Archiv für den Monat Juli 2018

Bei Mythos Mord

Jetzt haben wir die Quittung. Rassismus und Faschismus sind mitten unter uns. Das Schlimme dabei ist, dass die Phänomene nicht mehr politisch lokalisiert werden können. Aus nahezu jedem politischen Lager kommen Sätze, die über Jahrzehnte längst nicht mehr als salonfähig galten. Heute sind sie es. Und zwar in einem Maße, dass es nicht mehr zu ertragen ist. Das ist in vielen Ländern Europas so, in Deutschland ist es eine ausgewachsene Katastrophe. Das Land, das aus seiner suizidalen, mörderischen und neurotischen Geschichte gelernt zu haben schien, ist genauso wenig immun gegen die zivilisatorische Pest wie woanders. Mitunter sind die Symptome noch schlimmer.

Woher stammt das kontinuierlich Barbarische in diesem Land? Es existieren Erklärungsansätze, die alle einige Gramm Wahrheit erhalten, historische, psychologische, soziologische, politische und sogar ökonomische. Und alle liefern wertvolle Erkenntnisse. Aber dennoch! Sind sie mächtig genug, um die Inkompetenz als Nation in einer zivilisierten Welt zu erklären? Oder ist doch alles auf den Ur-Mythos der Deutschen zurückzuführen? Auf den meuchlerischen Mord an dem einzigen positiven Helden, den das Land jemals kannte?

Siegfried, der den Rhein herunter fuhr, um es bis nach Island zu schaffen, die Quelle der nordischen Erkenntnis, um nach seiner erfolgreichen Rückkehr irgendwann in der Nähe der heutigen Kläranlage der BASF von dem Verräter Hagen dahingemetzelt zu werden und einen eines Helden unwürdigen Tod zu sterben. Ist dieser Siegfried und sein unrühmliches Ende die Hypothek, die dazu geführt hat, an Erlöser zu glauben, obwohl bekannt ist, dass sie kläglich scheitern werden? Geht es nur um den Rausch im Flow, der mit der tiefen Depression nach dem Sturz bezahlt wird? Oder ist das auch nur eine Erklärung wie vieles andere, das diesem Land aufgrund seiner zahlreichen mächtigen Ränder attestiert, zwar das Zeug zu genialen Gedanken zu haben, aber keinerlei Kompetenz in Sachen Staatsführung und Demokratie?

Von welcher Perspektive auch betrachtet, der öffentliche Zugang zum Giftschrank des zivilisatorischen Untergangs war immer zugänglich, und daran hat sich nichts geändert. Und vielleicht ist es an der Zeit, die deutsche Binnensicht einfach aufzulösen und nach anderen kulturellen wie staatlichen Modulen zu suchen, die die ätzende Abhängigkeit vom Totalitarismus auflöst. Was dieser Kulturraum benötigt, ist vieles. Auf jeden Fall ein langes und zähes Training, um die Fähigkeit zu einem tatsächlichen und wahrhaftigen gesellschaftlichen Diskurs zu erlangen. Das kollektive Schweigen und die passive Betrachtung der aktiven Schreihälse haben zu dem Debakel geführt, in dem wir uns befinden. Es darf keine Angst geben vor dem Streit und den daraus resultierenden Wunden. Nur Ensembles, die es verstehen, sich zu streiten, erlangen die Fähigkeit, politisch zu überleben. Nur wenn der legendäre „Kleine Mann“ es lernt, dem eloquenten Rhetor der Verführung zu widersprechen, wird es in diesen Breitengraden zu Veränderungen kommen.

Gesellschaftliches Sein ist kein Schauspiel, das man betrachten kann, ohne daran teilzunehmen. Das ist die Lektion, die diese vermeintliche Nation nicht gelernt hat. Nur wer für das soziale Gebilde, in dem er sich bewegt, leidet oder bereits gelitten hat, lernt das Erreichte zu lieben. Aufgrund der Heimtücke, die uns der Hagen hinterlassen hat, ist es gekommen, dass uns andere das gaben, was wir brauchten, ohne dass wir es schätzten, oder das nahmen, was wir liebten, ohne wir es wussten. Ein Heraushalten ist keine Option. Es geht um Sein oder Nicht-Sein! Begreift das endlich!

Erste Lehren aus den Hundstagen

Jetzt sind sie wieder da. Die Hundstage. Und anders als in manchem Jahr davor, werden sie von den Temperaturen her endlich einmal wieder dem gerecht, wie es gemeint ist. Die Hitze drückt. Die Hitze macht den Menschen immer mehr zu schaffen. Die Hitze steigt immer weiter. So langsam kommen die Routinen zum Erlahmen, es neigen sich die Aktivitäten in den tiefen Schatten. Und irgendwann sehnen sich die Gequälten danach, gleich den Hunden irgendwo herumzuliegen und vor sich hin zu dämmern. Ab und zu zucken noch die Gliedmaßen, die auf Bewegung programmiert sind, aber der allgemeine Stillstand erfordert nichts mehr. Wenn alles gut läuft, so kann das Paradoxon bemüht werden, wenn alles gut läuft, dann steht die Welt still.

Und obwohl die äußeren Bedingungen alles hergeben für gute, gelungene Hundstage, so fügen sich die Ereignisse gar nicht in die vorgesehene Dramaturgie ein. Auftakt war eine große, für die Merkel-Ära ungewöhnlich große Demonstration in München, die die Agenda der einstmals übermächtigen CSU im Land ins Visier nahm und damit das ins Visier nahm, was sich immer mehr Politiker zunutze machen wollen. Der Trend ins Völkische, der gute Wahlergebnisse zu versprechen scheint, ist bei der CSU und ihrem Heimatminister besonders ausgeprägt, oder genauer gesagt, er ist das Kalkül, auf das sie setzt. Und genau davon haben immer mehr Menschen die Nase voll. Wenn es sie mobilisiert, wie im Falle München, umso besser. Dann haben auch die faulen Hunde, die am Himmelsbild flimmern, genug Gnade, um es kräftig regnen zu lassen. Das sind Zeichen, die ernst genommen werden müssen. Der Himmel plädiert für den Aufstand.

Und als käme alles aus demselben Regiebuch, da twittert der gut Mesut Özil seinen Ärger in den Äther. Er, der aus dem Banlieue Gelsenkirchen stammt und seit vielen Jahren im Ausland lebt, machte das in englischer Sprache, um den daheimgebliebenen Provinznaturen zu signalisieren, dass er bereits weit über ihrer provinziellen Begriffsstutzigkeit steht. Diese haben das aber gar nicht so begriffen, denn sie führten ein Stück auf, das schlimmer und erbärmlicher nicht hätte ausfallen können. Am Ende, am Ende stand genau das Deutschtum, das verhindert, den Sprung in die Moderne tatsächlich zu vollziehen. Wie armselig sind da die Appelle, sich das, nein unser Land zurück zu holen. Von wessen Deutschland sprechen sie? Von dem der Verlierer, die schon einmal einem falschen Traum gefolgt waren.

Und noch hündischer, bis auf eine klitzekleine Ausnahme, ist die Reaktion dessen, was bereits zum Mythos erhoben worden war: Die Mannschaft. Diese hat, wie gesagt, bis auf einen Tweed von Boateng, der sich von einem Bruder mit den Worten verabschiedete, dass es ihm eine Ehre gewesen sei! Das hatte Stil, und vieles spricht dafür, das nicht nur der beste, vielleicht sogar der einzige Wunschnachbar eben dieser einstige Underdog aus dem armen Berlin sei. Aber der Rest? Der Kapitän? Wie die unsicheren Welpen haben sie sich unter dem Sofa versteckt. Der Spirit, den eine Mannschaft braucht, um erfolgreich zu sein, den lassen sie vermissen. Im alten Sprachgebrauch muss ihnen vermittelt werden, dass sie sich hündisch benehmen, auch wenn der Spezies mit diesem Bild etwas Unrecht getan wird.

Was lernen wir also, bereits in diesem frühen Stadium der Hundstage? Heult nicht mit den Wölfen, um als Hunde zu überleben!