Hegel und der Frühling

In früheren Zeiten und heute noch in bestimmten Gegenden gilt der Frühling als das Maß des Lebens. Die Frage dort lautet: Wieviel Lenze? Es heißt, die Anzahl der Frühlingsperioden, die ein Mensch durchschritten hat, sind die relevantesten der Jahreszeiten. Obwohl diese Zählweise nicht aus der Moderne stammt, sondern auch in der Diktion eher antik wirkt, überbietet sie den momentanen Zeitgeist um Welten. Das permanente Stöhnen über Unsicherheit, die suizidale Paarung mit konstruierter Komplexität und die grassierende Unfähigkeit, sich an kleinen Dingen zu erfreuen, haben einen Zeitgeist produziert, der an keiner Stelle dem Gefühl des Frühlings entspricht.

Frühling, das ist die Zeit des Erwachens, das ist das Gefühl der wachsenden Kräfte, das ist Licht. Es sind Mächte, die mit dem Aufbruch im wahren Sinne des Wortes korrelieren und die stehen für den Abschied von dem Unrat der alten, kalten Zeit und stehen für das Quirlige, Unerwartete und das Neue. Das war immer so, und das ist auch epochal belegbar. Biologisch findet der Frühling jedes Jahr statt, epochal lag er, zumindest bei unserer Zeitrechnung, zuletzt in der Aufklärung und der Vorbereitung der Moderne. Es hat keinen Zweck, weitere Epochen zu prognostizieren, aber es ist ermutigend, den Moment zu feiern.

Es ist längst an der Zeit, sich über positive Perspektiven zu streiten als über negative Szenarien zu jammern. Wer will schon ewig im Halbschatten der düsteren Vision sein Dasein fristen? Viel zu viele, werden manche sagen, und sie haben natürlich Recht. Aber es führt nicht weiter. Sicher existiert konkret in unserem Kulturkreis, über den so gerne, auch in diesen Tagen, gestritten wird, eine ausgeprägte Affinität zu einer sehr negativen Sichtweise. Seit Jahrzehnten gewannen Parteien im politischen Wettstreit beachtliche Ergebnisse, wenn sie den Widerstand gegen Veränderungen ankündigten oder Sicherheit versprachen. Stillstand und Sicherheit, sicher keine Attribute des Lebens, genau genommen marmorne Zeugen des Todes. Wer absoluten Stillstand und einhundertprozentige Sicherheit genießt, der weilt längst nicht mehr auf der Erde, wie wir sie heute erleben.

Und da der Tod keine Perspektive bietet, schon gar nicht an einem Datum wie diesem, ist es folgerichtig, auf die Essenz des Frühlings als individuelles Motto wie als politisches Konzept zu verweisen. Im Frühling müssen wir planen, was wir mit den Ressourcen, die uns zur Verfügung stehen, in diesem Jahr erreichen wollen. Quantitativ wie qualitativ. Der Frühling ist nicht nur die Zeit, um sich über ein sich wiederholendes Ritual Gedanken zu machen, sondern der Frühling ist die Zeit, darüber zu räsonieren, was sich ändern soll und muss. Und nicht nur darüber zu räsonieren, sondern sich auch zu entschließen.

Mit dem heutige Tag ist diese Zeit wieder einmal angebrochen. Es empfiehlt sich, seiner eigenen Maxime zu folgen und den Aufbruch zu wagen. Es empfiehlt sich ebenso, das täglich Gehörte und Gesehene nach diesem Kriterium zu beurteilen. Einfach einmal die ausgetretenen Pfade meiden und einfach einmal den Unmut darüber äußern, was zu Passivität und Depression treibt.

Es ist die Zeit, in der die Vernunft bereit ist, herunter auf die Welt der Menschenkinder zu kommen. Es ist die Zeit Hegels, in all ihrer Komplexität. Denn, wie wir wissen, alles, was ist, ist vernünftig. Und im Frühling, da wissen wir etwas mehr: Alles, was vernünftig ist, muss sein!

4 Gedanken zu „Hegel und der Frühling

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  2. Avatar von Alice WunderAlice Wunder

    Ich hab grad das Gefühl, wegen genau solcher Schlusssätze meinte mal jemand, Hegel gehöre mal ordentlich vom Kopf auf die Füße gestellt.

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