Archiv für den Monat September 2018

Wie ein Saloon in der fernen Wüste

Michael Lüders. Armageddon im Orient

Michael Lüders scheint nicht nur als Präsident der Deutsch-Arabischen Gesellschaft die Nachfolge Peter Scholl-Latours angetreten zu haben. Sondern auch seine Publikationen bekommen allmählich das Signet, das den Werken des großen Kenners des arabischen Raumes und Südostasiens anhaftete: eine einmalige, aber auch einsame Kenntnis über die Verhältnisse, die in der Welt eine große Rolle spielen, die aber so irrational und undurchschaubar von den Vertretern des Westens behandelt und gestaltet werden. Auch Scholl-Latour verstand es, dem vermeintlichen Chaos des Nahen Ostens eine innere Logik zu verleihen und dem Westen bestenfalls grenzenlose Ignoranz zu attestieren. Lüders schreibt dazu wiederholt ein neues Kapitel. Mit seinem neuen Buch „Armageddon im Orient. Wie die Saudi-Connection den Iran ins Visier nimmt“ trägt er maßgeblich zur Dechiffrierung des vermeintlichen Chaos bei. 

Nachdem Lüders mit seinen Büchern „Wer den Wind sät“ und „Die den Sturm ernten“ historische Hintergründe, aktuelle Interessen und Motive und geopolitische Konstellationen zum Syrien-Krieg aufgezeichnet hatte, legt er nun im besten Sinne eines vom Aussterben bedrohten Enthüllungsjournalismus das vor, was als die Kriegsmobilisierung gegen den Iran genannt werden muss. Ein zentrales Thema zum Verständnis der aktuellen Entwicklung ist das Verhältnis Saudi-Arabiens zu den USA, das getragen wird von gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen vor allem des saudischen Königshauses und der texanischen Öl-Lobby in den USA. Und ja, vieles liest sich wie eine im Drogenrausch konzipierte Verschwörungstheorie, wären da nicht die unzähligen seriösen Quellen, auf die sich Lüders beruft und wäre da nicht ein gemäßigter, immer wieder an die Vernunft appellierender Schreibstil des Autors.

Minutiös arbeitet das Buch die vielen Schimären ab, die durch die mediale Welt geistern und die Version belegen sollen, auf die in den Häusern der Scharfmacher in den USA, Israels und Saudi-Arabiens hinauslaufen soll: Regime-Change im Iran. Nicht ohne, nein mit zwingender Logik verweist Lüders auf das Alleinstellungsmerkmal des Iran. Es handelt sich bei diesem nicht nur um ein 80 Millionen-Volk, sondern auch um die einzig verbliebene Kulturnation in der vom Kolonialismus und Imperialismus zerstörten und ins Chaos gestürzten Region. Ihr Makel ist der Öl- und Gasreichtum und die Notwendigkeit, diese Ressource von A nach B bringen zu müssen. Es geht also um die Ressourcen selbst und die Sicherung ihrer Transportwege. 

Die seit dem Irak-Krieg 2003 verfolgte Doktrin des Regime-Change hat zum Ziel, Chaos zu schaffen und das Chaos zu beherrschen. Taktische Fehler von historischem Ausmaß haben dazu geführt, dass sowohl der Iran als auch Russland einen Vorteil im Machtgefüge des Nahen Ostens zurückerobern konnten. Daher bläst vor allem Trump zum Halali gegen den Iran, der mit Hilfe der genannten Koalition gelyncht werden soll. 

Bei der Schilderung der riskanten, einen III. Weltkrieg provozierenden Unternehmung, dokumentiert der Autor die speziellen Verbindungen der einzelnen treibenden Kräfte. Auffallend ist, dass die USA nun, nach den Texanern, ihre Interessen durch Trump und dessen Netzwerk von Immobilienlobbyisten vertreten lässt, die sich ihrerseits durch gemeinsame Projekte mit dem saudischen Königshaus und dessen unberechenbarem Herrscher prächtig verstehen. Es ist ein Showdown, der an einen Saloon in der fernen Wüste erinnert, aber es ist zu ernst und zu beunruhigend, als dass man dem so etwas wie Spannung abgewinnen könnte.

Wieder einmal zeigt sich Lüders als ein Autor, dem es gelingt, komplizierte Verhältnisse verständlich darzustellen und vor allem das zu beschreiben, was man handfeste Interessen nennt. Das entschlüsselt dann vieles, und aus den hoch gelobten Werten wird der blanke Eigennutz, koste es, was es wolle.

Schlittern in ein historisches Horror-Szenario?

Wir befinden uns nicht nur in einer politischen Diffusion. Diese aber drückt sich in der Auflösung der alten Programme und Gewissheiten aus. Die CDU ist sozialdemokratischer geworden, die SPD im Laufe der Jahre wirtschaftsaffiner, die Grünen christdemokratischer, die Liberalen zuweilen zu liberal und zu wenig bürgerlich konstitutiv und die Linke ist bereits ein Ausdruck des Wandels der Sozialdemokratie. So ändern sich die Zeiten, könnte gesagt werden, was natürlich auch stimmt. Was diese Veränderung jedoch bewirkt hat in Zeiten radikaler Veränderungen seitens der bestimmenden Lebensverhältnisse ist noch nicht abzusehen. Jedenfalls haben viele Menschen den Eindruck, dass sie sich nicht mehr auf die bekannten politischen Größen verlassen können.

Mit der Europapolitik, die ihrerseits wie vieles andere als alternativlos bezeichnet wurde, kam mit der AfD eine politische Variante ins Spiel, die sich zunächst tatsächlich exklusiv auf die Rolle des Staates bei der Vor- und Nachbereitung der Märkte für die deutsche Industrie beschäftigte. Kritisch gesehen wurde die offensive Kreditpolitik und die Absicherung von erneuten Krediten zur Tilgung der Schulden durch den Staat, d.h. den Steuerzahler. Das war seichte Kritik, weil nicht der Umstand an sich, sondern nur ein „zu teuer für uns“ reklamiert wurde. Bekanntlich bekam die AfD dafür leidlich Zuspruch, aber sie nahm richtig an Fahrt auf, als sie zum Thema Europa noch die Flüchtlingspolitik hinzunahm und das politische Personal radikal austauschte.

Ja, wenn sich keiner mehr auskennt, dann ist es gut, wenn andere mit einfachen Wahrheiten kommen. Nein, das ist aber nicht die schlimmste Ursache für den gegenwärtigen Auftrieb einer zunehmend völkisch agierenden Partei. Das Schlimme ist das Taktieren derer, die die Verantwortung in politischen Ämtern tragen und die nicht aufhören mit bestimmten Formulierungen wie dem Verständnis für besorgte Bürger den Mob hoffähig zu machen und alle, die sich an die Regeln des politischen Diskurses halten, zu diskreditieren.

Für das politische Überleben in Zeiten wie diesen steht ein Wort, das unnahbar klingt, aber dennoch nicht vergessen werden darf. Es ist die Wahrhaftigkeit. Wer zu dem steht, was er sagt und wer die Courage hat, die Dinge beim Namen zu nennen, der kann das reklamieren, was als das verloren gegangene Vertrauen bezeichnet werden muss. Und, bei der Betrachtung der zentralen politischen Fragen, die diese Gesellschaft erregen, da ist die Wahrhaftigkeit ein ungebetener Gast. Ob bei dem Thema Europa und der deutschen Rolle, ob beim Thema Ukraine, Syrien, Türkei, USA – Standpunkte und Haltungen, die den Namen verdienten, sind eher die Ausnahme und das, was als das wahrzunehmende Interesse charakterisiert werden müsste, wird wohlweislich verschwiegen.

Neben der politischen ist die institutionelle Diffusion die weitaus größere Gefahr. Sie beginnt mit der politischen, wird aber zu einem Fraß innerhalb der staatlichen Institutionen, die unabhängig von politischen Standpunkten funktionieren sollen und müssen. Sachsen ist ein beredtes Beispiel dafür, dass vor allem Justiz und Polizei bereits befallen sind von Erregern des Völkischen. Diejenigen, die dafür verantwortlich zeichnen, die politischen Mandatsträger und die durch sie installierten Beamten, sind der Korridor für die institutionelle Diffusion. Ein Bundesinnenminister, der den König der V-Leute im neofaschistischen Lager im Amte belässt, der gegen die eigene Regierung bereits geputscht hat, aber bei der Diffusion des Sicherheitsapparates nur mit den Schultern zuckt, ein solcher Innenminister ist untragbar für alle, die nicht in ein historisches Horror-Szenario schlittern wollen.