Archiv für den Monat Dezember 2018

Wenn das Maß verloren geht

H.M. van den Brink. Ein Leben nach Maß

Was geschieht eigentlich mit den Maßen, die über lange Zeit die Gewissheit vermittelten, derer es bedarf, wenn der naturwissenschaftlich-technische Fortschritt alle Dämme des Vorstellbaren einreisst? Und was macht das mit den Menschen, die durch ihre Kompetenz, durch ihr Handeln und durch ihren Charakter für das Verlässliche eine Epoche standen, wenn das Neue die Gedankenwelt des Alten flutet? Es sind kluge Fragen und es sind brandaktuelle Fragen, die der niederländische Schriftsteller H.M. van den Brink in einem Roman mit dem Titel Ein Leben nach Maß aufwirft.

Die Handlung ist schnell beschrieben, die Reflexion über das Erlebte eröffnet jedoch das Portal zur Unendlichkeit. Es geht um zwei Männer, die 1961 in das staatliche Eichamt in Nordholland eintraten und dort nach 45 Jahren vor ihrer Verabschiedung stehen. Der eine, Karl Dijk, der wie kein anderer für die alten Gewissheiten und Tugenden steht, soll verabschiedet werden und der andere, der Ich-Erzähler, bekommt von der neuen, jungen Direktorin des ehemaligen Eichamtes, das nun Metrifact heißt, den Auftrag, für sie die Abschiedsrede zu schreiben, die sie anlässlich der Zurruhesetzung Karl Dijks halten will. Was der Ich-Erzähler tut, und was dazu führt, dass die Direktorin die Rede hält, obwohl Karl Dijk selbst zu seiner Abschiedsfeier gar nicht mehr erscheint.

In diesem Rahmen folgen die Reflexionen des Mit-Kollegen. Sie sind brillant erzählt und führen zu einer Reise in die Entwicklung der Wissenschaften wie der Marktwirtschaft. Der Erzähler berichtet über den Alltag derer, die für das Einhalten des Maßes im richtigen Leben verantwortlich sind. Alles, was sie machen, folgt einem strikten Plan, sie berechnen und sind berechenbar. Sie treffen draußen in der holländischen Provinz auf eine Welt, in der der kleine tägliche Betrug zum Leben dazu gehört. Während die Eichmaße wie Kilo und Meter noch in Pariser Tresoren die Sicherheit eines Jahrhunderts ausstrahlen, betrügen die Metzger und Käsehändler an manipulierten Waagen und mit versteckten Gewichten. 

Doch der Markt schreitet voran wie die Wissenschaften. Während in den Supermarktketten mehr und mehr Güter bereits verpackt und gewogen in die Regale kommen, werden die Pariser Unikate, die auch für die große Vereinheitlichung der bürgerlichen Revolution stehen, als Referenzstücke obsolet. Das Eichamt mutiert von einer Kontrollbehörde zu einem so genannten Marktpartner der wirtschaftlich Handelnden, die Digitalisierung verrichtet den Rest.

Das wenige Persönliche, das der Ich-Erzähler bei seinen Recherchen zu der Abschiedsrede findet, ist vielleicht das Spannendste an der ganzen Geschichte, in Bezug auf eine Beurteilung der handelnden Personen ist es jedoch unerheblich. Dieser plötzlich verschwundene Karl Dijk wird zu einem Symbol für das allgemein Gültige, das im Laufe der Entwicklung vom individuell Relevanten hinweggeschwemmt wird. Karl Dijk, der unbestechliche Wissenschaftler, der sein Leben der Geltung des Maßes gewidmet hat, verschwindet in der neuen Welt ohne großes Drama, irgendwann ist er einfach nicht mehr da und niemand vermisst ihn.

Kann das, was wir momentan bezeugen und beklagen, besser beschrieben werden? Mir fehlt das Vorstellungsvermögen. 

Der liebe Gott und der Kannibalismus

Der liebe Gott, der immerhin noch als erklärende Formel in vielen Erzählungen präsent ist, er hätte es sich nicht besser ausdenken können: Da wird tagelang das Ende des deutschen Steinkohlebergbaus medial begleitet, da gibt es wirklich gute Dokumentationen über die Ära des Industrialismus hier in Deutschland, und da wird noch einmal richtig gestellt, warum der modernste und sauberste Kohleabbau der Welt hierzulande eingestellt wird: Es lohnt sich wirtschaftlich nicht. Selbst in diesen Tagen mental schwer ramponierte Kumpels ließen sich noch zu Scherzen hinreißen, als von manch einem unwissend über die heutigen Arbeitsbedingungen unter Tage im Ruhrgebiet räsonierte wurde. Ja, so einer der letzten, er käme gerade hoch, er hätte noch einmal das Grubenpferd füttern müssen. 

Die Bilder korrigierten alles, denn Automatisierung und High-Tech-Straßen vom Allerfeinsten waren zu sehen. Effizienter und rationaler geht es also nicht, aber der Tod dieses hoch modernen Bergbaus, das betonten alle, liegt in der Ökonomie. Die heute immer wieder kolportierte Ökologie hat bei der Liquidierung des deutschen Steinkohlebergbaus keine Rolle gespielt. Die moderne, auch durch die Montanmitbestimmung durchgesetzte Form der Arbeit rechnet sich nicht. Das Produkt ist zu teuer. 

Und da kommt die anfangs zitierte Floskel des lieben Gottes noch einmal ins Spiel. Denn just in dem Moment, als die Kumpels der Zeche Prosper Haniel im schönen Bottrop symbolisch das letzte Stück Kohle aus den Tiefen des Pütts nach oben brachten, um es dem anwesenden Bundespräsidenten zu übergeben, just in diesem Moment verreckten im benachbarten Tschechien dreizehn Bergleute bei einer Metangasexplosion unter Tage. Diese Art Unfälle gab es bis vor einigen Jahrzehnten auch im Ruhrgebiet, und zwar reich an Zahl. Aber, und nun nähern wir uns der Fratze des bis heute favorisierten Wirtschaftssystems, zu einer Zeit, als sich der Bergbau in Deutschland noch lohnte.

Die Quintessenz ist einfach: Schlechte, riskante Arbeitsbedingungen, schlechte Bezahlung und keinerlei ökologische Bedenken sind die Bedingungen, die den Kohleabbau weltweit begünstigen und ihn zu einem immer noch wichtigen Faktor in der Weltenergieversorgung machen. Wer über eine böse Zunge verfügt, der könnte es auch noch drastischer ausdrücken: Dort, wo die Ausbeutung am schlimmsten wütet, sind die wirtschaftlichen Bedingungen am günstigsten. Die Toten in Tschechien waren übrigens mehrheitlich polnische Kumpels, quasi die Vorfahren derer, die mitgeholfen haben, die Geschichte des Ruhrgebiets zu schreiben. Nun trieb es sie, wieder als Arbeitsmigranten, nach Tschechien, wo sie das Schicksal mit ihren Ahnen teilten, und zwar so, als kenne die Geschichte des Kapitalismus keinen Fortschritt.

Und genau an diesem Punkt müssen wir inne halten: Wenn die Zivilisierung von Produktionsbedingungen dazu führt, dass der Kapitalismus an ihnen aufgrund der entstehenden Kosten sein Interesse verliert, trotz der hohen Qualität des Produktes, dann wohnt ihm ein kannibalischer Trieb inne, den zu leugnen er sich zwar immer wieder bemüht, den zu identifizieren jedoch keine große Mühen kostet. 

Die gestrige Koinzidenz von der Schließung hochmoderner Förderanlagen und einem todbringenden Grubenunglück nur wenige hundert Kilometer entfernt war eine pädagogische Inszenierung für alle, die nicht glauben wollen, wie simpel die Welt funktioniert, wenn nicht der Mensch und die Gesellschaft, sondern exklusiv der private Profit das Handeln bestimmen. 

Unter welchem Slogan organisierten sich noch die Bremer Stadtmusikanten?

Etwas besseres als den Tod findest du überall!