Archiv für den Monat Januar 2019

Krieg beginnt mit Worten

Die Ereignisse beschleunigen sich. In Madrid liegt der Verkehr lahm, weil die Taxifahrer den innerstädtischen Verkehr mit ihren Fahrzeugen blockieren, um gegen neue, alternative Anbieter zu protestieren, die ihre Existenz bedrohen. In Paris demonstrierten gestern so genannte Rote Schals, die gegen die Gewalt aufbegehren, die angeblich von den Gelbwesten ausgeht. In Caracas finden Massendemonstrationen statt, die einerseits die durch Wahlen ermittelte Regierung Maduro unterstützen und andererseits für den selbst ernannten Präsidenten Guaido. Paris hat auf eine Anfrage aus Deutschland, Städte für einen intensiven interkommunalen Austausch zu benennen, mit der verstörenden Haltung reagiert, man könne nur Städte nennen, deren Administration den amtierenden Präsidenten unterstützen, und nicht jene, die in Opposition zu ihm stünden. 

Der deutsche Außenminister hat sich an die Spitze einer europäischen Initiative gestellt, die in Venezuela sofortige Neuwahlen fordert, ansonsten würde man den selbst ernannten Präsidenten anerkennen. Vielleicht, so könnte gefragt werden, wäre diese Haltung im europäischen Haus angebrachter. Man stelle sich das vor, Macron bekäme das Ultimatum aufgetischt, sofortige Neuwahlen durchzuführen, weil das Volk nicht mehr hinter ihm stünde. Stattdessen erklärte Regierungssprecher Seibert auf einer Bundespressekonferenz, angesprochen auf das Schweigen der Kanzlerin hinsichtlich der brutalen Polizeieinsätze in Frankreich gegen die Bevölkerung, unter befreundeten Ländern mische man sich in so etwas nicht ein.

Einerseits ist ersichtlich, dass die durch die Digitalisierung erzeugten Umbrüche, wie das Beispiel Madrid zeigt, nicht vor den politischen Befindlichkeiten Halt machen. Andererseits wird deutlich, dass Frankreichs Präsident Macron dem Volk den Krieg erklärt hat und, mit einer Truppe wie den Roten Schals, mit allen Mitteln versucht, die Bevölkerung zu spalten. Und gespalten ist Venezuela bereits. Dort steht einerseits eine Regierung, die auch nach internationalen Beobachterkriterien rechtmäßig gewählt wurde, die jedoch mehr der Korruption als der notwendigen Erneuerung zugeneigt zu sein scheint, einer neuen Kraft gegenüber, die nicht die Verhältnisse verbessern, sondern die Macht der USA in dieser Region sichern will. Bekanntlich haben China wie Russland versucht, dem Land bei der Ölförderung technologisch unter die Arme zu greifen und erwarten dafür Zugeständnisse hinsichtlich militärischer Operationsbasen, was wiederum die USA gar nicht mögen, so direkt vor der Haustür. Letzteres halten sie allerdings im Falle Europas und Russlands für völlig normal. 

Was, jenseits der jeweiligen Interessen, deutlich wird, ist, dass es anscheinend keinen Konsensus gibt, wie ein Rahmen auszusehen hat, in dem ein zivilisatorisch vertretbarer Umgang auch bei einer unterschiedlichen Interessenlage auszusehen hat. Wir erleben den Showdown einer nahezu dreißigjährigen Periode des Wirtschaftsliberalismus, der neben einer handfesten und gravierenden Weltwirtschaftskrise bei gleichzeitiger Entwicklung technologisch revolutionierter Produktivkräfte die alten Machtkonstellationen aufgelöst hat und in der sich neue formen. Der Umgangston dabei ist rustikal, und die Form, die in solchen Fällen gewählt wird, ist der Krieg.

Krieg beginnt mit Worten, er setzt sich fort über Sanktionen und den Handel, er wird weitergetrieben über Putschversuche und endet in heißen Bombardements oder – das wird ein Novum sein – über tödliche Schläge gegen die Stromversorgung. Letzteres muss nicht durch Bomben, sondern kann auch durch Softwarestrategien geschehen. Bei genauer Betrachtung befinden wir uns mitten in diesem Krieg. Das Heikle wie das Vorteilhafte dabei ist, dass die Geschichten, die uns Sorgen machen, nicht weit weg sind, sondern sie befinden sich im alltäglichen Leben. In Frankreich, in Deutschland, in Polen, in Österreich oder in Ungarn. 

Revolution im Kopf

Überall ist von Erosion die Rede. Alle wissen alles und keiner weiß Bescheid. Und viele trauern alten Zeiten nach. Da gab es zwei Fernsehprogramme, alle schauten das Gleiche und kannten sich aus. Mit der Fülle und Diversität war die thematische Sicherheit dahin. Und die Enge auch. Denn was in der gar nicht allzu fernen Vergangenheit an Möglichkeiten bestand, sich zu informieren oder sich kulturell inspirieren zu lassen war – höflich gesprochen – sehr reduziert. Denn  auch das, was manche heute so gerne glorifizieren, war herzlich wenig und offen ideologisch getränkt. Nur zwei Dinge existierten, die heute kaum noch anzutreffen sind: Es gab Journalisten, die exzellent ihr Handwerk beherrschten und das auch ab und zu öffentlich zeigen durften und es gab eine tatsächliche Opposition in den Medien gegen die amtierende Regierung. Dieser Unterschied ist lebenswichtig. Weder in den öffentlich-rechtlichen Anstalten noch in den großen, exklusiv von fünf Familien beherrschten Printmedien findet beides statt. Aber, wie pflegt ein kluger Freund bei einem solchen Befund anzumerken: Es ist wie es ist!

Die Klage führt nicht in die Zukunft. Sie kann allenfalls der Beginn eines neuen Prozesses sein, der in die Zukunft weist. Die Entwicklung der Aufbereitung, Verbreitung und des Konsums von Information hat neue Dimensionen eröffnet. Bei den Konsumenten ist eine Überforderung zu beobachten, die sich wiederum auf zwei Ebenen erstreckt. Zum einen fällt es den meisten Menschen, die sich im Orkan der globalen Informationsstürme bewegen, schwer, die Fülle, mit der sie konfrontiert sind, zu sortieren. Zum anderen sind sie zunehmend verunsichert, weil die Fälschung von Fakten noch nie so leicht war und folglich noch nie so häufig praktiziert wurde. Unter dem Strich sind es zwei einfache Fragen, die weiter bringen: 1. Was ist wichtig? und 2. Was stimmt?

Wo ist die Stätte, an der dem Prozess der mentalen, spirituellen und gesellschaftlichen Erosion begegnet werden kann? Die Frage kann nicht schnell politisch beantwortet werden und die Initiativen, um sich dem gefährlichen Prozess entgegenzustellen, erfordern einen langen Atem. Ich rede von den bestehenden und noch zu gründenden Bildungsinstitutionen, in denen das gelernt wird, was erforderlich ist. Manche der zu erwerbenden Kompetenzen waren historisch bereits vorhanden und sind in einem langen, aber stetigen Prozess der Entmündigung verloren gegangen, andere müssen neu entwickelt und herausgebildet werden. 

Es geht darum, das jeweilige Interesse des Individuums oder der Gruppe zum Ausgangspunkt der Arbeit zu machen. Wer weiß, was ihn oder sie interessiert, ersäuft nicht in einer Flut von Belanglosigkeiten. Und wer weiß, wie er oder sie überprüfen kann, woher Informationen kommen, wer sie in den Fingern hatte, welche Interessen er verfolgte und wie sie dann verbreitet wurden, beherrscht das Handwerk der Ideologiekritik und kommt sicherer zu einer gefestigten Meinung. Und es geht um das, was vor allem von dem neudeutschen Euro-Imperialismus so beschädigt worden ist. Es geht um Werte. Allerdings um Werte, die nicht vor geraumer Zeit in irgend welchen Dokumenten verewigt wurden, sondern um Werte, die zu einer Gesellschaft passen, die den schmerzhaften und anstrengenden Weg eines Konsenses über eine gemeinsame Zukunft eingeschlagen hat. Es bedarf einer Revolution. Sie findet nicht auf der Straße, sondern in den Köpfen statt. Und es bedarf der Institutionen, in denen das stattfinden kann.