Archiv für den Monat Januar 2019

Über die Tiefe der Seele und das Surfen auf der Oberfläche

Alessandro Baricco, Die Barbaren. Über die Mutation der Kultur

Was ist es eigentlich, das die Globalisierung und die mit ihr verbundenen Prozesse dem Leben, der Zivilisation und der Kultur uns bringen? Oder anders herum, eine hierzulande weitaus öfter gestellte Frage, was ist es eigentlich, das diese Entwicklung uns raubt? Wahrscheinlich handelt es sich um die spannendsten Fragen des Hier und Jetzt, und mit Sicherheit sind es die am schwersten zu beantwortenden, weil, wenn überhaupt, vieles noch nicht oder nicht genug sichtbar ist.

Der italienische Autor Alessandro Baricco hat die Courage besessen, sich diesen entscheidenden Fragen zu stellen. Er konnte dieses tun, weil er sich zum einen zu Walter Benjamin bekannte, der sich nie zu fein war, das Profane zu analysieren und der immer mit dem Auge der Prognostik auf seinen epistemologischen Spaziergängen unterwegs war.  Und er konnte es, weil er sich in die Druckkammer einer Zeitungsserie stellte, bei der jede Woche geliefert werden musste und sowohl Raum und Zeit klar definiert sind.

Das Produkt ist nun ein Buch mit dem wunderbaren Titel „Die Barbaren. Über die Mutation der Kultur“. Mit dem Titel greift Baricco jenes Unbehagen auf, dessen sich viele vor allem in  Zeiten intellektueller Tiefen Sozialisierte bemächtigt hat. Mit einer beängstigenden Spürnase widmet sich Baricco zunächst dem Wein, dann dem Fußball und letztendlich der Literatur und stellt die Frage der Fragen: Was ist es, das allem die Seele raubt? Denn das ist der Vorwurf, der im Raum steht und das ist die Bewegung, die vielen den Angstschweiß in den Nacken treibt.

Die Quintessenz der überaus gelungenen Analyse ist bestechend: das globalisierte Verwertungssystem standardisiert und beschleunigt die Prozesse. Von der Tiefe geht es in die Fläche, von der Mühe zu einem Prozess des Surfens auf der Oberfläche. Es geht nicht mehr um die Mühe, den Inhalt, den Spirit, die Seele von etwas mit einem eigenen Charakter und mit einem autonomen Sinn zu erschließen, sondern es geht darum, wie einzelne Prototypen sequenziell sinnvoll eingeordnet werden können.

Es ist dem Autor hoch anzurechnen, dass er nicht in das Lamento all derer fällt, die den globalisierten Verwertungsprozess für den Sinnverlust verantwortlich machen. Obwohl er der These nicht widerspricht, erhält er sich die Neugier, was der gewaltige, standardisierende und beschleunigende Prozess wohl noch an Positivem hervorbringen könne. Vielleicht, so seine Spekulation, ist es auch eine intendierte Abkehr von einer Kultur, die auch verantwortlich ist für die desaströsen Kriege und Diktaturen des XX. Jahrhunderts. Eine Seele, die das hat hervorbringen kann, sollte nicht für sich reklamieren, ein Wert an sich zu sein. Die Dialektik der Aufklärung lässt grüßen!

Wem das alles zu abstrakt erscheint, der lese das Buch, vor allem die Sequenz über den Hamburger, sprich die Frikadelle, und ihre Bedeutung in der sequenziellen Verwertung der Globalisierung. Dort wird sehr deutlich, was Alessandro Baricco meint. Es ist ein genialer Wurf! Besser auf den Punkt gebracht habe ich die Entwicklungstendenzen der Globalisierung noch nirgendwo gefunden!

Und: ich bin kein Influencer. Ich lasse mir das Recht nicht nehmen, über gute Bücher zu schreiben und meine Meinung dazu kundzutun. Es handelt sich um eine originäre bürgerliche Freiheit. Und keine bürokratische Motte wird mir diese Freiheit rauben!

Billigheimer und Plastiktütenimperialismus

Es ist Brauch, sich zu Anfang des Jahres Dinge vorzunehmen, die anders werden sollen. In einer Zeit und in einem Umfeld, in der und in dem die Konzeption von Plänen regelrechte Allergien auslöst, kann ein so kleiner Brauch regelrecht als Lichtblick gefeiert werden. Wir kennen die Halbwertzeit solcher Vorhaben jedoch alle. Es ist nicht immer so leicht, wie geplant. Aber darin besteht je gerade die Herausforderung. Im Privaten wie im Politischen. Mit den privaten Vorhaben meinerseits möchte ich nun wirklich niemanden langweilen. Was sich aus meiner Sicht politisch ändern müsste, ist sehr vieles. Aber wie im Privaten ist es auch in der Politik: Sich alles auf einmal in kurzer Zeit zu wünschen ist frustrierend. Meistens geschieht dann nämlich gar nichts. Also sollte priorisiert werden. Übrigens eine ganz wichtige Tugend, die in einem Biotop, das zunehmend treffend als Ad-On-Gesellschaft beschrieben wird, vielleicht die letzte Chance, es noch ein bisschen länger zu machen. Aber kommen wir zur Sache. Ich bin bescheiden und wünsche mir als politisch anzustrebende Veränderungen für das neue Jahr 2019 nur zwei Dinge.

Die erste Geschichte dreht sich um die Bezahlung von Arbeit in diesem Land. Zwei Nachrichten haben mir eine krasse Fehlentwicklung noch einmal deutlich vor Augen geführt. Pünktlich zum Jahresende wurden einige Untersuchungen und Bilanzen in den Radionachrichten kommuniziert. Eine davon war die Entwicklung der Bezahlung von Arbeit. Und da lautet die bittere Bilanz tatsächlich, dass mittlerweile nur noch 46 Prozent der Arbeit in Branchen mit Tarifverträgen auch nach den geltenden Tarifen bezahlt wird. Mehr als die Hälfte aller Beschäftigten werden also unter Tarif bezahlt. Das ist eine Entwicklung von 20 Jahren, in denen die mit am best organisierte Arbeitnehmerschaft der Welt über den Tisch gezogen wurde. Eingeleitet von Rot-Grün, fortgesetzt von Schwarz-Rot. Schwarz-Gelb, Schwarz-Rot. Ein Tipp an die SPD: dieser einzige Grund reicht aus für das Absinken in die Marginalität. So einfach kann die Welt sein.

So ist die einstige Republik der Sozialdemokratie zum europäischen Billigheimer degeneriert. In Frankreich, wo ein Mindestlohn von 12 Euro tatsächlich bezahlt wird, stehen die Schlachthöfe leer und werden die Weinlesen kaum eingefahren, weil niemand ein Dumping duldet und so die Arbeit nach Deutschland exportiert wird, wo rechtlose Osteuropäer für drei bis vier Euro das Messer an den Schweinehals legen. Fazit: Richtiger Lohn für geleistete Arbeit, gewerkschaftliche Organisation und Kampfbereitschaft. Vielleicht klappt es dann in den großen Branchen auch wieder mit der Innovation.

Der zweite Wunsch bezieht sich auf den systematischen Öko-Betrug. Auch in diesen Tagen waren zwei Informationen erhältlich. Die eine bezog sich auf die Staaten, die als die schlimmsten Verursacher der Vermüllung der Weltmeere für Plastik gelten. Natürlich waren es meistens asiatische Schwellenländer. Gleichzeitig sah man die Exportsteigerungsraten von Plastikmüll aus der Bundesrepublik in diese Länder. Deutschland – Indonesien, 2017, 6000 Tonnen, 2018, 49000 Tonnen. Nur ein Beispiel. wer noch fragen hat, siehe sich an, wohin die hier entsorgten Dieselfahrzeuge bewegt werden: Sie werden auf dem osteuropäischen Markt verhökert. Die Emissionen bleiben dem Planeten erhalten, die deutsche Öko-Bilanz wird verbessert. Der Plastiktütenimperialismus hat Hochkonjunktur.

Ich wünsche mir das Ende des Billigheimers und das Ende des Plastiktütenimperialismus. Mehr nicht. Mal sehen, was daraus so alles resultieren kann. Und mal sehen, wer sich diesem Wunsch anschließt.