Archiv für den Monat April 2018

Guernica

Ich ging noch zur Schule, da gab es so etwas wie den Radikalenerlass. Er verbot Lehrerinnen und Lehrern, sich politisch zu so genannten radikalen politischen Parteien zu bekennen. In erster Linie ging es um Kommunisten. In dieser Zeit erschien ein großes Poster, das Picassos „Guernica“ abbildete und die Textzeile trug: Der Maler dieses Bildes dürfte nicht an einer deutschen Schule unterrichten. Es spielte auf Picassos Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei an, ich weiß nicht einmal, ob es die spanische oder nicht sogar die französische war, da er ja in Paris lebte. Aber das war für mich nicht das Entscheidende. 

Wesentlich für mich war die Wirkung des Bildes auf mich. Damals im zarten Alter noch unbedarft vom Wissen über Symbolik und Produktionstechniken, traf das Bild mit seiner Aussage in mein Nervenzentrum. So abstrakt es ist, so gegenständlich ist es auch, so fragmentiert es zuweilen wirkt, so holistisch ist seine Aussage. Guernica, so stellte sich nicht nur damals, sondern immer wieder für mich in späteren Jahren heraus, Guernica ist das Bild meines Lebens.

Es steht für das Leiden, für das gemeinsame Interesse der Kreatur, dem zu entkommen, was als das Äußere, das Befremdende und Entfremdete, das Gewaltsame und das Destruktive steht. Trotz der Anklage gegen Faschismus, Diktatur und Gewalt inszeniert es den großen Gedanken gemeinsamer Kreativität und einer der Gattung innewohnenden Humanität. Ja, mögen sie sagen, was schreibt der denn da, und ja, das ist Guernica für mich, einen kleinen Autodidakten, der sich irgendwohin orientieren muss.

Mit dem Poster in meiner Schulzeit war es aber nicht getan. Einige Jahre später, ich war bereits Student, traf ich auf einer Fiesta an der baskischen Küste eine junge Frau, mit der ich mich anfreundete. Sie kam aus Gernika, wie es im Baskischen geschrieben wird, und sie nahm mich mit in ihre Stadt. Das Erlebnis dort werde ich nie vergessen. Die fragenden Blicke in ihrer Familie, die Gespräche, die Versöhnung, und dann, die Schulen und öffentlichen Gebäude, auf die bis heute die Schulkinder deutsche Flugzeuge malen, die schwere Bomben auf ihr Gernika abwerfen, auf eine kleine, brennende Stadt, in der fast alle auf dem Wochenmarkt sind und gerade ihr Leben verlieren.

Ich hatte also die Stadt gesehen, nach der Picasso sein großes Bild gegen den Krieg benannt hatte. Das Bild ließ mich nicht los und ich erfuhr zudem seine bewegte Geschichte. Es stand nämlich im New Yorker Museum of Modern Art, weil Picasso das so gewollt hatte. Später hat er testamentarisch verfügt, dass das Bild erst dann in seine Heimat, nach Spanien, dürfe, wenn dort eine Demokratie zuhause sei. So stand Guernica von 1939 bis 1981 in New York. Dann durfte es zurück.

Und alleine seine Rückkehr machte deutlich, wie eng die Beziehung einer demokratischen Öffentlichkeit und einem kollektiven Gedächtnis zu diesem Bild war. Als es in Madrid auf dem Flughafen ankam und von dort, verpackt, zum großen Prado gefahren wurde, standen Tausende am Straßenrand und winkten der Fracht zu! Und natürlich stand es zunächst im Prado, der großen musealen Adresse in Spaniens Hauptstadt, obwohl es dort als ein typisches Artefakt der Moderne etwas deplatziert war. 

Es gab immer wieder Versuche, das Bild in Baskenland, sprich nach Bilbao zu holen, weil es dort aus Sicht der Basken hingehört. Doch der spanische Zentralismus ist bis heute stark. Als ich kürzlich in Madrid war, suchte ich sofort den Prado auf, um endlich, endlich, nach Jahrzehnten mehr als einen Blick auf dieses Guernica im Original werfen zu können. Zu meiner Freude fand ich dort vieles, was mich tief beeindruckte, darunter die berüchtigte Schwarze Reihe Goyas, aber leider nicht Picassos Guernica. Ich musste lernen, dass es nun bei den Kunstwerken der Moderne zu sehen sei, in dem benachbarten Museo Reina Sofia.

Dort fand ich es dann, das Bild, das mich mein ganzes Leben bereits begleitet, immer wieder aufgrund einer ganz anderen Erfahrung, als Unikat in seiner Aussage so wuchtig wie eh und je, und werkgeschichtlich spannend wie ein Thriller. Es war wie Heimkehr, und dennoch hatte ich das starke Gefühl: Die Geschichte ist noch nicht zu Ende!

Die fünfte Kolonne und die Journaille

Wer die Zeiten nicht mehr kennt, der kann sich über die Auswüchse auch nicht sonderlich aufregen. Wer sie allerdings kennt und die Analogien leugnet, der arbeitet mit an dem großen Plan der Zerstörung. Es ist unglaublich, aber die bösen Bilder der alten Propaganda geistern durch den deutschen Journalismus, als wären sie nie weg gewesen. Irgendwie steckt hinter all dem Unheil der Russe, alle, die andere Interessen vertreten, sympathisieren mit dem Terrorismus und diejenigen, die anmahnen, einmal über bestimmte Zusammenhänge nachzudenken, bevor sie für militärische Aktionen plädieren, werden gleich als fünfte Kolonne bezeichnet. Spiegel online heute über die Linke: Putins Bollwerk in Berlin!

Es ist ein Denken in Freund und Feind, in Schwarz und Weiß. Wer nicht für uns ist, ist gegen uns und wer nicht unserem Weg folgen will, der ist nicht nur ein feindliches Element, sondern der ist uns auch moralisch unterlegen. Das Phänomen ist bekannt. Wer die positiven Werte einer Gesellschaft für sich reklamiert, der hat erst einmal die Nase vorn, der besitzt die Lufthoheit, wie manche Zyniker es gerne ausdrücken. Wenn die Propagandistin aus dem Verteidigungsministerium zum Halali bläst, dann natürlich im Rekurs auf unsere Werte.

Letztere sind, was die Kommunikation zwischen Mandatsträgern und Volk betrifft, längst auf der Strecke geblieben. Es mutet an, als sei die heimliche Erosion all dessen, was an Aufklärung innerhalb der Verfassung steckt, seit mittlerweile drei Jahrzehnten im Gange. Der Zeitraum ist nicht zufällig, sondern er geht einher mit der Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten. Fukuyamas Ende der Geschichte bedeutete auch, dass der Westen die Camouflage beenden konnte und die Pläne für ein großdeutsches Reich  zumindest einmal wieder zur Ansicht freigab. Jede Aggression Richtung Osten ist seitdem ein willkommener Anlass, sich einen Blick auf die begehrte Beute zu gönnen.

Wäre da nicht das Hindernis der eigenen militärischen Schwäche und die partielle Unkalkulierbarkeit vor allem des Bündnispartners USA. Im Krieg gegen Russland scheint er eine Bank zu sein, in Gesprächen über die Aufteilung der Beute ist er allerdings nicht mehr allzu freundschaftlich gesinnt. Es kann auch sein, dass die Liaison lediglich zu einem führt, nämlich der eigenen Vernichtung. Denn ohne eigene Streitkräfte, die den Namen verdienten, bleibt der Status eines Mündels. Und bei den geostrategischen Herausforderungen, vor denen das taumelnde Imperium USA steht, kann es schon passieren, dass die Sicherheit der Suprematie über Nacht dahin schwindet. Zumindest hinsichtlich eigener Bündnisbeschwörungen.

Aber sie reden weiter und lassen weiter schreiben, als hätten sie beim Stürmer ihr Handwerk gelernt. Als hätte es nie einen Antifaschismus und eine Friedensbewegung gegeben. Da kommen Fälscherrotzlöffel wie ein ehemaliger Verteidigungsminister, der über Betrug gestolpert ist, aus ihrem „amerikanischen Exil“ und fordern zum aggressiven Bruch des Völkerrechts und militärischen Interventionen in fremden Ländern auf. Und die Journaille – man entschuldige die Verwendung des Begriffes, aber auch der soll ja an die alten Zeiten erinnern – pimpt den Hallodri auch noch in die Schlagzeilen. Oder, wie eh und je, das berühmte Kontaminierungsorgan des Springerkonzerns zitiert Syrer, die darum betteln, militärisch viel stärker gegen ihr Land vorzugehen.

Das Volk sieht, nimmt man demoskopische Resultate als Indizien wahr, was da passiert. Es sieht die Degeneration der Medien zu Propagandaorganen und es sieht eine Politik, die nicht den Frieden will. Und es befürwortet beides nicht. Die einzige Spekulation, die momentan Spaß macht, ist die über den Zeitpunkt einer gewaltigen Opposition.