Archiv für den Monat Januar 2019

Experten der Verdunkelung

Die kollektive Geschichte besitzt Kontinuität, die individuelle nicht. Warum dieser Satz? Weil eine seltsame Kausalität für Törichte immer wieder auftaucht, die versucht, Geschichte plausibel zu erklären, obwohl sie sie abstrus entstellt. Da sind dann Sätze zu lesen wie „mit seinen Sätzen zu der Überlebensfähigkeit der Arten hat Darwin einen Stachel gesetzt für die spätere Ellenbogengesellschaft“, oder „Karl Marx hat mit seinen Vorstellungen von der Diktatur des Proletariats zu den Gulags in der Sowjetunion geführt“, oder „Carl von Clausewitz hat mit hat mit seiner Schrift Vom Kriege den Grundstein für den asymmetrischen Krieg und den heutigen Terror gelegt.“ Zumeist gehen derartig hergestellte Verbindungen einher mit so etwas wie der Zuweisung persönlicher Verantwortung. Und spätestens dort fängt die Verblendung an.

Es ist richtig, eine Verbindung herzustellen zwischen den aktuellen Zeiterscheinungen und dem historischen Hintergrund, den sie haben. Die Akteure der Geschichte sind nie geschichtslos, sie entstammen einem Kontext, der von den Erfahrungen der Vergangenheit in starkem Maße mit geprägt ist. Und die Moderne, wie wir sie im Westen kennen, wurde formuliert und initiiert von geistigen Werken, die nicht nur auf Kant und Hegel, Fichte, Schopenhauer, Hobbes, Voltaire, Rousseau etc. verweisen, sondern auch und gerade auf Marx und Darwin, auf Clausewitz und Hunmoldt. Dass sich Menschen bestimmter Gedanken, die für das gesellschaftliche Kollektiv zu Papier gebracht wurden, bedienen, hat etwas mit dem Zwang zu tun, besser akzeptiert zu werden, wenn sie sich mit Werken legitimieren, die gesellschaftliche Anerkennung genießen.

Die Verantwortung für das, was als historisches Zitat bezeichnet werden müsste, zum Beispiel  Darwin oder Marx, liegt nicht bei den Genannten, denn die sind bereits Geschichte und haben ihre Werke in bestimmten historischen Kontexten verfasst, sondern bei jenen, die sie zitieren und bei denen, die sie in dem neuen, aktuellen Kontext als gültig akzeptieren. Und wenn in diesem neuen Kontext im Rahmen des Zitats Verbrechen begangen oder Absurdes getan wird, ist das die Angelegenheit der aktuellen Gesellschaft und sonst von niemandem. 

Interessant in diesem Kontext ist, dass zumeist sehr moderne, auf den Fortschritt fokussierte Autoren und Schriften in der beschriebenen Weise diskreditiert werden sollen. Die Kräfte, die solche Parallelen herstellen wollen in der Regel damit erreichen, dass das Schriftgut nicht mehr gelesen, sondern generell abgeurteilt wird. Dieses Unterfangen allein genügt, um die unlauteren Absichten zu illustrieren. Denn wer eine bestimmte Lektüre ausschließen will, der betätigt sich als Zensor. 

Als Schmankerl am Rande, das die These durch diese verstörende Episode untermauert, könnte die französische Revolution genannt werden. Sie war, alles in allem, zumindest in bestimmten Phasen, eine sehr blutige und brutale Angelegenheit. Der Tenor der Protagonisten bei ihrer eigenen Legitimation lag auf der griechischen Antike. Bei den Historikern, die gerne alles auf die Autoren und deren Verantwortung zurückführen, wurde eine Anklage gegen die zitierte Antike nirgends gefunden. Entweder unterliegt dieses einem Tabu, oder es erhärtet sich die These, dass die moderneren Schriften und Autoren, die sich mit emanzipatorischen Gesellschaftsmodellen befassen, der Dorn im Auge der Experten gesellschaftlicher Verdunkelung sind. 

Vielleicht hilft noch der Hinweis auf die Adornos und Horkheimers „Dialektik der Aufklärung“. Dort wird, übrigens in historisch einwandfreier Weise, die Potenz der Moderne reflektiert, dass selbst die charmanteste Idee der Emanzipation in der Katastrophe enden kann. 

Die Leserschaft weiß, welcher Vorwurf auf die Bezugnahme auf diese beiden Autoren noch fehlt. Die Experten der Verdunkelung werden ihn parat haben.

Das Thema der Stunde sind die Gelbwesten in Frankreich. Dort wird über die Zukunft entschieden. Davon nicht zu berichten wagt niemand, der den Beruf als Journalist ernst nimmt. Der Beitrag Der Duft einer Nachrichtensperre erschien zuerst auf Neue Debatte.

über Der Duft einer Nachrichtensperre — Neue Debatte

Nachrichtensperre

Ist etwas interessanter als ein Dacheinsturz aufgrund der Schneeniederschläge in Oberammergau? Oder toppt irgend eine andere Meldung den Nachrichtenblock mehr als ein Sportunfall in Sölden aufgrund einer Lawine? Angesichts der Berichterstattung in den öffentlich-rechtlichen Nachrichtensendungen muss die Frage verneint werden. Gebirgsjodler, die sonst nie im Fokus der Öffentlichkeit stünden, berichten, wie sie und wann sie etwas gesehen haben und dass das alles Wahnsinn sei. Mit der letzten Bemerkung haben sie allerdings recht. Nicht, weil die Natur so zurückschlägt, sondern weil der Aufwand der Berichterstattung nur noch einzahlt auf das Konto der Verdunkelung. 

Im benachbarten Frankreich spielt sich das eigentlich Drama ab. Davon wird herzlich wenig berichtet. Der Grund dafür ist einfach: sollte die Massenbewegung, die sich dort unter der Chiffre Gelbwesten einen Namen gemacht hat, um sich greifen, gar nach Deutschland greifen, dann ist sehr schnell Schluss mit dem Projekt Europa, so wie es sich die Exportweltmeister vorstellen. Denn dann bestünde die Chance, dass sich die Teile der Bevölkerung, die durch den Siegeszug des Liberalismus ins Hintertreffen geraten sind, sich eines Besseren besönnen und aufstünden gegen die bis ins kleinste Detail ihres Lebens wirkende und vordringende Ideologie der Bereicherung und Plünderung. 

Für Präsident Macron, der, auch das wäre eine Meldung wert, mittlerweile auf die Massenproteste reagiert wie ein einfallsloser Autokrat und den Schießbefehl autorisiert hat, für diesen letzten Hoffnungsträger des globalisierten schönen Lebens der Müßiggänger ohne Staatsräson, ist das Spiel bereits aus. Mit Polizei und Militär wird er das Problem nicht lösen. Frankreich steht bereits vor einer neuen Option wie Zerreissprobe, denn die Bewegung der Gelben Westen vereinigt zwei klassische Strömungen, die es bereits vor Macron und seiner Idee des En Marche gab: einerseits die existenziell bedrohten kleinen Unternehmen, kleine Bauern und mittelständischen Schichten in der Provinz und andererseits libertär Denkende aus Proletariat, Prekariat und, eine besondere Signatur Frankreichs, Intellektuellen.

Neben den Schneefällen wäre es regelrecht spannend gewesen zu hören von den Aktionen der Gelben Westen, die, obwohl ohne Kopf und traditionelle Führung, aus dem Bauch heraus immer wieder Aktionen inszenieren, die eigenartigerweise ins Herz des Liberalismus treffen. Als davon die Rede war, Macrons Zugeständnisse in Sachen Mindestlohn und Überstunden kämen den Staat sehr teuer, besetzten die Gelbwesten die Zufahrten von Amazon und anderen globalen Playern aus dem Silicon Valley, die bekannt sind für ihre Abneigung, Steuern zu zahlen und forderten sie auf, eben dieses jetzt endlich zu tun. 

Bei Demonstrationen in Paris vor den Gebäuden der großen Radio- und Fernsehstationen skandierten sie die Anklage, sie seien Kollaborateure und brachten die gekauften Anstalten in eine historisch passende Kategorie, nämlich als die Komplizen derer, die eindringen und das Leben zerstören. Und nun haben sie aufgerufen, alles verfügbare Geld auf legale Weise bei den Banken abzuheben, um dem staatlichen wie dem privatkapitalistischen System zu zeigen, wie schwach es ist. Und auch die Maut-Stationen, die Symbole der Privatisierung staatlichen Eigentums, von denen hierzulande noch führende Politiker träumen, wurden mittlerweile zu großen Teilen zerstört. 

In Frankreich werden die spannenden Fragen erörtert, und zwar auf eine Art und Weise, die zeigt, dass es möglich ist, genau das zu fokussieren, was im letzten Vierteljahrhundert die gesamte Welt auf die Verliererstraße gebracht hat. Davon nicht zu berichten wagte kein Mensch, der seinen Beruf als Journalist ernst nähme. Es bedarf keiner bösen Phantasie, wenn dieser Zustand als staatliche Nachrichtensperre gewertet wird.