Archiv für den Monat Februar 2019

Wer seinen Laden nicht im Griff hat

Wer seinen Laden nicht im Griff hat, schreit gerne laut und weist auf die Gefahren hin, die existieren, wenn man ihm nicht hülfe. Das kann man so machen, zeugt allerdings von der Begrenztheit der eigenen Mittel. Selbstverständlich kann die Klage berechtigt sein, denn nicht selten wird ein großes Problem versucht, mit einem kleinen Feigenblatt zu bedecken. Aber es kann sich auch um eine tatsächliche Inkompetenz handeln. Dann wird laut lamentiert, was alles noch passieren wird, wenn nicht noch mehr Geld, noch mehr Personal oder noch mehr Instrumente und Werkzeuge gebilligt werden. Und wenn darauf eingegangen wird, herrscht eine Zeitlang Ruhe, bis das Spiel wieder von vorne losgeht.

Manche haben ihr ganzes langes Berufsleben Erfolg mit dieser Taktik. Muster, die sich einmal eingespielt haben, werden von allen Beteiligten nur sehr zögerlich wieder aufgekündigt. Die hier beschriebenen Delinquenten sind, außerhalb der von ihnen immer wieder veranstalteten Katastrophenszenarien, geschätzte und loyale Mitglieder des Systems. Sie kritisieren nie den Kurs des Unternehmens, sie unterstützen die Geschäftsleitung, wo sie es nur können und sie gelten als Säule in der Existenz der Organisation.

Was die Szenarien, die sie gleich den Unheilsrufen der Kassandra immer wieder an die Wand malen, letztendlich für die Organisation bewirken, wird innerhalb der Organisation in der Regel sehr unterschiedlich beurteilt. Da ist der Vorstand, der die demonstrierte Loyalität im Fokus hat und der die Unterstützung, die ihm unablässig verbal zugesichert wird, in hohem Maße honoriert. Das Honorar besteht in erster Linie in einer nahezu ungehemmten Geberlaune bei der nächsten Forderung nach Sonderrationen und Sonderregelungen.

Andererseits sind da die Kollegen, die sehr genau sehen, was passiert. Sie betrachten die wiederkehrenden Hilferufe, die immer mit dem Signet der Besonderheit ausgesendet werden, als ein ganz normales Symptom der Überforderung. Schnell wächst die Kritik über die Unfähigkeit und die eigenen Leistungsmotive werden beschädigt. Und es wächst die Empörung über die soziale Sonderbehandlung des Schlechtleisters.

Die Existenz von chronisch Überforderten in einer Organisation und deren Sonderbehandlung sind normalerweise die Begleiterscheinung eines sukzessiven, aber stetigen Niedergangs. Letztes Beispiel, um im unverfänglichen Bereich zu bleiben, war der Auftritt der deutschen Fußballnationalmannschaft bei der WM 2018 in Russland. Da wurden alle Risse offensichtlich, die das Aussetzen des Leistungsprinzips letztendlich herbeiführen kann. Denn zum Schluss funktionierte gar nichts mehr: Die Motivation, die Leistung, das Ergebnis, der Zusammenhalt und das Bild nach außen, alles lag am Boden, und alles hatte begonnen mit Lieblingen der Geschäftsleitung, die die Leistung nicht brachten und wie selbstverständlich eine Sonderbehandlung erwarteten.

In Leistungsorganisationen ist die Leistung selbst das Unterpfand für einen Faktor wie Gerechtigkeit. Bei der Art und Weise, wie wir im tiefen Westen sozialisiert worden sind, ist das Gefühl für Gerechtigkeit seinerseits so ausgeprägt, dass es seinerseits zur Grundbedingung für das Motiv geworden ist, Leistung überhaupt zu erbringen.

Das ist nicht immer einfach einzusehen, denn diese Erkenntnis lebt nur vom Rückschluss aus negativer Erfahrung. Nur wenn es schief geht, sehen es auch die ein, die den Fehler selbst begehen. Es ist zu hoffen, dass sie daraus lernen. Und wenn nicht, dann gehen sie mit ihren Lieblingen unter. Wenigstens letzteres hat dann Literaturformat.

Mit dem Duo von der Leyen und Maas hat die Bundesregierung zwei Repräsentanten einer neuen imperialen Chuzpe auf die Weltöffentlichkeit losgelassen. Der Beitrag Das fatale Duo erschien zuerst auf Neue Debatte.

über Das fatale Duo — Neue Debatte

Das fatale Duo

Geschichte ist die Dimension, in der das Kollektiv Menschheit über die eigene Existenz, ihre Entwicklung, die Grundmuster seiner Bewegung etc. räsonieren kann. Geschichte wirkt einerseits über die mündliche Erzähltradition in der eigenen Familie und in der eigenen weiteren sozialen Umgebung, und sie wirkt andererseits über die Geschichtsschreibung, deren Nutzung jedoch bekannt und gekonnt sein muss. Jeder hat die Erzählungen aus dem eigenen Haus, viele jedoch haben keinen Zugang zur Geschichtsschreibung. Bei der oralen Tradition reicht es zumeist bis zu den Großeltern, weiter geht es nicht. Zusammengefasst bedeutet dies, dass ein Großteil der Bevölkerung keine oder kaum noch eine Vorstellung hat entwickeln können über die unmittelbare Erfahrung des Krieges.

In der deutschen Parteienlandschaft war das Szenario eines Krieges für sehr lange Zeit eine Horrorvorstellung, die durch einen Konsens in der Friedenspolitik manifest wurde. Zwar gab es unterschiedliche Vorstellungen darüber, ob sich diese Friedenspolitik auf Diplomatie beschränken sollte oder ob die kalkulierte Bedrohung als Mittel eingesetzt werden könne, aber der Tenor blieb.

Dieser Konsens ist nicht mehr vorhanden. Das Fatale an der Situation in der Bundesrepublik ist nicht nur die Auflösung dieses Konsenses, sondern auch die simultane Vernichtung der Friedensbewegung. Mit der aktiven Rolle von Sozialdemokraten und Grünen bei den völkerrechtswidrigen Balkankriegen stürzte die hiesige Friedensbewegung in eine massive Krise, von der sie sich bis heute nicht mehr erholt hat. Eskortiert von einer Politik des Wirtschaftsliberalismus, bei der die Kampfkraft der Gewerkschaften aufgeweicht wurde, entstand eine relative Schwäche bei beiden Instrumenten gegen Ausbeutung und Krieg. Gewerkschaften und Friedensbewegung lagen am Boden, die Verarmung des unteren Teils der Bevölkerung, eine Plünderung des Mittelstandes und Kriegsprosa wurden Mode.

Die jetzige, allerdings auch die letzte große Koalition in dieser Konstellation hat in den letzten Monaten ihrer Amtszeit aus einer verhaltenen Änderung des Auftretens eine Offensive gemacht, die es in sich hat. Mit dem Duo von der Leyen und Maas hat die Bundesregierung zwei Repräsentanten einer neuen imperialen Chuzpe auf die Weltöffentlichkeit losgelassen. Während von der Leyen in diesen Tagen in der New York Times die Kausalität von NATO-Expansion nach Osten und die steigende Militarisierung der russischen Politik auf den Kopf stellte und sich als exquisite Spezialistin von Verschwörungstheorien empfahl, artikulierte Maas wie ein junger, ungeübter Papagei Tiraden gegen Personen in Venezuela und empfahl die Wahl eines selbst ernannten Präsidenten. Ein Außenminister, der sich nicht als Figur im Spiel von Staaten, sondern von Personen sieht, bewegt sich im Bandenmilieu und nicht auf dem Parkett internationaler Diplomatie.

Wahrscheinlich ist das, was dieses Duo an Verhalten an den Tag legt, die Interpretation dessen, was seit langem als die Wahrnehmung deutscher Verantwortung durch die Skripte wabert. Diese Fehlinterpretation korrespondiert mit einer gewaltigen Fehleinschätzung. Wer so redet, braucht auch die Arsenale, um die Tonne in Brand setzen zu können. Das ist mit der Bundeswehr jedoch nicht zu machen. Was dann noch bleibt, ist große Peinlichkeit, weil die Schreihälse zum Schluss, wenn es darauf ankommt, am Rockzipfel der Militärstrategen der USA hängen.

Die bevorstehenden Europawahlen werden dazu führen, dass diese Regierung wird zurücktreten müssen. Das scheinen alle begriffen zu haben, nur nicht die Beteiligten.