Archiv für den Monat März 2018

Der alte Westen ist nicht mehr

Der Westen hat seine Ordnung verloren. Mehr noch! Der Westen, so wie er sich im Jahr 1990 als Gewinner gegen den Osten in dem Wettstreit einer bipolaren Welt sah, ist nicht mehr existent. Statt einer Epoche jenseits der Geschichte, neu, frei und marktwirtschaftlich, schlitterte das politische System des Westens in die Neuaufteilung der globalisierten Welt. Und, siehe da, was dabei herauskam, waren imperialistische Machtspiele, wie sie archaischer nicht sein konnten. Heute steht der alte Westen gegen die ehemalige Sowjetunion.

Mit der Supermacht jenseits des Atlantiks, die schwer an strategischer Überdehnung laboriert, hat der europäische Westen keinen zuverlässigen Partner mehr. Seitdem die USA nicht mehr alleinige Weltpolizei spielen wollen und alle Kosten dafür tragen, kommt der europäische Westen immer mehr zu der Erkenntnis, dass er mehr Verantwortung übernehmen muss. Nur, für was?

Es wird tunlichst verschwiegen, worin die Verantwortung eigentlich besteht. Dabei ist die Beantwortung der Frage relativ einfach. Verantwortung im Sinne derer, die sie in diesem Fall fordern, ist die Parteinahme mit den USA gegen deren Gegner und für die damit verbundenen Ziele. Verantwortung heißt, der US-Diplomatie zu folgen, heißt Waffenlieferungen in die Länder zu gewähren, die im Interessenfeld der USA liegen, Verantwortung heißt, auch dort militärisch präsent zu sein, wo es die USA sind und Verantwortung heißt, das wichtigste strategische Ziel einer künftigen US-Weltherrschaft mit zu avisieren: Russland. Wer Zugriff auf die Ressourcen des so genannten Hinterlandes, sprich Russland, hat, der beherrscht die Welt, auch gegen ein mächtiges China. Das ist der Plot. Und das ist die Verantwortung, von der gesprochen wird.

Es stellt sich die Frage, ob es nicht schon längst zu spät ist, um einen Krieg gegen Russland zu verhindern. Die Zeichen stehen auf Sturm und die Abstinenz von politischer Bildung im Westen seit dem Jahr 1990 hat zur Folge, dass kaum noch jemand bemerkt, wie sehr die westlichen Propagandamaschinen laufen. Gegenwärtig sieht es so aus, als rege sich gegen die Aufrüstung gegenüber Russland, die bereits einem Aufmarsch gleicht, in den Zentren der Aggression kein Widerstand.

Schon die Stationierung von NATO-Raketen im Baltikum und in Polen wurde geschluckt, der inszenierte Bürgerkrieg in Georgien wurde hingenommen, der Putsch in der Ukraine ging durch und nun der Diplomatenkrieg. Das vermeintliche System der Rechtsstaatlichkeit wirft dem Beschuldigten vor, seine Unschuld nicht bewiesen zu haben. In jedem Amtsgericht würde eine solche Argumentation zum Abbruch des Verfahrens führen, aber hier, bei der Wertegemeinschaft, müssen Beschuldiger nichts, die Beschuldigten aber alles beweisen.  Es ist ein Elend, es ist ein Malheur, aber der alte, uns so vertraute Westen existiert nicht mehr.

Und die neue, freie Welt, bewegt sich in den Worthülsen der alten. Das macht es ihr möglich, ihren monströsen Charakter für eine Weile zu verbergen. Die Neuaufteilung der Welt, deren nur noch mit Ekel kommentierbare Spaltung der Menschheit in astronomisch reich und bettelarm, die Enteignung aller, wirklich aller natürlichen Ressourcen durch diese astronomisch Reichen und die Durchsetzung ihrer Interessen mit Kriegen, egal was sie kosten und egal, wen sie das Leben kosten.

Wir sollten uns verabschieden von einem Diskurs, der dieser Gesellschaft gar nicht mehr gerecht wird. Es geht schon lange nicht mehr um zivilisatorische Werte. Es geht um Macht und Besitz. Alles andere ist Schmu.

Eine symbiotische Zukunft mit der Künstlichen Intelligenz?

Dan Brown. Origin

Manche Autoren wissen, was die Gemüter bewegt. Dan Brown ist so einer. In seinen bisherigen Bestsellern ging es immer wieder um Verschwörungstheorien, die zwischen historischen Möglichkeiten und überspannter Spekulation waberten, aber so konstruiert waren, dass die eingepflanzten Fakten immer wieder die Erwartung nährten, dass an der ganzen Konstruktion doch etwas Wahres sein könnte. Dass Brown mit seinem neuesten Buch, Origin, ein Thema ausgewählt hat, das zeitgenössischer nicht sein könnte, spricht für seine Courage. Dass Brown in der Lage ist, spannende Bücher zu verfassen, hat er hinreichend bewiesen. Dass er sich nun als Sujet die Künstliche Intelligenz ausgewählt hat, verlangte, dass er weiß, worüber er schreibt. Das hat er mit dem vorliegenden Buch bewiesen.

Von der Konstruktion greift er auf alt Bewährtes zurück. Natürlich spielt der amerikanische Wissenschaftler Robert Langdon eine zentrale Rolle. Und natürlich stellen ihm die Ereignisse eine junge Schöne an die Seite, mit der er durch die thematische Odyssee läuft. Schauplatz ist Spanien, ein Land, das eine gewaltige obskurantistische Vergangenheit von der Inquisition bis zum Faschismus hinter sich hat, wo aber auch unübersehbare Signale in die flackernde Moderne ausgesendet wurden. So ist es kein Wunder, dass der Ausgangsort des spannungsgeladenen Buches das Guggenheim Museum in Bilbao ist. Dort will ein Computerwissenschaftler von Format eine Erkenntnis präsentieren, die nach seiner Meinung das Denken der Menschheit grundlegend verändern wird. Als es soweit ist, wird er während seiner Präsentation liquidiert.

Die Suche nach den Tätern führt in ein Labyrinth, in dem sich reaktionäre Katholiken, das spanische Königshaus, Vertreter des Klerus und eine Maschine bewegen. Die Maschine ist der Clou. Bei ihr handelt es sich um eine neue Variante der Künstlichen Intelligenz, die lern- wie sprachfähig ist. Dass der ermordete Wissenschaftler ihr Meister ist, versteht sich nahezu von selbst.

Thematisch geht es in dem Buch um die zentralen Fragen der Menschheit: Woher kommen wir und wo gehen wir hin. Die präsentierten Theorien sind solide recherchiert und bergen, sowohl im Blick auf die Vergangenheit hohe Brisanz. Es geht um die Entstehung von Leben und eine Prognose auf die Zukunft. Es wird aufgeräumt mit der Vorstellung eines Schöpfers und es wird mit statistischen Erhebungen hoch gerechnet, dass der Homo sapiens nur noch als Symbiose mit Maschinenintelligenz eine Zukunft hat.

Die Thesen werden dialogisch aufbereitet und sind teilweise sehr detailliert, sodass festzustellen ist, dass sich diese Passagen, ohne die der Handlungsstrang nich weiter verfolgt werden könnte, gelesen werden müssen, was sicherlich einen Teil der Leserschaft sehr beansprucht. Letztendlich endet die Erzählung nicht in einem Konvolut von Verschwörungen. Alles löst sich auf, was aber bleibt, sind die verstörenden Thesen. Mit ihnen muss sich die Leserschaft selbst auseinandersetzen. Die Zukunftsprognose ist letztendlich offen. Nicht im Sinne einer Zurückweisung der Rolle Künstlicher Intelligenz. Aber in der Frage, ob die Symbiose zwischen dieser und der menschlichen Gattung zu Gutem führt, oder ob die Gattung den Überblick verliert und untergeht. Eine Frage, die sich viele Menschen in diesen Tagen stellen.

Ein lesenswertes Buch, bei dem das vertraute Marketing und die bekannten Rollen nicht stören.