Archiv für den Monat Oktober 2018

Geschichten aus dem Endstadium

Wir leben in brillanten Zeiten. Zumindest für Karikaturisten und Satiriker. Das Problem, für das wir selbst verantwortlich sind, ist die eigene Wahrnehmung. Wir glauben tatsächlich, dass das, was wir täglich sehen und erleben, identisch ist mit dem, was landläufig als die Realität bezeichnet wird. Das ist der Trugschluss unserer Tage. Denn das, was wir sehen, ist noch lange nicht das, was tatsächlich ist. Wäre dem wirklich so, so befänden wir uns bereits längst in der lodernden Hölle.

Ausgerechnet der türkische Staat ist es, seinerseits eine der neuesten Versionen der Presse-Inquisition, der dem ölgetränkten Königreich der Saudis nun vorwirft, die Freiheit der Presse zu gefährden. Es geht um den spurlos verschwundenen arabischen Journalisten Khashoggi, der von türkischem Boden aus Kritisches über seine saudische Heimat schrieb.

Die Saudis ihrerseits wiederum gingen ganz gemütlich mit dem Vorwurf um. Mit rauer Wüstenstimme schufen sie ein für den Westen in seiner Unbefangenheit neues Narrativ. Demnach hatten sie eine kleine Folterdelegation in das Reich Onkel Osmans geschickt, um dem Querulanten, den man von der Straße weg ins Räuberhauptquartier der eigenen Botschaft entführt hatte, ein paar Fragen zu seinem lästerlichen Treiben zu stellen.

In der offen geäußerten Version der Saudis sei das Verhör aber leider ein bisschen schief und aus dem Ruder gelaufen, und der Redakteur mit dem Namen des weltweit größten und berüchtigten Waffenhändlers hauchte plötzlich das Leben aus. Weitererzählt wird die schauerliche Schmonzette dann vom türkischen Geheimdienst, der seinerseits davon ausgeht, dass die Überreste des schief gegangenen Interviews mit einer Heimwerkersäge zerkleinert und in kleinen Portionen aus der Botschaft heraus entsorgt worden seien. Das Rätsel, das bleibe, sei der Verbleib der schwarzen Fracht.

Präsident Putin wiederum, der Schauplatz hat sich nun geändert, Präsident Putin, der Kühle aus dem Reich des Nordens, wurde nun dabei ertappt, dass er sich hat gehen lassen. Und zwar in der Wortwahl gegenüber einem ehemaligen russischen Spion, der die Seiten gewechselt hatte. Der hieß Skripal und erfreute nun mit seinem Wissen den britischen Geheimdienst. Dieser konnte das Plappermaul zwar nicht schützen, denn mitten auf dem Territorium seines neuen Exils wurde er vorübergehendes Opfer eines Giftgasanschlages, vermeintlich begangen von ihrerseits russischen Agenten.

Letztere, die man dafür hielt, wurden in Russland aber als harmlose Fitnesstrainer identifiziert, die aus privater Initiative nach Südengland gereist waren, um die Lage auf dem Freizeitsportmarkt auszutarieren. Dass beide einmal Offiziere der russischen Armee waren, hat damit wenig zu tun. Was jedoch hängen bleibt, ist Putins Äußerung über Skripal. Es handele sich, so der mächtigste Mann Russlands, um einen Drecksack, der sein Land verraten habe.

Bliebe noch ein kleines Licht aus dem eigenen Land. Da wieherte ein Mann des Volkes von der bayrischen Wahlkampfbühne die Gefahr ins Land, wer aus Schwarzafrika einreise sei wahrscheinlich mit HIV positiv infiziert. Daher wolle er genau wissen, was los sei, wenn so ein Neger ihn auf der Straße anküsse.

Es empfiehlt sich, schleunigst damit zu beginnen, die Symptome der intellektuellen Erosion, unter der wir alle aus welchen Gründen auch immer zu leiden beginnen, in einem Journal zu dokumentieren. Solle es jemals Nachkommen welcher Form auch immer geben, die unsere Sprache werden entschlüsseln können, sie würden es nie glauben, was wir uns im Endstadium erzählt haben.

 

Fußball: Wie eine Persiflage auf die gegenwärtige Politik

Der Abstieg begann mit einem Highlight. Zu dem Zeitpunkt, als eine junge deutsche Mannschaft den CONFED-Cup in Russland ein Jahr vor der WM gewann. Praktische Folgen hatte es nicht. Denn die Akteure, die nicht nur durch frischen, sondern auch durch erfolgreichen Fußball auf sich aufmerksam gemacht hatten, wurden in der Folge von dem verantwortlichen Trainer, Joachim  Löw, komplett ignoriert. Stattdessen reanimierte er das Erfolgsteam von 2014, soweit noch vorhanden. Seitdem wurden alle sportlichen Warnzeichen in den Wind geschlagen. Trotz schlechter Leistungen fuhr man mit breiter Brust zur WM nach Russland. Was dort folgte, gehört von den Auftritten auf und neben dem Platz zu den Tiefpunkten des deutschen Fußballs.

Obwohl es auch im Fußball Verantwortliche für jeden Bereich gibt, die nicht unbedingt schlecht dafür bezahlt werden, hat die Talfahrt bis heute keine Folgen gehabt. Weder der DFB, der die Vertragswerke aushandelt, noch die Geschäftsführung, die Turniere durchdekliniert und auch nicht der Trainer, verantwortlich für die sportlichen Ergebnisse, wurden bis heute zur Rechenschaft gezogen.

Eine in „politischen“ Angelegenheit unsensible DFB-Führung macht weiter wie bisher, ein an Arroganz nicht mehr zu überbietender Manager, der das WM-Quartier in Russland so aussuchte, dass es der Mannschaftsbus zum Endspielort nicht weit hatte, und ein Trainer, der nur in einem Punkt konsequent war, nämlich dem Außerkraftsetzen des Leistungsprinzips – sie alle verharren weiter im Amt. Es ist wie eine Persiflage auf die gegenwärtige Politik, die den Konnex von Fußball und Politik wieder einmal deutlich macht.

Drei Siege aus zehn Spielen, eine verkorkste WM und der nahezu sichere Abstieg aus der Nations League führten bislang dennoch zu keiner Entlassung des verantwortlichen Personals. Und die Bemerkung, die der Bundestrainer nach der gestrigen Niederlage zum Besten gab, dass es ihm nämlich egal sei, was und wie über ihn geredet würde, bringt es auf den Punkt. Die Arroganz der mit einem Mandat ausgezeichneten Schlechtleister ist dazu geeignet, auch im Fußball eine neue Epoche des Populismus entstehen zu lassen. Es handelt sich nicht mehr nur um ein Missgeschick, es handelt sich um Dekadenz.

Da hilft auch nicht, dass der Trainer zum gestrigen Spiel gegen Frankreich die Jungen berufen hat, um es zu richten. Und da hilft es auch nicht, dass diese ein sehr gutes Spiel gemacht haben. Denn nach dem Abpfiff redete der Trainer wieder bereits davon, dass es nur die Jungen nicht werden reißen können und damit die Öffentlichkeit darüber informierte, dass noch nicht von einer neuen Ära gesprochen werden könne. Das, kombiniert mit dem DFB-Präsidenten, der ausschließlich  von „Ruhe bewahren“ sprach, ist nicht dazu geeignet, vom Vollzug der notwendigen Wende sprechen zu können. Es geht um ein „Weiter so“.

Es ist schon ein starkes Stück, in derartig kurzer Zeit aus einem bereits zwar monetär gewaltig kontaminierten Sport einen Zeitvertreib für phlegmatische Couponschneider gemacht zu haben. Die beste Antwort all derer, die nicht nur das Spiel lieben, sondern auch den gesellschaftspolitischen Konnex sehen, ist es geraten, sich radikal von dem Geschehen fernzuhalten, bis die große Blase des bürokratischen Müßiggangs implodiert.

Meidet die großen Arenen, geht in die Kreisklasse, unterstützt diejenigen, die den Glauben noch nicht verloren haben, dass Anstrengung und Erfolg zusammenhängen.