Der Kabarettist Georg Schramm in seiner Rolle als Militärkopp war es, der in einem Sketch über die vermeintliche Verweichlichung unserer Tage das Bonmot ins Publikum rief, mit den junge Leuten heute sei nicht mehr viel los, sie vertrügen nicht einmal mehr Tabletten. Es handelte sich um eine Anspielung auf den mysteriösen Tod des CDU-Politikers Uwe Barschel, der leblos in einer Badewanne eines Schweitzer Nobelhotels gelegen hatte und dessen Todesursache die Mischung von Barbituraten und Alkohol gewesen schien. Natürlich hatte Schramm die Lacher auf seiner Seite. Aber wie es so ist, gutes Kabarett übertreibt skurril, um auf beobachtbare Zustände hinzuweisen.
Die Bilder der heute so gerne diskriminierten alten weißen Männer liegen noch ein bisschen in der Luft. Herbert Wehner sprach von Politikern, die gerne lau baden, Fußballer, die gerade ihr gegenüber mit den Stollen aufgeschlitzt haben, sprechen davon, es handele sich eben nicht um einen Mädchensport und Gastronomen berichten darüber, wie sich Männer echauffieren, wenn sie Unisex-Toiletten aufsuchen sollen. Und selbst der homosexuelle und gar nicht alte Außenminister Westerwelle zeterte zu Lebzeiten über spätrömische Dekadenz.
Aber das sind Randerscheinungen, die Öffentlichkeit wird beherrscht von allen Schattierungen der Diversität, von Appellen an die Toleranz und von der Proklamierung humanistischer Werte. Gegen all dieses ist nichts einzuwenden, es ist der Ausdruck eines Zivilisationsgrades, der allerdings zunehmend unter Zugzwang gerät. Die Frage, die sich sowohl den Hardlinern verglommener Ideale wie den Befürwortern eins neuen Humanismus stellt, ist die, was denn nun tatsächlich gilt?
Klappt man die Displays nach unten, schaltet sein Smartphone aus und geht vom virtuellen ins reale Leben, so lässt sich feststellen, dass alle beschriebene Phänomene anzutreffen sind. Ich rate dazu, sich in die letzten Bastionen der Dart werfenden, rauchenden Machos zu begeben und den Dialogen in den noch vorhandenen Eckkneipen zu lauschen. Ich rate dazu, sich in eine Bahnlinie in die Banlieues der Republik zu setzen und sich die Befindlichkeit derer genau vor Augen zu führen, die gesellschaftlich eigentlich gar nicht mehr stattfinden. Ich rate dazu, in den gediegeneren Stadtteilen in eine Metzgerei zu gehen, in so eine, in der mit Kreditkarte bezahlt wird und die Kundinnen im Pelzmantel über Handy das Aussehen des Tatars beschreiben. Und ich rate dazu, sich in eines der kuscheligen Szene Cafés zu setzen, in denen auf den Tischen das Apple-Logo neben einem Kuchen nach Omas Rezept aufleuchtet und sich anzuhören, wie die Star-ups laufen. Und vielleicht ist es auch noch klug, sich auf dem Wochenmarkt die mögliche und nicht mehr mögliche Mischung der sozialen Klassen genau anzuschauen.
Die Quintessenz eines Exkurses ins so genannte richtige Leben wird sein, dass alles, was auf einer sprachlichen und politischen Meta-Ebene im Netz diskutiert wird, in realiter wirklich vorhanden ist und dass es zwecklos ist, den Diskurs ohne den Sauerstoff der Realität weiter zu führen. Es kommt darauf an, sich mit dem vor Ort auseinanderzusetzen, was existiert. Alles andere ist die Ermutigung zu Übertreibung und Mutlosigkeit. Denn wer die tatsächliche, physische Resonanz auf seine eigenen Äußerungen nicht wahrnehmen muss, mutiert nur virtuell zum Helden. Egal, welcher Prototypus auch angestrebt wird. Das gilt so für den richtigen Mann wie für die zivilisierte Frau. Und glauben Sie mir, diesen lupenreinen Gegensatz werden Sie – glücklicherweise – auf ihrer Exkursion nicht finden!

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