Dem Phänomen gefolgt

Rocko Schamoni. Grosse Freiheit

Beginn mit einer Vorbemerkung: Ich habe das Buch in die Hand genommen und erst wieder weggelegt, als ich es fertig gelesen hatte. Das ist mir seit langem nicht mehr passiert, weder bei Romanen mit Anspruch noch bei skurriler Kriminalliteratur, sondern wenn, dann eher bei einem gut strukturierten und vom Thema her brisanten politischen Sachbuch. Ich erfuhr von Rocko Schamonis neuem Roman Grosse Freiheit durch ein Radiointerview, das mit ihm darüber geführt wurde. Mir war sehr schnell klar, dass ich es lesen würde, weil dort über eine Zeit berichtet werden würde, so mein Kalkül, die unter der Überschrift Revolte und Aufbruch stand. Und dann noch auf Sankt Pauli, dort, wo eine Parallelwelt existierte und zudem der englische und amerikanische Rock ´n Roll nach Deutschland kam. 

Nachdem ich das Buch gelesen hatte, machte ich etwas, was ich sonst strikt vermeide: Ich sah mir die Rezensionen dazu an und las sehr viel Vernichtendes und Ablehnendes. Und dann hörte ich noch, wieder im Radio, eine Diskussion von so genannten Literaturexperten, die nicht viel Gutes an dem Buch Schamonis ließen. Sie monierten vor allem die mangelnde literarische Qualität, die vor allem darin bestehe, dass die Figuren sich selbst nicht reflektierten, dass keine Perspektivenwechsel darin stattfänden und keine kompositorischen Zeitschnitte zu verbuchen seien. 

Also entschied ich mich, mich selbst zu befragen, warum ich Grosse Freiheit so engagiert in kurzer Zeit gelesen hatte? Es handelt sich um ein Teil des Lebens eines aus der sächsischen Provinz entflohenen jungen Mannes, den es über die Schaustellerei Anfang der Sechziger Jahre nach Hamburg, genauer gesagt nach Sankt Pauli, verschlagen hat. Er ist klug, beobachtet alles sehr genau und steigt im Rotlicht Milieu sehr schnell auf. Das ist es! Aus!  Doch was ist es, dass das Buch, das ich aufgrund der dargebotenen Erzählweise einfach nicht als Roman bezeichnen würde, so interessant macht?

Nach einem kurzen informatorischen Auftakt, der die Geschichte Sankt Paulis und den Namen Grosse Freiheit für die Leserschaft erklärt, entsteht entlang der Geschichte des späteren Kiez Königs Wolli Köhler ein Panoptikum der damaligen Zeit. Es geht um alles, was das Rotlicht Milieu bis heute ausmacht, um Prostitution, um Pornographie, um Drogen, um Gewalt. Es geht um irre Gestalten, die ihr exzentrisches Leben in diesem Milieu ausleben konnten, obwohl sie auf der anderen Seite des Spiegels noch eine kleinbürgerlich miefige Existenz führten. Es geht auch um einen Ehrenkodex im Milieu und seine exotische Sprache, die sich aus der besonderen Geschichte Sankt Paulis erklärt, denn sie basiert auf der Sprache des fahrenden Volkes, des vor allem im westfälischen Münster beheimateten Masematte, welches Begriffe wie Tillen, Lobi, Achiele toff oder Bezeichnungen für Geld wie Zwilling, Heiermann, Pfund, Töfete oder Hügel hervorbringt. 

Das Buch berichtet über den Kampf der Behörden gegen die Unzucht und das Aufbegehren der Jugend gegen Pietismus und Stumpfsinn, es berichtet über den Aufstieg der Beatles in diesem Milieu und es erzählt die weltpolitischen Ereignisse jener Zeit, von Kennedys Präsidentschaft und der Spiegelaffäre. Und es beschreibt eine Zeit, in der versucht wurde, Grosse Freiheit neu zu buchstabieren.

Ich glaube, das war es, was mich für das Buch eingenommen hat. Die Selbstreflexion der Protagonisten hätte mich da eher gestört. Ich hab mir einfach die Freiheit genommen, unvoreingenommen einem Phänomen zu folgen. 

Ein Gedanke zu „Dem Phänomen gefolgt

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