Archiv für den Monat Februar 2019

Schokolade aus dem Panzerturm

Sie jubeln einmal wieder. Diejenigen, die wissen, wie man Kriege in der Öffentlichkeit populär macht. Die geübt sind im Umdrehen von Ursache und Wirkung, die schnell sind im Anheften von Attributen, so dass immer möglich ist, sehr schnell zu sehen, wer die Guten und wer die Bösen sind. Am Wochenende gab es Tote an Venezuelas Grenzen zu Kolumbien wie Brasilien. Beides hat zu tun mit dem Versuch, das Land medienwirksam so zu diskreditieren, dass eine militärische Intervention seitens der USA als ein humanitärer Akt erschiene. In diesem Zusammenhang zeigt sich, wo die hiesigen öffentlich-rechtlichen Medien stehen: Da, wohin es die Bundesregierung auch schon geschafft hat, nämlich auf die Gegenseite von Völkerrecht und das damit verbundene Selbstbestimmungsrecht der Völker. 

Um noch einmal Klarzustellen: Venezuela befindet sich trotz der Ölreichtümer in einem schlimmen Zustand. Wie das Land aus einer korrupten Verwaltung, einer veralteten Infrastruktur und einer desolaten Mentalität herauskommen will, muss es selbst entscheiden. Es ist gut und wichtig zu wissen, dass die Lage zu den Zeiten, als die Ölfirmen aus den USA schalten und walten konnten, wie sie wollten, nicht anders war. Eigentlich ging es Venezuela immer schlecht, bis auf ungefähr ein Jahrzehnt unter Präsident Hugo Chavez, der die Ölkonzerne nationalisiert hatte und Gesundheit wie Bildung kostenlos zur Verfügung gestellt hat. Und bei aller Geschichtsklitterung, die derzeit vollmundig betrieben wird, jeder neue Präsident, der in Venezuela kommen wird, muss sich seitens des Volkes den Vergleich mit Hugo Chavez gefallen lassen. Und die in den USA gecastete Marionette Guaido ist schon durchgefallen, bevor es losgegangen ist.

Und da wären wir wieder bei unseren Qualitätsmedien: Wäre irgend jemand an einer halbwegs realistischen Berichterstattung über die Zustände in Venezuela und den Ansinnen der US-Administration interessiert, so müsste nur ein wenig in den amerikanischen Medien gestöbert werden. Denn dort tobt ein sehr heißer Kampf zwischen den Befürwortern einer Intervention und denen, die den ganzen Coup bereits aufgedeckt haben. Da wird deutlich dokumentiert, wie der „Hoffnungsträger“ – allein bei dem Wort sollte, spätestens seit Macron, das gesamte Warnsystem aufscheinen – Guaido in den USA tatsächlich zu einem solchen in seiner Heimat aufgebaut wurde. Es handelt sich um eine von langer Hand geplante Intervention.

Dass sich bei einem solchen Plan die Bundesregierung mit ihrem Duo von der Leyen/Maas ihrerseits in der Wiederholung der Interventionsmarketingstrategie hervortut, sollte mittlerweile kein Wunder sein. Mit Völkerrecht haben sie es nicht so, mit Säbelrasseln am Rockschoss des Imperiums allerdings sehr. Dass die Sozialdemokratie ihrerseits den alten Kurs einer marktimmanenten Solidarität mit den sozial Benachteiligten wiederentdeckt, spricht für die Verzweiflung, aber dass sie dabei vergisst, dass mit Imperialismus und Krieg diese Schichten auch bei aller propagandistischer Unterstützung nicht zurück zu gewinnen sind, muss ihnen noch jemand erklären. Von selbst kommen so manche, die komplett in der Epoche des Wirtschaftsliberalismus sozialisiert wurden, nicht mehr auf so etwas.

Und während sich hier die öffentlich-rechtlichen Meinungsschmieden beraten lassen, mit welchen sprachlichen Tricks sie die richtige Parteilichkeit erzeugen, bereiten sich amerikanische Soldaten auf den Einmarsch in Caracas vor. Wahrscheinlich werfen sie dann aus ihren Panzertürmen Milchpulver und Schokolade auf die am Straßenrand weinenden Mütter. Das Imperium schämt sich für keine Kolportage. Und der lärmende Tross weiß nicht mehr, was Scham ist.

Vom Prothesengott zum Prothesenspott?

Unter Anthropologen ist es mittlerweile unstrittig, dass der Homo Sapiens des Neolithikums in seinen Fähigkeiten und Fertigkeiten dem Menschen der Moderne weit überlegen war. Die Notwendigkeit, ohne nennenswerte Instrumente in einer nicht kultivierten Umwelt überleben zu müssen, war eine große Herausforderung. Das, was unter dem Begriff des Sammlers und Jägers in die Epochenbezeichnung aufgenommen wurde, kennzeichnete das Wissen um das, was essbar und wo es zu finden war, und was wie erlegt werden musste. Dazu kam eine Menge gelerntes körperliches Geschick, Ausdauer und die Fähigkeit, sich ohne Hilfsmittel im eigenen Revier zu orientieren. Dazu dienten die Sterne wie die lokale Topographie und Gerüche. Fachleute könnten das alles noch spezifizieren, doch eines sollte bereits deutlich geworden sein: verglichen mit den Fähigkeiten und Fertigkeiten dieser antiken Ausgabe des Menschen sind wir bemitleidenswert schlecht ausgestattet. 

Wenn es einzelne Ausgaben der Gattung gibt, die den beschrieben Vorfahren überlegen sind, dann hat das etwas mit der Fähigkeit der Spezialisierung zu tun. Bestimmte, intensiv antrainierte Fähigkeiten wie zum Beispiel im Sport, die zu absoluten Höchstleistungen verhelfen, widerlegen die These nicht, dass die allgemeine Befähigung abgenommen hat, mit Ausnahme des Geistes. Und das scheint der magische Zusammenhang der Entwicklungsgeschichte zu sein. Je mehr der Denkapparat an Befähigung dazugetan, desto geringer wurde die physische und auch die spirituelle Befähigung. Je größer die Sozialisationsanteile durch die Übermittlung kollektiven Wissens, desto geringer der Anteil unmittelbarer Erfahrung.

Die Ursache scheint in dem Umstand zu liegen, dass die erdachten Werkzeuge und Instrumente der direkten menschlichen Ausführung weit überlegen sind, ihre Benutzung jedoch dazu führt, dass die ureigenen menschlichen Fertigkeiten nicht mehr benötigt werden und absterben. Man denke nur an Formulierungen, die als bloße Metapher in unserem Wortschatz verblieben sind, die jedoch als einstige reale Möglichkeiten des Menschen existierten. Oder riecht heute tatsächlich noch irgendwer Gefahr?

Je komplexer in ihrer Funktionsweise und je leistungsstärker die Werkzeuge und Instrumente wurden, desto mächtiger fühlte sich der Mensch, die Formulierung Sigmund Freuds, der in diesem Zusammenhang von einem Prothesengott sprach, bringt es auf den Punkt. Es handelt sich um die Arroganz des Geistes gegenüber dem eignen Körper. Wohin diese Entwicklung geführt hat, lässt sich beobachten. Neben der sich vermehrenden Unfähigkeit von Kindern, die von Pädagogen wie Medizinern als dramatisch bezeichnet wird im Hinblick auf Mobilität, Ausdauer, Geschick und Orientierung machen sich als dessen Ausdruck so genannte Zivilisationskrankheiten breit, die, sollte kein Umdenken stattfinden, in der Lage sind, die Dimension von Epidemien anzunehmen. Es führt übrigens dazu, dass ganz findige Finanzspekulatoren heute in Insulin produzierende Unternehmen investieren. 

Auf der anderen Seite beschert das digitale Zeitalter, in dem der Schlüssel zu jeder Lebenslage in Algorithmen zu liegen scheint, die Befähigung vom Sofa, das versaut ist mit süßen Teilchen und Erdnüssen, ganze Fabriken am Laufen zu halten oder, noch schlimmer, ganze Armeen in Bewegung zu setzen. Der Preis ist nicht nur die Entwicklung eines Großteils der Menschen vom Subjekt zum Objekt, sondern auch seine weitere physische und spirituelle Verkümmerung. Böse formuliert, befinden wir uns mittlerweile auf der Leiste vom Prothesengott zum Prothesenspott. 

Alle Versuche, auf diesen kritischen Konnex hinzuweisen, werden abgetan oder regelrecht verfolgt. Wie immer, bei jeder technologischen Entwicklungsstufe, geht es um die Verfügungsgewalt und den Nutzen. Diese Technologie in den falschen Händen, und der Weg vom Homo Sapiens zur Amöbe ist nicht mehr weit.