Revolution im Kopf

Überall ist von Erosion die Rede. Alle wissen alles und keiner weiß Bescheid. Und viele trauern alten Zeiten nach. Da gab es zwei Fernsehprogramme, alle schauten das Gleiche und kannten sich aus. Mit der Fülle und Diversität war die thematische Sicherheit dahin. Und die Enge auch. Denn was in der gar nicht allzu fernen Vergangenheit an Möglichkeiten bestand, sich zu informieren oder sich kulturell inspirieren zu lassen war – höflich gesprochen – sehr reduziert. Denn  auch das, was manche heute so gerne glorifizieren, war herzlich wenig und offen ideologisch getränkt. Nur zwei Dinge existierten, die heute kaum noch anzutreffen sind: Es gab Journalisten, die exzellent ihr Handwerk beherrschten und das auch ab und zu öffentlich zeigen durften und es gab eine tatsächliche Opposition in den Medien gegen die amtierende Regierung. Dieser Unterschied ist lebenswichtig. Weder in den öffentlich-rechtlichen Anstalten noch in den großen, exklusiv von fünf Familien beherrschten Printmedien findet beides statt. Aber, wie pflegt ein kluger Freund bei einem solchen Befund anzumerken: Es ist wie es ist!

Die Klage führt nicht in die Zukunft. Sie kann allenfalls der Beginn eines neuen Prozesses sein, der in die Zukunft weist. Die Entwicklung der Aufbereitung, Verbreitung und des Konsums von Information hat neue Dimensionen eröffnet. Bei den Konsumenten ist eine Überforderung zu beobachten, die sich wiederum auf zwei Ebenen erstreckt. Zum einen fällt es den meisten Menschen, die sich im Orkan der globalen Informationsstürme bewegen, schwer, die Fülle, mit der sie konfrontiert sind, zu sortieren. Zum anderen sind sie zunehmend verunsichert, weil die Fälschung von Fakten noch nie so leicht war und folglich noch nie so häufig praktiziert wurde. Unter dem Strich sind es zwei einfache Fragen, die weiter bringen: 1. Was ist wichtig? und 2. Was stimmt?

Wo ist die Stätte, an der dem Prozess der mentalen, spirituellen und gesellschaftlichen Erosion begegnet werden kann? Die Frage kann nicht schnell politisch beantwortet werden und die Initiativen, um sich dem gefährlichen Prozess entgegenzustellen, erfordern einen langen Atem. Ich rede von den bestehenden und noch zu gründenden Bildungsinstitutionen, in denen das gelernt wird, was erforderlich ist. Manche der zu erwerbenden Kompetenzen waren historisch bereits vorhanden und sind in einem langen, aber stetigen Prozess der Entmündigung verloren gegangen, andere müssen neu entwickelt und herausgebildet werden. 

Es geht darum, das jeweilige Interesse des Individuums oder der Gruppe zum Ausgangspunkt der Arbeit zu machen. Wer weiß, was ihn oder sie interessiert, ersäuft nicht in einer Flut von Belanglosigkeiten. Und wer weiß, wie er oder sie überprüfen kann, woher Informationen kommen, wer sie in den Fingern hatte, welche Interessen er verfolgte und wie sie dann verbreitet wurden, beherrscht das Handwerk der Ideologiekritik und kommt sicherer zu einer gefestigten Meinung. Und es geht um das, was vor allem von dem neudeutschen Euro-Imperialismus so beschädigt worden ist. Es geht um Werte. Allerdings um Werte, die nicht vor geraumer Zeit in irgend welchen Dokumenten verewigt wurden, sondern um Werte, die zu einer Gesellschaft passen, die den schmerzhaften und anstrengenden Weg eines Konsenses über eine gemeinsame Zukunft eingeschlagen hat. Es bedarf einer Revolution. Sie findet nicht auf der Straße, sondern in den Köpfen statt. Und es bedarf der Institutionen, in denen das stattfinden kann.

9 Gedanken zu „Revolution im Kopf

  1. Pingback: Revolution im Kopf — form7 | per5pektivenwechsel

  2. Avatar von Alice WunderAlice Wunder

    Inhaltlich würde es ja reichen, ein paar Klassiker zu lesen. Allerdings erfordert es tatsächlich revolutionäre Energie, so unattraktive Begriffe wie Lesen oder Klassiker ins öffentliche Bewusstsein zu hieven.

  3. Avatar von WilhelmNitya

    „Es bedarf einer Revolution. Sie findet nicht auf der Straße, sondern in den Köpfen statt.“

    Wie wahr, lieber Gerd, wie wahr. Haben schon Laotse, Buddha, Jesus und viele andere angemahnt. Die waren nämlich keine Religioten, sonder nur von ihren Schülern missverstandene Leute, die eine Menge erkannt hatten, was die Menschenim im Allgemeinenganz offensichtlich nicht erkennen können. Du hast völlig recht und all die Genannten und Ungenannten auch. Aber, wie dein kluger Freund bei einem solchen Befund anzumerken pflegt: Es ist wie es ist!

  4. Avatar von alphachamberalphachamber

    Wir hätten es gerne konkreter.
    „Früher“ gab es nicht die globalen Meinungsmacher, Internet, Blogs, YouTube, etc. wo jeder Moron oder gelangweilte Techie Gerüchte aussetzen kann. Medien hat sich zu einem moral-neutralen Geschäft entwickelt, ähnlich dem Waffenhandel, bei dem man sich nicht um die Konsequenzen kümmert.

    „…Werte, die nicht vor geraumer Zeit in irgend welchen Dokumenten verewigt wurden, sondern um Werte, die zu einer Gesellschaft passen.“
    Richtig, diese entstehen aus Vernunft und unserer Kultur, nicht aus den Charta der UN, oder Gesetzen der EU. Deshalb kennt die Globalisierung keine Werte und keine Moral, siehe oben.

    „Es bedarf einer Revolution. Sie findet nicht auf der Straße, sondern in den Köpfen statt. Und es bedarf der Institutionen, in denen das stattfinden kann.“
    Das geht so nicht. Man kann eine Struktur oder Institution nicht innerhalb derselben ändern. Genauso, wie ein System sich nicht durch sich selbst erklären lässt. Politik, Bildung, Medien, haben wenigstens die letzte Generation schon erfolgreich gehirngewaschen. Es ist nur noch Raum für einzelne Forderungen bei der Mehrzahl der Bürger. So enden auch die Gelbwesten als „just another brick in the wall“. Für geistige Revolutionen braucht es „Köpfe“. Sehen Sie einen?
    HG

  5. Avatar von fibeamterfibeamter

    Und hier nun meine Frage: Ich wiederhole mich zur Zeit laufend bei Kommentaren zu Freihandelsabkommen und Europa. ich finde das zwar langweilig. Aber wenn ich den Kommentar von alpachamber lese, würde ich sagen, es muss sein. Denn von Politikern und Medien wird die klare Rechtslage und geringe Entscheidungsbefugnis der EU-Organe nicht vollständig wiedergegeben. Auf http://www.wordpress.com – fibeamter wird diese von mir ohne größere Kommentierung dargestellt mit Artikeln aus der AEUV (Verordung über die Arbeitsweise der EU) und Entscheidungen des BVerfG. Zudem bin ich gespannt auf die Entscheidung des Eu-Gerichtshofs zur Vorlgae des belgischen obersten Gerichts zu CETA sowie die Verfassungsbeschwerde von Frau Grimmenstein zu JEFTA, die mir in Grundzügen bereits bekannt ist. Meine Petition – Bundesstaat Europa – wurde vom EU-Parlment wegen fehlender !! Entshnieudngsbefugnis zu den Akten gelegt. Auch auf wordpress nachzulesen.

    1. Avatar von alphachamberalphachamber

      @fibeamter
      „Und hier nun meine Frage:“ Wir sehen keine Frage.
      Und: welcher Teil unseres Kommentars gab Ihnen denn Anlass zu Ihren Ausfuehrungen ueber EU-Verordnungen, etc.?

  6. Avatar von BludgeonBludgeon

    Schöner Text. Wie immer. Nur – wen erreicht er? Leser u40 wohl kaum. Die staunen über die langen Sätze – und verzichten. Eine Revolution der Alten also? Wie sie das ZDF einst eindrücklich an die Wand malte?
    Als die Glasnostch-Presse Russlands 1985 den Terminus „reaktionäre Parteikader der KPdSU“ gebar, sorgte das für Erschrecken in der SED. Meinte doch das gerontokratische Politbüro den Fortschritt gepachtet zu haben. Wir damals Jungen feixten schadenfroh – denn das Sakrileg kam aus der Ecke, von der man angeblich „siegen lernt“. Die diesbezüglichen Transparente, jahrzehntealt, verschwanden schnurstracks.
    Was, wenn sich nun „altlinkes West-Denken“ ebenfalls als „reaktionär geworden“ erweist?
    Wir Alten kennen nur „den Weg zurück“ und die Jungen „keinen vorwärts“. Schuld daran? Wir, die ihnen kein Freidenkertum beibrachten.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.