Vielleicht zeichnet die Helden unserer Tage das Phänomen aus, nicht als solche sichtbar zu sein. Zumindest nicht der alten Glorie zu entsprechen, dass da jemand steht im Glanze seiner Persönlichkeit und im Glanze seiner Leistung und alle anderen Erdenmenschen überstrahlt. Die wahren Helden unserer Tage scheinen jene zu sein, die so sind wie wir, mit Fehlern und Macken, die aber trotzdem ein Selbstbewusstsein an den Tag legen, das seinesgleichen sucht.
Aus meiner Sicht War Tom Wolfe so ein Held. Ein ziemlich arroganter Allerweltsmensch, der es nötig hatte, sich wie ein Dandy zu kleiden und zu vermarkten, weil er sonst kaum Beachtung gefunden hätte. Wolfe war ein Repräsentant seines Jahrhunderts, weil er aus dem Journalismus kam und mit dem dort gereiften Stil zu einem Literat von Weltruhm wurde. Ja, er arbeitete sich auch als Journalist durch sein Leben, knallte der Bauhausarchitektur eins vor den Bug und berichtete von der LSD-Tournee im Magic Bus. Aber das, was für mich hängen bleiben wird als groß und großartig, das sind seine drei Großstadtromane.
New York City, Atlanta und Miami. Bonfire of Vanities, A Man in Full und Back to Blood. Der überzeugte New Yorker debütierte mit dem Roman über die Metropole New York, wo es reicht, sich nur einmal zu verfahren, um in einer Odyssee, einer Reise des Lernens durch Leiden, zu enden. Ganz in der Tradition des leibhaftigen Journalismus entstand das „Fegefeuer“ zunächst als Fortsetzungsroman in der New York Times und vieles, was dort thematisiert wurde, beunruhigte das Publikum, weil zeitgleich oder kurz darauf etwas in der Metropole geschah, das es so aussehen ließ, als verfüge der Autor über eine Art Geheimwissen. Wolfe reagierte mit einem Aufsatz unter dem Titel: Dichter in den Dreck! Er, der von der literarischen Nomenklatura als Journalist verhöhnte, schlug zurück und beschrieb das Profane als Quell der Erkenntnis.
A Man in Full zeigte weniger den Moloch Atlanta, als einen Ort der Deplatzierten, der quasi über Nacht mit der Gründung von CNN zur Fabrik der Weltmeinung gemacht wurde, aber ein provinzielles Hinterland bot, das frei von den politischen Virulenzen eines Washingtons war, aber reich an niederen Intrigen. Und dann Miami in Back to Blood, die sonnenbeschienene Fassade zwischen Age Belt, kulturellem Größenwahn, russischen Oligarchen und konservativen Latinos. Tom Wolfe wusste, wo der Rhythmus war, den das moderne Amerika bewegte und Tom Wolfe wusste, wo es richtig schmerzt.
Der kalt wirkende, immer in weiße Anzüge gehüllte Dandy, dessen Zeilen reich waren an Geist, Spott und manchmal auch Zynismus, dieser scheinbar kalte Mann war ein genialer Beobachter. Und ihm gab das, was er sah, auch zu denken und zu fühlen. Nur hatte er, der Journalist, einen Vorteil, den gerade seine Profession in guten Zeiten aufwies. Er machte sich mit keiner Sache gemein. Wolfe beobachtete, Wolfe beschrieb und Wolfe komponierte seine Texte. Was herauskam war genial, weil es ohne Belehrung auskam.
Seine Texte wirkten. Sie hatten gesellschaftliche Explosivität. Und sie trugen die Leserschaft durch eine klare, leuchtende, Erkenntnis fördernde Distanz. Tom Wolfe ist gegangen. Ins Pantheon des Journalismus. Kein schlechter Ort!

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