Wir waren auch schon einmal weiter. Vor nunmehr mehreren Jahrzehnten, als sich die Republik in einem Aufbruch wähnte, wurde schnell deutlich, dass eine verstärkte Partizipation besondere Erkenntnisse benötigt. Dem Satz „Mehr Demokratie wagen“ folgten sehr reale Schritte dessen, was heute als Empowerment beschrieben werden würde. Es ging nämlich darum, diejenigen, die man am politischen Diskurs beteiligen wollte, dazu zu befähigen, das auch tun zu können. Oder anders herum: Es ging darum, Methoden zu entwickeln, die denjenigen, die durch besonderes Temperament, eine außergewöhnliche Rhetorik oder eine große Durchsetzungsfähigkeit Entscheidungsprozesse immer dominierten, in eine Disziplin zu bringen, in der auch die etwas weniger Exponierten zu Wort kamen. Das hörte sich zunächst leicht an, war schwer, aber letztendlich möglich und führte zu einer Periode von Beteiligung, auf die man aus heutiger Sicht etwas wehmütig zurückblicken muss.
Eine dieser Methoden waren die so genannten Moderationstechniken, die es ermöglichten, eine auf Partizipation angelegte Gruppe methodologisch eng zu einem konkreten Ergebnis zu führen, ohne dazu verführt zu werden, diesen Prozess inhaltlich manipulieren zu können oder zu wollen.
In der Regel fing es damit an, die Gruppe zu der Eingangsfragestellung zu befragen und sie auf Karten schreiben zu lassen, was sie zu dem Thema bewegte. Es folgte das Clustern der eingegangenen Karten nach begrifflicher Nachbarschaft und die Findung von Arbeitstiteln. Letztere wiederum wurden priorisiert und dann nach Priorität bearbeitet. Das wiederum streng nach dem Schema: Problembeschreibung, Lösungsansätze und mögliche Widerstände. Nach der Präsentation dieser Ergebnisse entstand dann in der Regel eine To-Do-Liste, auf der zu lesen war, Wer, Was, bis Wann zu erledigen hatte.
Auch aus heutiger Sicht ist es immer wieder erstaunlich, welche Ergebnisse nach dieser Methode in relativ kurzer Zeit zustande kamen und welche Qualität von Veränderung dadurch erzielt werden konnte. Menschen, die sich dieser Methode verschrieben hatten und derartige Prozesse moderieren konnten, gingen damit durch die Hohe Schule der Meinungsfindung und fanden sich nicht selten nach einiger Zeit in Führungspositionen wieder.
Doch dann stockten die Reformen insgesamt und es begann ein praktisch folgenloser, aber gesellschaftlich anerkannter Prozess der babylonischen Auseinandersetzung. Der partizipativen Methode der Moderation folgte ein Prozess der öffentlichen Geschwätzigkeit mit der furchtbaren Waffe, diese Settings, die aus der amerikanischen Talk-Show kamen, auch als Moderation zu bezeichnen. Plötzlich konnten jede und jeder moderieren, unabhängig von ausgewiesenen methodologischen Fähigkeiten und Fertigkeiten. Seitdem nennen sich viele Moderatoren, die keinen Begriff davon haben, was eigentlich von ihnen erwartet wird.
Aus heutiger Sicht betrachtet war die Zeit des partizipativen Diskurses qualitativ hochstehender als das, was aus der öffentlichen Behäbigkeit, die, wenn es gut läuft, übrig bleibt, aus den Diskussionen mit den halbseidenen Moderatorinnen und Moderatoren herauskommt. Da wird ein bisschen mit dem Hexenhammer der puritanischen Inquisition gewunken, da werden die Tabus der Hochmoderne aufgezeichnet, die nicht schnittiger daher kommen als ihre antiken Vorfahren und da wird letztendlich das als Konsens propagiert, was vorher bereits als herrschende Meinung feststand.
Ja, auch die Formen der Interaktion lassen Schlüsse zu auf deren Inhalte. Dort, wo die Demokratisierung des Gesprächs durchgesetzt werden muss, regte sich immer großer Widerstand derjenigen, die es gewohnt waren, zu dominieren. Dort, wo es gelang, den Stilleren mehr Raum zu geben, waren die Ergebnisse umso beredter.

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Sehr interessantes Thema und Kern öffentlichen Dialogs.
Wer sich zurück erinnern kann, denke z.B. an den „Internationaler Frühschoppen“ (1953-1987): voller Geist und Würde, verglichen mit dem chaotischen „Sandkasten“ z.B. der Maischberger. Heutige Dialoge verkommen zu Debatte und erinnern an mittelalterliche „Gottesurteile“, wo die Wahrheit im tödlichen Duell gefunden wurde, lol
Ich erinnere an ein Standardbeispiel: 1986 kritisierte der Vorsitzende der Jungen Union Bayern F:J.Strauss. Grund war der Glückwunsch an den wiedergewählten Präsidenten Südafrikas Botha war ein absoluter Verfechter des Apartheid. Der Vorsitzende wurde aus der CSU ausgeschlossen. Das ist parteiinterne Demokratie heute.