Archiv für den Monat April 2018

Indizien, Vermutungen und platte Lügen

Ja, hören Sie genau zu: einem Gerücht zufolge, vermeintlich, mutmasslich, vermutlich, wie aus unidentifizierten Quellen berichtet wird, einer Augenzeugenaussage zur Folge, das angenommene…! Das, was sich als Nachrichtensendung zur Zeit hierzulande ausgibt, hat sich zu einer Spekulationsbörse gemausert. Das Dumme bei der ganzen Angelegenheit ist nur, dass es bei dem ganzen Nebel um eine gezielte Kriegsvorbereitung geht. Zunächst aber, um eine der furchtbaren Formulierungen aus dem Politiktalk zu gebrauchen, geht es nur um den Nebel. Sieht man sich aber an, wie wirklich auf den Nebel politisch tatsächlich reagiert wird, so hilft nur noch eines: Die Gewissheit, dass ein Krieg vorbereitet wird. Oder genauer, der Krieg ist bereits seit langem im Gange, er soll nur ausgedehnt werden nach Europa. Mit von der Partie ist die Kanzlerin und mit ihr die komplette Regierung.

Alles fing an mit der Ente des Giftgasanschlages auf einen russischen Ex-Spion und dessen Tochter im britischen Salisbury. Bis heute blieb alles beim „vermeintlich, mit hoher Wahrscheinlichkeit, und einer erdrückenden Indizienlage.“ Bis heute liegen keine Beweise vor, ganz im Gegenteil, der Befund eines renommierten Labors entlastet Russland von dem Vorwurf der Provenienz. Dennoch weist die westliche „Wertegemeinschaft“ insgesamt 130 russische Diplomaten aus, mitten drin die Bundesregierung.

Der nun „wahrscheinliche, vermeintliche, unbestätigten Berichten“ zufolge erfolgte Giftgasangriff in Duma, Syrien, ist Anlass für die Äußerung der USA, sich Militärschläge vorzubehalten. Mitten drin: die Bundesregierung. Bestätigt ist nichts, und unwahrscheinlich ist nur eines: wieso sollte die syrische Regierung ausgerechnet in dem Moment Angriffe welcher Art auch immer lancieren in einem Gebiet, in dem die islamistischen Rebellen vollständige besiegt und vertrieben wurden?

Seit Donald Trump regt sich vor allem die deutsche Presse über den Terminus „alternativer Fakten“ auf. Für sie ist das unisono eine Aufkündigung des gesamten demokratischen Pressewesens. Neben alternativen Fakten haben sich in den letzten Jahren viele Fake News, also gefälschte Neuigkeiten, gemischt. Dass genau diejenigen Kreise, die gegen diese Entwicklung zurecht wetterten, sich nun für den Superlativ der Misere entscheiden und ihnen gar keine Fakten ausreichen, um sogar zu kriegerischen Handlungen aufzurufen, macht sie zu einem Phänomen. Die jahrelange Gehirnwäsche in den transatlantischen Think Tanks hat anscheinend gefruchtet. Wem dieses Geblubber reicht, um Kriege vom Zaun zu brechen, der hat einen Status zerebraler Verkommenheit erreicht, dem eigentlich ärztliche Behandlung gebührt.

Viel verstörender ist der immer noch zur Schau getragene Gleichmut in der Bevölkerung. Dass da an der Schraube gedreht wird, um einen Krieg anzuzetteln, ist den meisten klar, dass etwas dagegen getan werden muss, eher weniger. Ob Fatalismus, ob Ruhe vor dem Sturm, auch das bleibt eine Spekulation, auf die keine Zeit verschwendet werden sollte. Nur sollte deutlich sein, wer zu den Bündnispartnern gegen den Krieg gehört und wer nicht. Da sich, wie bereits in der Vorgängerregierung, niemand findet, der dem noch verbalen Terror die Stirn bietet, kann davon ausgegangen werden, dass sie alle ihr Plätzchen einnehmen werden, wenn es an die Waffen geht. Zumindest beim Beschluss dazu. Diejenigen, die in Zinksärgen nach Hause kommen werden, werden die ersten Zeugen für etwas sein, was vorher nur als Fake News von denen diskreditiert werden wird, die das Ganze verbockt haben. Aber die Indizien in den Särgen werden erdrückend sein und es sind Fakten, die niemand mehr leugnen kann.

Das Epos des Cervantes

Wie sähe es aus, gestünde man jeder Nation nur ein Buch zu, dessen Urheberschaft und Thematik genau das Naturell träfe, das den Charakter ausmacht? Mit der Odysee von Homer täte man Griechenland keine Gewalt an, ganz im Gegenteil, ein solches Epos hat, wie wir wissen, über viele Epochen Bestand. Schließlich ist das Leben ein allgemeines, von Imponderabilien durchkreuztes Abenteuer geblieben. Mit Shakespeares Hamlet und den traumatischen Folgen eines Königsmordes hat England ebenfalls einen großartigen Tribut an die Weltliteratur entrichtet genauso wie Deutschland mit Goethes Faust, in dem der Drang nach Wissen und Tabubruch an einen Deal mit dem Teufel erinnert. Und der Frage, wie logisch und folgerichtig ein Verbrechen sein kann und wie groß sich die Reue ausgestaltet, hat die russische Literatur mit Dostojewski bravourös beantwortet.

Die französische Literatur stellt da größere Rätsel auf, vielleicht, weil sie mit einer solchen Wucht in die Moderne drang und Balzacs Verlorene Illusionen, Hugos Elende oder Zolas Germinal quasi für die ganze Menschheit nach den Verdammten von Gestern und Herrschern von Morgen fragten. Irland hatte es wiederum leicht, ein Genius wie James Joyce machte mit Ulysses aus einem Kopf eine moderne Metropole und aus der Metropole wieder das Nervensystem eines Kopfes. Und die USA wiederum taten es, wie in vielem anderen, Frankreich gleich, und es stellt sich die Frage, sind es Steinbecks Früchte des Zorns, die Wirtschaftsflucht und Ausbeutung thematisieren, Ist es Thomas Wolfs You can ´t go home again, das die modernen, metropolitanen Nomaden beschreibt oder ist es John Dos Passos Manhattan Transfer, in welchem die Sinn- und Kulturbrüche des Molochs New York erzählt sind?

Wenn es ein Buch gibt, dass sowohl vom eigenen Land als auch von der übrigen Welt als das Buch dieses Landes bezeichnet wird, dann ist es das Epos des Don Quijote von Cervantes. Der erste Teil dieses erzählerischen Kolosses erschien 1605, der zweite 1615. Trotz der Jahrhunderte, die zwischen der Veröffentlichung und heute liegen, ist die Welt mit diesem Werk noch nicht fertig. Der Roman ist multi-dimensional, er ist eine Persiflage auf die damalige Ritter-Literatur, er ist eine Satire auf die Insignien der Macht, er ist eine Beschwerde gegen den Dünkel, er ist eine Warnung, die dünne Grenze zwischen Schein und Sein aus den Augen zu verlieren. Er ist aber auch eine Hommage an den praktischen Hausverstand des einfachen Volkes und die Heilkräfte wirtschaftlichen Denkens.

Mit dem Protagonisten Don Quijote schuf Cervantes jenen sich selbst überschätzenden Charakter, der es bis in unsere Tages als Phänomen geschafft hat und vermeintlich immer am großen Rad dreht. Und mit seinem Knappen Sancho Panza inthronisierte Cervantes die praktische Logik des arbeitenden Volkes, die sich immer blenden läßt von der Hierarchie, aber diese wieder zurecht stutzt, wenn sie mit dem Gift praktischer Fragen beschwert wird.

Wie alle Nationen, so ist auch Spanien stolz auf sein Buch, seine Erzählung am großen Erkenntnisprozess der Menschheit. So ist es kein Wunder, dass die Plaza de España, mitten in Madrid, eine große Säule zur Ehrung der Literatur an sich beherbergt, und zu ihren Füßen, als ginge es um einen jener Stürme auf die Windmühlen, die beiden berittenen Figuren des Cervantes unterwegs sind, mitten unter uns, als wüßten alle, dass Lug und Trug, der schöne Schein, aber auch das einfach Wahre unter uns weilt.

NO PASARÁN!

In Madrid, am Plaza Mayor, im Herzen der Stadt, läuft zur Zeit eine Ausstellung unter dem Titel: NO PASARÁN! Madrid 1936. Anhand von Fotografien, Tondokumenten und Plakaten werden jene 16 Tage zurück ins Leben gerufen, in denen General Franco die Hauptstadt, aus der die republikanische Regierung bereits geflohen war, einnehmen und die Macht an sich reißen wollte. Durch eine ungeheure Anstrengung aller demokratischen Parteien, der Zivilbevölkerung und Sympathisanten aus aller Welt gelang es, in sechzehn verlustreichen Tagen, das putschende Militär aus der Hauptstadt zu halten und die Hoffnung auf den Erhalt der 2. Republik, der Nińa Bonita, zu wahren. Was folgte, waren drei Jahre Bürgerkrieg, die durchaus als Prototyp der weiteren europäischen Geschichte bezeichnet werden können.

Die Ausstellung in Madrid zieht Tausende an, Alte und Junge stehen in der Schlange und selbst strömender Regen hält sie nicht ab. Wie können sechzehn Tage, die als Vorspiel des II. Weltkrieges bezeichnet werden müssen, heute noch eine solche Attraktion besitzen? Vielleicht ist es nicht nur das kollektive Gedächtnis einer Stadt, vielleicht ist es aber auch ein Gefühl, das die Aktualität dieser dichten Ereignisse so interessant macht.

General Franco erhielt nicht umsonst Unterstützung von den Herren Mussolini und Hitler. sie unterstützten ihn, auch mit Militärkraft, wobei die deutsche Legion Condor bis zum heutigen Tag eine traurige Berühmtheit in Spanien hinterließ, als sie im baskischen Guernica 1937 einen Wochenmarkt bombardierte und den Ort nahezu auslöschte. Da ging es nicht um eine militär-strategische Notwendigkeit, sondern um den Faktor der Demoralisierung. Der Faschismus testete im spanischen Bürgerkrieg seine Militärstrategie, so wie auf republikanischer Gegenseite versucht wurde, die Allianzen zu schmieden, die den drohenden Weltkrieg verhindern und den Faschismus bezwingen sollten. Da waren jene Internationalen Brigaden, zu denen sich Menschen aus der ganzen Welt gemeldet hatten und, wenn sie nicht fielen, einen Vorgeschmack bekamen auf die brachiale Seite des Krieges. Orwell, Hemingway, Reger und Kolzow waren nicht nur Zeitzeugen, sondern sie hinterließen auch Berichte, die bis heute unter die Haut gehen.

Und da war die glorreiche Sowjetunion, bereits unter der Ägide Stalins, die mit allerlei Teufeln paktierte und für das moralische Zerbröseln der republikanischen Front in hohem Maße mitverantwortlich war und ihre eigene Glaubwürdigkeit in diesem spanischen Bürgerkrieg dramatisch ramponiert hatte. Und dort, wo gerade eine elitär-katalanische Revolte im Gange ist, da mobilisierten Anarchisten Menschenmassen wie seitdem nie mehr in der Geschichte. Bonaventura Durruti, einer jener Volkstribune, die Hunderttausende in ihren Bann zogen, sorgte dafür, dass Barcelona als anarchistische Hochburg galt. Tatsächlich waren diese Anarchisten nicht weniger martialisch als der Rest. Bei jedem Ort, den sie einnahmen, begannen sie mit einem eindeutigen Ritual: Sie erschossen den Priester wie den Bürgermeister und verbrannten das Stadtarchiv, um die Buchführung über den Grundbesitz zu vernichten.

Madrid fiel zuletzt, und dort herrschte er dann, jener General Franco, bis er 1975 als alter Mann im Bett starb. Sein designierter Nachfolger, General Carrero Blanco, der für die Kontinuität der Diktatur stand, wurde kurz vor seinem Amtsantritt seitens der baskischen Untergrundorganisation ETA in Barcelona samt seiner Limousine über ein siebenstöckiges Haus gesprengt. Das war das Ende der Diktatur, was allerdings selten erwähnt wird. Betrachtet man die Massen, die in die Ausstellung drängen und sieht in ihre Gesichter, so kommt man zu dem hoffnungsvollen Schluss, dass manchmal doch mehr Wissen vorhanden ist, als in den Büchern steht.