Wie ein Saloon in der fernen Wüste

Michael Lüders. Armageddon im Orient

Michael Lüders scheint nicht nur als Präsident der Deutsch-Arabischen Gesellschaft die Nachfolge Peter Scholl-Latours angetreten zu haben. Sondern auch seine Publikationen bekommen allmählich das Signet, das den Werken des großen Kenners des arabischen Raumes und Südostasiens anhaftete: eine einmalige, aber auch einsame Kenntnis über die Verhältnisse, die in der Welt eine große Rolle spielen, die aber so irrational und undurchschaubar von den Vertretern des Westens behandelt und gestaltet werden. Auch Scholl-Latour verstand es, dem vermeintlichen Chaos des Nahen Ostens eine innere Logik zu verleihen und dem Westen bestenfalls grenzenlose Ignoranz zu attestieren. Lüders schreibt dazu wiederholt ein neues Kapitel. Mit seinem neuen Buch „Armageddon im Orient. Wie die Saudi-Connection den Iran ins Visier nimmt“ trägt er maßgeblich zur Dechiffrierung des vermeintlichen Chaos bei. 

Nachdem Lüders mit seinen Büchern „Wer den Wind sät“ und „Die den Sturm ernten“ historische Hintergründe, aktuelle Interessen und Motive und geopolitische Konstellationen zum Syrien-Krieg aufgezeichnet hatte, legt er nun im besten Sinne eines vom Aussterben bedrohten Enthüllungsjournalismus das vor, was als die Kriegsmobilisierung gegen den Iran genannt werden muss. Ein zentrales Thema zum Verständnis der aktuellen Entwicklung ist das Verhältnis Saudi-Arabiens zu den USA, das getragen wird von gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen vor allem des saudischen Königshauses und der texanischen Öl-Lobby in den USA. Und ja, vieles liest sich wie eine im Drogenrausch konzipierte Verschwörungstheorie, wären da nicht die unzähligen seriösen Quellen, auf die sich Lüders beruft und wäre da nicht ein gemäßigter, immer wieder an die Vernunft appellierender Schreibstil des Autors.

Minutiös arbeitet das Buch die vielen Schimären ab, die durch die mediale Welt geistern und die Version belegen sollen, auf die in den Häusern der Scharfmacher in den USA, Israels und Saudi-Arabiens hinauslaufen soll: Regime-Change im Iran. Nicht ohne, nein mit zwingender Logik verweist Lüders auf das Alleinstellungsmerkmal des Iran. Es handelt sich bei diesem nicht nur um ein 80 Millionen-Volk, sondern auch um die einzig verbliebene Kulturnation in der vom Kolonialismus und Imperialismus zerstörten und ins Chaos gestürzten Region. Ihr Makel ist der Öl- und Gasreichtum und die Notwendigkeit, diese Ressource von A nach B bringen zu müssen. Es geht also um die Ressourcen selbst und die Sicherung ihrer Transportwege. 

Die seit dem Irak-Krieg 2003 verfolgte Doktrin des Regime-Change hat zum Ziel, Chaos zu schaffen und das Chaos zu beherrschen. Taktische Fehler von historischem Ausmaß haben dazu geführt, dass sowohl der Iran als auch Russland einen Vorteil im Machtgefüge des Nahen Ostens zurückerobern konnten. Daher bläst vor allem Trump zum Halali gegen den Iran, der mit Hilfe der genannten Koalition gelyncht werden soll. 

Bei der Schilderung der riskanten, einen III. Weltkrieg provozierenden Unternehmung, dokumentiert der Autor die speziellen Verbindungen der einzelnen treibenden Kräfte. Auffallend ist, dass die USA nun, nach den Texanern, ihre Interessen durch Trump und dessen Netzwerk von Immobilienlobbyisten vertreten lässt, die sich ihrerseits durch gemeinsame Projekte mit dem saudischen Königshaus und dessen unberechenbarem Herrscher prächtig verstehen. Es ist ein Showdown, der an einen Saloon in der fernen Wüste erinnert, aber es ist zu ernst und zu beunruhigend, als dass man dem so etwas wie Spannung abgewinnen könnte.

Wieder einmal zeigt sich Lüders als ein Autor, dem es gelingt, komplizierte Verhältnisse verständlich darzustellen und vor allem das zu beschreiben, was man handfeste Interessen nennt. Das entschlüsselt dann vieles, und aus den hoch gelobten Werten wird der blanke Eigennutz, koste es, was es wolle.

2 Gedanken zu „Wie ein Saloon in der fernen Wüste

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  2. Avatar von Ann Decemberann christina

    Wirklich interessant! Schade, das es diese Art Journalismus in den Medien wenig gibt, ist wahrscheinlich zu teuer. Bei ARD beschränkt sich investigativ eher auf Lebensmittel, Landwirtschaft, und vielleicht Doping im Sport, alles vor allem national orientiert, und lächerlich wenig welterklärend. Von den heutigen deutschen Politikern ganz zu schweigen… Gut, das es einige wenige Lichtblicke gibt, aber tragisch, dass sie nichts ausrichten können. Vielen Dank für die Rezension und einen schönen Tag!

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