Archiv für den Monat Mai 2019

Der Antrieb zur Gestaltung und der Infekt der Lethargie

Die große Tragödie unserer Tage scheint in dem Umstand begründet zu sein, dass sowohl das individuelle wie das gesellschaftliche Sein zu einer mittelbaren Größe verkommen sind. Das Unmittelbare, selbst Erlebte wird zunehmend zu einer Sondererscheinung in einer Welt, in der viele Kenntnisse und Erfahrungen über eigens dafür geschaffene Instrumente vermittelt werden.

Das für viele der analogen Generation zugeschriebene Menschen ganz Normale, nämlich das Hinausgehen in die Welt, das Fehler-Machen, die Schmerzen, die daraus erwachsen und der daraus resultierende Erkenntnis- und Lernprozess sind für die digital Gebürtigen ein zunehmend verblassendes Narrativ. Das sich Verlaufen auf dem Weg von A nach B findet nicht mehr statt, denn die App führt exakt dorthin, liegt das Instrument nicht vor, kann der Ort aber weder gefunden noch aufgesucht werden. Erkennungslinien können sich so nicht mehr herausbilden.

Auch die physiologische Komponente, die sich im römischen mens sana in corpore sana manifestierte, produziert bei der zunehmenden Bewegungslosigkeit in der virtuellen Welt böse Folgen, die in einer Häufung von Zivilisationskrankheiten wie Diabetes und Adipositas zum Ausdruck kommen. Wenn es zynisch formuliert werden sollte, dann könnte davon gesprochen werden, dass die wachsende Lethargie die notwendige Folge einer zunehmend bequemeren und weniger erkenntnisreichen Welt darstellt.

Was wäre logischer als die Konsequenz dahin gehend zu formulieren, sich für mehr Bewegung und weniger Routine einzusetzen. Es hätte gar eine subversive Wirkung auf die durch Programme und Algorithmen eingefriedeten Menschen. Das, was die Diskussionen um eine bessere Welt lähmt, sind die Systembrüche zwischen der alten, analogen und der neuen, digitalen Welt.

Die digitale Welt suggeriert den hin- und hergerissenen Menschen die Möglichkeit, in der Blase von abnehmender Bewegung, wachsender Bequemlichkeit und ständigem Wachstum so wie bisher weiter existieren zu können. Dass das ein Trugschluss ist, merkt jeder, der den Zivilisationskrankheiten erliegt, jeder, der selbst bei großer Betroffenheit nicht mehr die Energie hat, aufzustehen und für seine Rechte einzutreten und jeder, der die Journale über ökologische Katastrophen liest.

Man darf sich nicht blenden lassen: Kritik, Wirkung und Konsequenz zu alledem ist nichts Über-Komplexes, Kompliziertes und Unveränderbares, sondern schlicht und einfach, wenn man der Logik der menschlichen Existenz nur mehr folgt. Wer die Verhältnisse, so wie sie sich darstellen, nicht mehr so hinnehmen will, der sollte sich dafür entscheiden, alles zu minimieren, was sich nur mittelbar abspielt und alles zu maximieren, was dem unmittelbaren Erleben zuträglich ist.

Das bedeutet, sich der eigenen Bewegung zu verschreiben, sich in direkte soziale Kontakte zu begeben, eifrig zu interagieren, den Ort zu wechseln und möglichst vieles selbst auszuprobieren. Denn nur der eigene Antrieb ist in der Lage, den Infekt der Lethargie hinter sich zu lassen und irgendwann, nach Überwindung der Wehen, die beim Kampf aus der Lethargie, Apathie und Passivität entstehen, den Weg frei zu machen für das, was als selbstbewusste Gestaltung bezeichnet werden kann.

Es ist zwar schon oft kolportiert, aber der Satz eines der Inspiratoren der dialektischen Denkweise, dass nämlich die Bewegung der Ursprung allen Daseins ist, dieser Satz ist zu einem Axiom geworden für die Befreiung aus dem Unterdrückungsverhältnis von Maschine und Mensch. Denn die Frage ist nicht, ob diese Form der Unterdrückung kommt. Sie ist längst da. Sehen sie sich Ihre eigene Bilanz an! Wieviel Unmittelbares bestimmt Ihr Leben? Und wieviel Mittelbares nimmt Ihnen die Zeit?

Europa: Welcher Strategie folgt die Kommune?

Europa steht im Fokus. In Mainstreammedien wie auf der Agenda der Parteien wird viel von Europa erzählt. Allerdings, bei genauerem Hinsehen, geht es sehr wenig um Konkretes. Da wird von einem allgemeinen Segen schwadroniert, von europäischen Werten und was sonst noch. Nur sehr selten, bei wenigen der an die vierzig kandidierenden Parteien, ist davon zu hören, für was sie sich konkret einsetzen. Das ist eine Ebene, auf der man sich auseinandersetzen kann. Und darauf sollten sich potenzielle Wählerinnen und Wähler konzentrieren. Abstrakte Bergriffe werden das Leben nicht verändern. Konkrete Forderungen, die mehrheitsfähig sind, schon.

Was leider, mancherorts, nicht überall, im Rahmen des EU-Wahlkampfes in Vergessenheit gerät, sind die ebenfalls am gleichen Datum anstehenden Kommunalwahlen. Das ist besonders schade, denn das konkrete Leben in der Kommune macht den Homo politikus aus. Dort kennt er seine Interessen, dort weiß er, was er will, und dort wird der ewige Kampf um die Balance zwischen Partikular- und Gemeinschaftsinteresse am unverblümtesten geführt.

Ein guter Rat an die Wählerinnen und Wähler ist deshalb, sich bei den Kommunalwahlen genau anzuschauen, was die kandidierenden Parteien für die Kommunen an Perspektiven offerieren. Und auch da sein geraten, sich an die konkreten Aussagen zu halten und an keine wie immer auch gestalteten Idylle. Und bei genauem Hinschauen wird deutlich, wie sehr auch hier das Schwärmen in der Abstraktion dominiert. Und auch hier ist zu sehen, wenn es einmal konkret wird, wer wessen Interessen vertritt. Anhand der konkreten Forderungen lässt sich zudem wunderbar nachzeichnen, wie zeitgemäß die Vorstellungen gesellschaftlichen Zusammenlebens tatsächlich sind.

Da der Kampf um Mehrheiten in Europa in vielerlei Hinsicht ausgeartet ist in ideologische Lager, die nicht mehr miteinander kommunizieren können, und da die Kommune als Nukleus aller Demokratie weitaus wichtiger ist als die Diskussion um supranationale Konstrukte, sei empfohlen, sich mehr mit den Belangen der Kommune auseinanderzusetzen als mit den Sprechblasen um Europa. Wer einen klaren Blick für die tatsächlichen Optionen in der Kommune bekommt, kann sich im Hinblick auf Europa sicherer entscheiden.

Bei meinem Spaziergang durch meine Kommune und beim gleichzeitigen Betrachten der Wahlplakate ist mir sehr schnell deutlich geworden, wie das Rennen gestaltet werden soll und vor allem, welche Parteien tatsächlich programmatisch validierbare Aussagen tätigen. Was jedoch im Moment so wichtig ist wie noch nie, nämlich die Frage, wie das Zusammenleben in der Kommune in der Zukunft aussehen soll, darüber wird insgesamt sehr wenig, in manchen Städten aber – glücklicherweise – sehr konkret gesprochen. In einigen Kommunen sind mit der Bürgerschaft Strategiegespräche geführt und dokumentiert worden, die einen sehr konkreten Ausblick auf das geben, was das kommunale Gemeinwesen in der Zukunft ausmachen soll. 

Ein Prozess, der weder in der Bundesrepublik noch mit Blick auf Europa jemals geführt worden ist. Die Frage, wie ernst es Politik meint mit der Partizipation der Bürgerinnen und Bürger jenseits der institutionalisierten Wahlen ist schnell beantwortet, wenn das Thema Strategie, Zukunft und Ausblick systematisch im Diskurs mit der Bürgerschaft ausgeblendet wird. Die These ist, dass die Krise der Demokratie in erster Linie an dieser Fragestellung zu suchen ist. Danach erst kommt die Mutation der Mainstreammedien zu Erziehungsanstalten im Sinne einer herrschenden, die Welt beherrschen wollenden Moral. 

Die Illustration eines kommunalen Strategieentwicklungsprozesses folgt in Kürze.