fahren und wo von Grundversorgung keine Rede mehr sein kann. 

Die selbsternannten Qualitätsmedien verwenden darauf keine Mühen. Da sind Weissrussland und Hongkong interessanter, weil damit Ressentiments geschürt werden können. Da der böse Chinese, dort der böse Russe, die für die Konflikte verantwortlich gemacht werden können. Wenn es jedoch um einen „Hoffnungsträger“ wie Macron geht, dann wird vieles verziehen. Zum Beispiel die Anwendung des Ausnahmezustands, der nach den Pariser Terroranschlägen verordnet wurde und der nun dazu benutzt wird, um die Proteste aus der eigenen Bevölkerung zu kriminalisieren. Jedes Wochenende kommt es dort zu brutalen Übergriffen auf Demonstranten, hunderte sind mittlerweile schwer verletzt, weil wie beim Hasenschießen mit Gummigeschissen herumgeblättert wird und viele sind für den Rest ihres Lebens beeinträchtigt. Da schweigt des Sängers Höflichkeit, weil die Analogie der Politik, die zu all dem geführt hat, auf keinen Fall irgend jemandem in den Sinn kommen soll. 

Zur frisierten Berichterstattung gesellt sich nun die selektive. Mechanismen, die bekannt sind aus dem Arsenal diktatorischer Öffentlichkeitsarbeit. Glaube nur niemand an den Regiepulten der Meinungsmache, es fiele keinem auf! 

Im gesicherten Raum der Mystifikation

Die gute Nachricht für alle, deren Nerven bei der Betrachtung der Geschehnisse im eigenen Land kurz vor einem ruinösen Breakdown stehen: Die Deutschen werden weder das Weltklima retten noch werden sie in der Lage sein, die Migrationsbewegungen in der Welt aufzuhalten. Das kann ein kleiner Fleck im Herzen Europas ohne militärische Macht nicht durchsetzen. Natürlich könnte man den Eindruck gewinnen, dass es genau darum geht, wenn man die politischen Debatten im Land betrachtet. Da spielt sich ein Kollektiv zum Weltdoktor auf, ohne in der Lage zu sein, die beklagte Malaise zu ändern. Da stellt sich die kluge Frage: Was machen, wenn sich die komplette Öffentlichkeit in etwas verrannt hat? Die Antwort liegt auf der Hand: Man kann zwar darauf hinweisen, es wird aber wohl nichts bringen. Die Enttäuschung darüber, dass der große Plan nicht gelingen wird, hat das zur Folge, was gescheiterte Kollektive immer zu bieten haben: Es werden Schuldige gesucht und gefunden werden. 

Wie es sich in den ritualisierten Texten des Mainstreams gehört, sei auch hier, für alle, die guten Willens sind, von dieser Stelle aus wiederholt, dass beide Themen, die inflationär alles überschatten, tatsächlich von eminenter Wichtigkeit sind. Sowohl das Weltklima sollte allen am Herzen liegen als auch handelt es sich um ein Unrecht, wenn Menschen gegen ihren Willen ihre Heimat verlassen müssen. Damit hat es sich aber auch, denn beide Probleme haben Ursachen. Und diese sind zumeist von denen mit in die Welt gebracht, die jetzt vorgeben, sie lösen zu wollen. Da kann, immer noch an die Zielgruppe derer, die guten Willens sind, nur appelliert, doch irgend etwas nicht stimmen!

Bertolt Brecht, so glaube ich mich zu erinnern, benutzte gern das Wort vom Einlullen. Was er damit meinte, das war das Versetzen des kritischen Bewusstseins in einen Zustand der Trunkenheit und Willenlosigkeit vermittels des Einsatzes vieler, mannigfaltig unscharfer Begriffe, mit denen Illusionen transportiert werden, die eines gemeinsam haben: Sie transportieren nicht die Wahrheit. Und Wahrheit ist das, wonach alle streben sollten, die gesellschaftliche Veränderung im Sinne haben. Wer sich im Raum dessen, was am Ende eines erfolgreichen Prozesses des Einlullens steht, nämlich der Mystifikation, wiederfindet, der wird eher schnell als langsam desillusioniert.

Gut eignen, um sich an die nicht immer leichte Aufgabe der notwendigen Enthüllung zu machen, sind Fragen, die sich wie spitze Nadeln in die Ballons des Einlullens bohren. Bleiben wir bei den beiden Themen, die alles überlagern und fangen mit dem Weltklima an: Sind diejenigen, die sich momentan an dem Thema zu profilieren suchen, glaubwürdig, wenn sie gleichzeitig kritischen Müll in andere Teile der Welt exportieren? Oder ist es glaubwürdig, wenn E-Autos als Alternative für den Verbrennungsmotor gepriesen werden, ohne deren Öko-Bilanz offenzulegen? Oder ist ihnen zu glauben, wenn sie die Subventionen, direkt wie indirekt, für die Automobil- und Flugindustrie bestehen lassen und gleichzeitig minimalistisch in andere Mobilitätssysteme investieren?

Bei der Migration stellen sich ebenfalls Fragen, die das erreichte Profil derer, die momentan so sehr vom großen Unmut profitieren, bereits nach einer einzige Nachfrage beträchtlich ramponieren: Kann Migration durch die Befürwortung von Kriegen, die auf Ressourcensicherung oder Bestrafung für das Verletzen der eigenen Sichtweise befürwortet werden, gestoppt werden? Und ist Migration per se überhaupt zu verhindern und auch zu wünschen? Ist der Status Quo einer unterstellten Immobilität das gesetzte Ziel? 

Es handelt sich lediglich um eine kleine Übung, um die Brüchigkeit der Logik derer zu illustrieren, die momentan im Land der allgemeinen Weltverbesserung den großen Raum beanspruchen. Sie werden weder die benannten Probleme lösen, noch die Ursachen, auf denen sie basieren, in Angriff nehmen. Wenn Kapitalverwertung und Ressourcenverfügbarkeit mit keinem Wort erwähnt werden, befindet man sich bereits im gesicherten Raum der Mystifikation. Nach der großen Erwartung folgt die Desillusion. Dann wird es heftig!