Archiv für den Monat November 2018

Gemeinwohl oder Rollenspiel?

Die Kritik an dem Wachstumsmantra der kapitalistischen Produktionsweise ist alt. In Bezug auf den eigenen Erfahrungshorizont waren es die Grünen, die – historisch wieder einmal – den Finger auf die Wunde legten und die Frage stellten, ob die Vernichtungen, die ständiges Wachstum verursache, nicht weitaus schlimmer seien als die Überlegung nach einer anderen Form der Versorgung. Und, einmal unabhängig von wirtschaftlichen Handlungszwängen, wäre es nicht vernünftiger, die Frage zu stellen, was die Gesellschaft und ihre Glieder an Gütern und Leistungen brauchen, um ein auskömmliches Dasein zu führen? Alleine diese Überlegung und die Betrachtung dessen, was wirtschaftlich tatsächlich passiert, demonstriert den ganzen Irrsinn: Hier Warenhalden, die auf einen Markt warten, dort potenzielle Konsumenten, die sich diese Waren nicht leisten können. Hier hoch artifizielle Produkte für einen ganz speziellen Konsum, dort keine Versorgung mit Basisgütern, die eine hohe Qualität besitzen und, in Bezug auf den Ressourcenverbrauch, lange halten.

Ohne in jene lange, nichts bringende Diskussion um eine wie auch immer geartete Gesellschaftsform einzutreten, zeigen sich einfache Überlegungen oft als zielführender. Klar ist, dass das intrinsische Moment der Wachstumsforderung aus der originären Funktionsweise der kapitalistischen Produktion zu erklären ist. Wer als Unternehmer auf dem Markt ist, muss dort konkurrieren und möglichst viel verkaufen. Ist er oder sie erfolgreich, dann muss das gewonnene Geld in neue, verfeinerte Produktionsweisen gesteckt und noch billiger, schneller und besser produziert werden, um bei der nächsten Runde auf dem Markt erneut bestehen zu können. Wer nach einem Erfolg das Gewonnene verzehrt, wird in der nächsten Runde nicht mehr dabei sein. Die Rolle des Kapitalisten ist klar umrissen. Und die wird eingenommen, unabhängig von Bildung, Kultur, Sprache und Charakter. Wer mitspielt, muss die Regeln anerkennen, sonst ist das Spiel schnell vorbei.

Sollte nun nach einer übergeordneten Vernunft der tatsächliche Bedarf einer Gesellschaft maßgeblich sein, dann muss sich etwas ändern. Der Bedarf einer Gesellschaft wird zum einen individuell bestimmt, d.h. es ist – leicht – zu ermitteln, was die einzelnen Individuen, Familien und Lebensgemeinschaften benötigen, um selbstbestimmt und auskömmlich versorgt zu werden. Das ist Nahrung, Wohnung, Mobilität, Bildung und Kultur. Und es ist erforderlich, dass sich die Gesellschaft auf das einigt, was sie ihrerseits für ihre Existenz als lebensnotwendig erachtet. Und, es ist kein Mirakel, auch dort wird es um Versorgung ihrer selbst, um Bau, um Infrastruktur, um Schulen und Universitäten wie Konzerthallen und Theater gehen. 

Die beiden Bilder stehen in starkem Kontrast zueinander. Hier die Produktion ungeheurer Mengen von Gütern, von denen niemand weiß, wieviele tatsächlich zur Konsumtion kommen, dort ein ungesättigter Bedarf, der seit Urzeiten formuliert, aber nie gesättigt wird. Es scheint so zu sein, als ob die Besitzverhältnisse tatsächlich das sind, was die Welt des Wachstums, die die Verheerungen, unter denen der Globus zunehmend leidet, zusammenhält. Wer die Rolle des Kapitalisten spielen will, muss die Frage nach Bedarf und Versorgung in einem gesellschaftlich rationalen Sinne fürchten wie den Teufel. Zu Recht. Denn wenn die viel verpönte Regulierung greift, dann kann er seine Rolle nicht mehr so spielen, wie er das vielleicht muss, um weiter als Kapitalist existieren zu können.

Das Szenario, das sich vor dem Betrachter ausbreitet, ist recht einfach beschrieben: Fortschreibung des kapitalistischen Rollenspiels oder Gemeinwohl? Sollte letzteres die Präferenz haben, dann muss sich einiges ändern.

Beidseitigkeit im Kalten Krieg

Edward Berger, Samira Radsi. Deutschland ´83

Die unter dem Titel „Deutschland ´83“ veröffentlichte Serie konnte zu keinem besseren Zeitpunkt erscheinen. Im Dezember 2015 hatten sich die Zeichen einer Wiederherstellung der politischen Konfrontationslinien aus dem Kalten Krieg zu einem Gesamtbild verdichtet. Die von dem Regie-Duo Edward Berger und Samira Radsi gekonnt reanimierte Geschichte der Konfrontation zwischen Ost und West spielt in einem extrem provinziell anmutenden Deutschland und die Handlungsweisen, die die Protagonisten an den Tag legen, lassen eher mitleiden, als dass sie dazu beitrügen, sie zu verdammen oder zu heroisieren. Drehbuch wie Regie ist es gelungen, keine filmische Fortsetzung der Feindbilder des Kalten Krieges zu inszenieren.

Beide Seiten, d.h. der Geheimdienst der DDR wie das westdeutsche Militär, werden in ihrer von Unwissenheit, technischem Dilettantismus wie menschlichem Zweifel geprägtem Dasein dargestellt. Es wird deutlich, dass zu einer Eskalation immer zwei Seiten gehören. Wer in der Serie eine Bestätigung für die Argumentation der einen oder der anderen Seite sucht, wird mit nicht bedient. Es handelt sich um eine kritische, in vielen Aspekte auch komische Reflexion der jüngeren Geschichte.  

Die Stationierung der atomaren Pershing II-Raketen in der alten Bundesrepublik kann als der Höhepunkt des Kalten Krieges bewertet werden. Die Serie bettet dieses Faktum ein in die Geschehnisse der Zeit. Da war die Großkundgebung der Proteste gegen die Stationierung im Bonner Hofgarten mit einer halben Millionen Teilnehmerinnen und Teilnehmern, auf der ein SPD-Parteivorsitzender Willy Brandt und der Schriftsteller Heinrich Böll Reden hielten, da reiste Udo Lindenberg nach Ost-Berlin zu einem Konzert in der DDR, da flüchteten immer noch Menschen aus der DDR in die BRD, da gab es politische Gefangene in den Gefängnissen der DDR, da spielten amerikanische Strategen mit der Möglichkeit eines begrenzten Atomschlags und  da gab es russische Agenten, die so klug oder so töricht waren, dieses ernst zu nehmen. 

Aber da gingen auch hochrangige amerikanische Militärs in Bonner Puffs, da outeten sich die ersten Homosexuellen und da wurde AIDS vor allem unter dem Label einer Schwulen-Krankheit bekannt. Da protestierten westdeutsche Kinder gegen das Establishment und sie wurden politisch und neigten zur radikalen Aktion oder sie landeten in psychedelischen Sekten, die die strengen Hierarchien, gegen die protestiert wurde, nur reproduzierten. Und da waren die Autoritäten auf beiden Seiten, die merken mussten, dass die Macht ihres Weltbildes gewaltig zu bröckeln begann.

Spricht es für die Serie, dass sie es in us-amerikanische Fernsehprogramme geschafft hat? Zumindest wird dadurch deutlich, dass die Regisseure es verstanden haben, eine sehr ernsthafte historische Phase so aufzubereiten, dass eine packende Handlung, die auch komische Züge aufweist, durchaus dazu geeignet ist, sich mit dieser schwergreifenden Verwerfung zwischen Ost und West noch einmal auseinanderzusetzen. Und so fern ist das ja alles nicht mehr. Im Gegensatz zu „Deutschland ´83“ sind hierzulande wieder Politiker unterwegs, die an einer Restauration dieser haarsträubenden Zustände interessiert sind.