Archiv für den Monat März 2018

Erste Signale

Wie lange es auch mit dem Zustandekommen gedauert haben mag und wie lange auch Kanzlerin Merkel bereits regiert, es ist immer bezeichnend, welche Signale ein neues Kabinett in den ersten Stunden seiner Existenz sendet. Da kommen die Aussagen heraus, die den neuen Ministerinnen und Ministern als wichtig im Kopf sind. Und das wird ein Akzent sein, der wichtig bleiben wird bei der Weiterführung der Amtsgeschäfte. Dem Personal ist natürlich klar, dass das eigene Klientel eine Aussage erwartet, die im einvernehmen mit der gemeinsamen vertretenen Politik steht. Aber es wird ebenso erwartet, die kommende der Richtung der Politik zu zeichnen. Insofern kann das versammelte Volk dem Kabinett nur danken, denn was es zu hören bekam, sollte sorgfältig notiert werden. Im Grunde genommen bekam es die Kontur dessen, was es von der neuen Regierung zu erwarten hat.

Dass die CDU auf die so genannten rechten Ränder der Gesellschaft setzen wird, bekräftigte sie in eindrucksvoller Weise. Der neue Gesundheitsminister Jens Spahn provozierte mit einer Sarazin-Analogie: Wer Harzt IV bekomme, sei nicht arm. Flankiert wurde er von dem neuen Heimatminister Horst Seehofer, der das Wort des ehemaligen glücklosen Bundespräsidenten Wulf revidierte, der Islam sei ein Teil Deutschlands. Und die gerade vereidigte neue und alte Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen konnte gar nicht anders als sich in das Debakel der britischen Verschwörungstheorie um die Vergiftung eines ehemaligen russischen Doppelagenten mit der Sentenz zu begeben, sie fordere bedingungslose Aufklärung von Russland und unterstütze voll den Kurs von NATOs Stoltenberg, der seinerseits ein Delikt auf einer Parkbank im englischen Salisbury erschütternder findet als die völkerrechtswidrigen Militärschlage der Türkei in Syrien.

Der neue Außenminister Heiko Maas trat in dieser Causa etwas zurückhaltender auf und sprach mehr von gemeinsamen europäischen Anstrengungen zur Vermeidung amerikanischen Protektionismus. Es war kein offenes Bekenntnis zu dem Bellizismus seiner Amtskollegin, aber es ist zu erwarten, dass er ebenso murrend wie einst Steinmeier hinter dem Jauchewagen der Kriegspropaganda herlaufen wird. Und Hubertus Heil, der frisch gebackene Arbeitsminister, erschien auf einer Demonstration von Frauen für gleichen Lohn für gleiche Arbeit, um sie bei diesem Ansinnen zu unterstützen.

Es geht nicht darum, die einzelnen Aussagen zu diskutieren, sondern darum, sie zu protokollieren und daraus eine Kontur zu zeichnen. Und das ist sehr gut nach wenigen Tagen möglich. Die neue Bundesregierung wird weiterhin Teile der Gesellschaft sozial wie kulturell ausgrenzen wollen und die Spaltung der Gesellschaft in Über-Reiche und Allzu-Arme weiter treiben. Sie wird sich ungebrochen in die bellizistische Allianz des von den USA betriebenen Kurses gegen Russland einfügen und die Kriegsgefahr auch in Europa vergrößern. Da wird die eine oder andere Korrektur seitens der SPD-Ministerien nichts ändern. Wieso sich die Bewertung seitens der Wählerschaft daher wird ändern sollen, wird ein Geheimnis derer bleiben, die den Plan so umsetzten. Vielleicht ist es ihnen sogar egal?

Und sollte sich die eine oder andere Formulierung des Kabinetts als zu scharf beziehungsweise zu verwerflich erweisen, dann wird die Kanzlerin wie die Mutter der Nation in Erscheinung treten und suchen die erhitzten Gemüter zu beruhigen, wie in den Fällen Spahn und Seehofer bereits geschehen und vollzogen. Die zukünftige Politik ist bereits deutlich zu erkennen. Nach welchem Regiebuch sie verkauft werden soll, auch. Vieles spricht dafür, dass weitere wichtige Jahre der Selbstklärung dieses Staates sinnlos in den Gully gekippt werden.

Erfrischend umfassend

Jürgen Neffe. Marx. Der Unvollendete

Dass zu Karl Marx 200. Geburtstag zahlreiche Biographien und neue Werkausgaben erscheinen, ist kein Wunder. Noch vor zwanzig Jahren wäre die Situation eine andere gewesen. Da schien alles, was sich mit der Idee des Kommunismus befasste, aufgrund des Zusammenbruchs der Sowjetunion als ein uninteressanter Anachronismus. Wäre da nicht die Weltfinanzkrise 2008 gewesen, die dazu führte, dass die Schriften und Analysen des Karl Marx eine Renaissance erfuhren. Seitdem attestieren immer mehr Historiker, Ökonomen und Politologen dem deutschen Pholosophen, Ökonomen, Schriftsteller und Politiker eine wachsende Aktualität. Trotzdem tut sich die Rezeption nach wie vor mit ihm schwer, vor allem, weil sein umfassendes Werk vielleicht zu komplex ist, um mit einfachen Aussagen zu einem Resümee zu kommen.

Eine rühmliche Ausnahme bei der Sichtung der aktuellen Literatur macht dabei die Marx-Biographie des promovierten Naturwissenschaftlers, Philosophen und Politologen Jürgen Neffe. Unter dem Titel „Marx. Der Unvollendete“ brachte Neffe, der bereits durch Biographien über Albert Einstein und Charles Darwin von sich reden gemacht hat, ein 600 Seiten umfassendes Werk auf den Markt, dass sich den komplexen Herausforderung in vollem Umfang stellt.

Ohne auf die tatsächlichen biographischen Marksteine zu verzichten, gelingt es Neffe, das komplexe Werk des Karl Marx zu sezieren und in seinen bahnbrechenden Einzelteilen zu besprechen. Da sind dessen Analysen der klassischen deutschen Philosophie und der Transfer der Geschichtsphilosophie Hegels in die Moderne, die Nutzbarmachung der dialektischen Denkweise für das Zeitalter des Industrialismus und die Entwicklung des promovierten Juristen zu einem Redakteur und Politiker, der sich den Fragen der Zeit stellt und mit Werken wie dem „Kommunistischen Manifest“ und dem „18. Brumaire des Louis Bonaparte“ nicht nur einen politischen Erdrutsch bewerkstelligte, sondern es auch in den Kanon des Weltkulturerbes geschafft hat.

Und da ist der Autor des „Kapitals“, an dem er Jahrzehnte arbeitete und in dem er Erscheinungen wie Wirkungsweise des Kapitalismus in seiner Komplexität erfasste und erklärte. Dabei spart Autor Neffe nichts aus, so kompliziert es auch erscheinen mag. Weder der Doppelcharakter der Ware noch der tendenzielle Fall der Profitrate, das Doppelspiel von Gebrauchs- und Tauschwert wie die Eigendynamik des permanenten Wachstums und seine inhärente Tendenz zu weltumspannenden Krisen werden ausgespart. Selbst das erst viel später entdeckte und nur zögerlich veröffentlichte „Maschinenfragment“ (MEW, Bd. 42), in dem Marx die Entfremdung entschlüsselt und die Tendenz beschreibt, dass die Produktionsweise aus den humanen Subjekten Anhängsel und Objekte einer verselbständigten Maschinendynamik macht, finden Eingang in die biographische Betrachtung.

Dass dennoch die menschliche Komponente dabei nicht untergeht, spricht für die umfassende Sichtweise des Autors. Marx Unfähigkeit, selbst mit Geld umzugehen, die unzähligen familiären Tragödien, das lebenslange Exil und letztendlich die kongeniale Beziehung zu Friedrich Engels haben Platz in diesem Werk.

Insofern eignet sich „Marx. Der Unvollendete“ durchaus als Lektüre, um einen umfassenden und qualifizierten Blick für das zu bekommen, was einen kritischen Leser erwartet, wenn er sich der Entschlüsselung der Primärtexte stellt. Von der „Kritik der Hegel´schen Rechtsphilosophie“ bis zum „Kapital“, vom „Kommunistischen Manifest“, über den „Bürgerkrieg in Frankreich“, einer Auseinandersetzung mit der Pariser Kommune von 1871, bis hin zum „Maschinenfragment“, sind diese Schriften bis heute herausfordernd und erhellend. Und sie enthüllen, wie wenig Marx, der mit zunehmendem Alter immer mehr realpolitisch dachte, mit den Phantasten einer übereilten Revolution gemein hatte und wie große seine Aktualität ist, wenn es darum geht, die bestehende Welt zu entschlüsseln.