Neulich erschien ein Buch, in dem das Jahr 1979 als ein entscheidender Wendepunkt in der jüngeren Geschichte ausgemacht wurde (Frank Bösch: Zeitenwende 1979: Als die Welt von heute begann). Es ging da nicht um ein einzelnes historisches Ereignis, sondern um eine Trendwende in wirtschaftlicher, politischer, technologischer und kultureller Hinsicht. In gewisser Weise ist diese These rekonstruierbar, ob es genau das Jahr 1979 war, sei dahin gestellt. Vergleicht man jedoch die Welt, wie sie sich in diesem Jahr gestaltete mit heute, so hat sich alles radikal verändert.
Die Sowjetunion existiert nicht mehr, Deutschland ist wieder vereint, China hat sich zu einer Supermacht entwickelt, die USA entfachen einen Krieg nach dem anderen, Indien entwickelt sich ebenso zu einer Supermacht, die einstigen europäischen Großmächte scheitern in ihrem Projekt Europa und die wirtschaftliche Boom-Region ist der asiatisch-pazifische Raum.
Die Ökologie des Planeten ist zu einem politischen Streitthema erster Güte avanciert und die Digitalisierung hat alle Produktionsprozesse, alle Produkte und die Arbeit an sich revolutioniert. Algorithmus ist das Zauberwort der Stunde, das Verhältnis von Mensch zu Maschine hat aus Instrumenten Akteure und aus Akteuren Instrumente gemacht. So bizarr es klingen mag, die beiden vielleicht gravierendsten Verluste in dem beschriebenen Zeitraum sind das Verschwinden der Bewegung der Blockfreien im internationalen Maßstab und der kollektive Verlust des eigenständigen Denkens.
Der amerikanische Autor Rick Moody beschreibt für all diejenigen, die später geboren wurden, die Zeit in den Siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts in einem kurzen Vorspann zu seinem Roman „Der Eissturm“ auf einer Seite, was es noch nicht gab: Vor 1979 lebten wir in einer analogen Welt, die sich anders gestaltete und in der anders gedacht und operiert wurde. Die spannende Frage, die sich aus heutiger Sicht stellt, ist jedoch die, wie es sein konnte, dass sich ein Land wie Deutschland nahezu vollkommen gegen alles imprägnieren konnte, was die neue Welt und ihre Verhältnisse mit sich brachten.
Denn alles, was an politischen Ansätzen heute diskutiert wird, um sozial, technologisch, ökologisch oder kulturell diese neue Welt beherrschbar zu machen, ist durchsetzt von Vorstellungen, die antiquierter nicht sein könnten. Sozial ist man in den frühen Jahren des Wirtschaftsliberalismus angekommen, technologisch versucht man Lösungen in analoger Denkweise, der ökologische Approach ist zu einem Glaubensgrundsatz verkommen und alles, was das Prädikat Kultur angeheftet bekommt, fällt unter das Betäubungsmittelgesetz. Im heutigen Jargon müsste attestiert werden, dass dieses Land so retro ist, wie man es sich kaum vorzustellen wagt.
Es geht nicht um die – ebenfalls – antiquierte Fortschrittsgläubigkeit, sondern es geht um das Annehmen der Welt, so wie sie ist. Und diese Welt ist schneller und multipolarer geworden und die politischen Herausforderungen können nicht mehr aus der Perspektive einer Nachkriegsordnung nach dem II. Weltkrieg betrachtet werden. Vielleicht ist die größte Fehlentwicklung hierzulande das erneute Verfällen in die Idee eines deutschen Sonderweges gewesen, in dem Sinne, dass hier wieder der Gedanke aufkommen könnte, im Besitz der einzigen Wahrheit zu sein und folglich auch moralisch eine Überlegenheit zu verkörpern. Die Vorstellung, dass am deutschen Wesen die Welt genesen soll, ist der Leitgedanke, der alles beherrscht und der aus jedem ministerialen Statement in Bezug auf internationale Zusammenhänge zu vernehmen ist. Daraus ist eine Bräsigkeit entstanden, die den Stillstand langfristig sichert.

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