Archiv für den Monat April 2019

Mediale Berichterstattung: Eine Revue von Katastrophen

In Madeira stürzt ein Bus die Böschung herunter, in Indonesien erdrücken Schlammlawinen ganze Dörfer, in Peru bebt die Erde, in Bangladesh brennen die Sweat Shops, in Peking herrscht der Smog, in Neuschottland verenden die Wale und in Brandenburg brennen die Schweine. Die Nachrichten, mit denen wir täglich konfrontiert werden, sind eine Revue von Katastrophen. Nicht, dass jedes einzelne Ereignis nicht schrecklich wäre und keine lokale Relevanz hätte, doch welche Bedeutung hat es für uns? Warum, so stellt sich die Frage, werden wir mit Katastrophenmeldungen aus aller Welt, die keinen Einfluss auf unser hiesiges Leben haben, systematisch überschüttet? Entspricht es unserem Naturell, dass wir schlicht scharf sind auf Katastrophen, weil sie unsere wie auch immer pervertierte Libido zum Schwingen bringen, oder steckt etwas anderes dahinter? Oder wäre diese Vermutung bereits wieder eine verschwörungstheoretische Entgleisung?

Aber, bevor es emotional a priori abgleitet, sei die Frage gestellt, warum ein Mensch unserer Zivilisation an Nachrichten interessiert ist! Es bedarf dabei einer Gegenüberstellung. Idealtypisch müsste das Interesse darin liegen, sowohl über die wichtigen politischen Ereignisse informiert zu  sein, Informationen über das Wirtschaftsleben zu erhalten, sich ins Bild über kulturelle und sportliche Entwicklungen setzen zu können und natürlich eine Wetterprognose zu erhalten. Von der Gliederung her geschieht das auch so in den meisten Fällen. Von den Inhalten eher nicht. Da werden aus Informationen zumeist Empfehlungen und Betrachtungsweisen, deren Konsum empfohlen wird. Es geht nicht um Information, sondern um Manipulation. 

Auf der anderen Seite existiert etwas in der zu informierenden oder medial zu bearbeitenden Masse, das als die Lust auf Sensation bezeichnet werden kann. Es zu leugnen, wäre Unsinn, denn jede Sensation erregt, zum einen Aufmerksamkeit, zum anderen einen ganzes Gemisch von Emotionen, die vielleicht in der technokratisch durchorganisierten Welt im Alltag nicht mehr gelebt werden können. Zudem hat derjenige, der das mittelbare Entsetzen leben kann, den Vorteil, nicht die unmittelbaren Konsequenzen tragen zu müssen. So ein Brand in einer Textilfabrik in Bangladesh erzeugt einen Schauder, der vom Kopf her rührt, und nicht vom tatsächlich gerochenen verbrannten Menschenfleisch. Seien wir ehrlich: Der Abgrund schaut auch in uns!

Die Professionalisierung der medialen Katastrophenübermittlung ist die Antwort auf eine Verarmung des Alltags in der technokratischen Zivilisation. Sie nutzt das Bedürfnis, die vermittelte Katastrophe zu erfahren, um etwas Spannung und Abwechslung in das monotone und kulturell unterernährte Leben zu bekommen. Das das alles zu einer nicht messbaren Abhängigkeit führt, halte ich für übertrieben, dass es davon abhält, sich mit Überlegungen zu beschäftigen, die etwas verändern können, davon bin ich jedoch überzeugt. 

Der Zusammenhang von Erkenntnis und Interesse sollte den Schlüssel liefern: Wir bleiben dann passiv, wenn das Neue, das wir erfahren, nichts mit unserer täglichen Lebenspraxis zu tun hat. Anders herum, wenn es uns direkt betrifft, denken wir darüber nach und motivieren uns zum Handeln. Und so löst sich der Katastrophenjournalismus auf: Er berichtet über nichts, was wir beeinflussen können. Außer einer kurzen Gefühlswallung bewirkt er nichts. Und das ist das Ziel. Wenn dann noch das Verhältnis von Nachrichten, die uns wirklich betreffen und Katastrophen, die weit weg sind und andere betreffen, betrachtet wird, dann wird schon deutlich, dass von den ureigenen Lebensverhältnissen abgelenkt wird. 

Eine traurige Geschichte, mit Witz erzählt

Pride. Matthew Warchus

Kürzlich war da wieder so ein Hinweis, sich mit der Vergangenheit zu beschäftigen. Mir wurde der Film „Pride“ empfohlen, es sei eine typische britische Low Budget-Produktion mit skurrilen Figuren und viel Witz. An einem dieser Abende, wo die die Flügel etwas hängen, sah ich ihn mir an. Schon nach wenigen Sequenzen war klar, dass die Beschreibung sehr oberflächlich war, denn es handelte sich um eine sehr ernsthafte Geschichte. Während des Bergarbeiterstreiks macht sich eine Gruppe Londoner Lesben und Schwule auf, um die Kumpels einer walisischen Zeche bei ihrem Kampf gegen die Massenschließungen im Bergbau zu unterstützen. Ihr Motiv ist einfach und zutreffend: Was wir, so die Aktivisten, bis heute an Diskriminierung erlebt haben, erleben die Kumpels nun. Deshalb sind wir solidarisch.

Ein Großteil der Handlung setzt sich mit der Wirkung der gesellschaftlichen Diskriminierung per se auseinander. Innerhalb des walisischen Ortes, in der die Zeche steht, herrscht ein kruder Konservatismus, der schlimmer ist als im relativ offenen London. Es entflammt ein wilder Kampf darüber, ob die Bergleute die angebotene Solidarität und die gesammelten Gelder überhaupt annehmen sollen. 

Letztendlich entsteht das Bündnis und einer der Protagonisten auf der Bergarbeiterseite versichert bei einer Grußadresse während eines Charity-Events in einem Londoner Club, dass, sollte sich die Notwendigkeit ergeben, die Kumpels auf die Seite der Lesben und Schwulen stehen. Der weitere Verlauf der Geschichte ist bekannt: Trotz großer Gesten der Solidarität gehen die Bergarbeiter irgendwann in die Knie und beenden ihren langen Streik und der Feldzug des Thatcherismus gegen die organisierte Arbeiterbewegung in Großbritannien schreitet voran. Allerdings resultiert aus dem im Film geschilderten Bündnis das politische Ende der gesetzlichen Verfolgung von Homosexualität. Letztendlich auf Initiative der Bergarbeitergewerkschaft ringt sich Labour nach mehrmaligen gescheiterten Versuchen dazu durch, im Parlament für die Aufhebung der Kriminalisierung zu votieren, was die Gesetze zu Fall bringt.

Neben dem geschilderten Sachverhalt reiht sich, und insofern war der Hinweis doch zutreffend, der Film ein in eine ganze Gruppe von Low Budget-Produktionen, die den wohl grausamsten Nachkriegsklassenkampf in Europa zum Thema haben. Pionier unter diesen Filmen, die mit wenig Geld die Geschichte dieses aussichtslosen Kampfes genauso schildern wie den Lebenswillen, den Humor und die Chuzpe derer, deren Welt heute nicht mehr existiert. Brassed Off, der Film, der die Geschichte einer Bergmannskapelle zum Thema hatte, kann als Pionier in dieser Abteilung des modernen Geschichtsunterrichts gelten.

Pride ist zu empfehlen, weil der Film noch einmal die Geburtsstunde des Neoliberalismus im Europa der achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts zeigt: Das rigorose Vorgehen der britischen Premierministerin Margaret Thatcher gegen eine der am besten organisierten Arbeiterklassen Europas, was letztendlich zu deren Niederschlagung beitrug. Unter der Aufkündigung des gesellschaftlichen Konsenses leidet die britische Gesellschaft bis heute, und spürbarer denn je. Es sollten in Europa noch viele Figuren folgen, die nach der Partitur Thatcher spielten und die dazu beitrugen, das europäische Sozialgefüge in einen Trümmerhaufen zu verwandeln. 

Wer sich den Film ansieht, erlebt die Geburtsstunde des Wirtschaftsliberalismus in England und Europa noch einmal hautnah. Es ist eine traurige Geschichte, mit Witz erzählt.