Archiv für den Monat Januar 2018

Siehst du all die Sternlein stehen?

Heinrich, ein so genanntes Original in meiner Heimatstadt, pflegte, wenn die meisten bereits schliefen, durch die leeren Straßen zu ziehen und laute Gespräche mit sich selbst zu führen. „Siehst du all die Sternlein stehen, oben dort am Firmament?“ war einer der Sätze, die er immer wiederholte. Aber er beschränkte sich nicht darauf. In die bekannte Struktur seiner Ausrufe mischte er immer wieder hoch brisante, ja politische Aussagen ein, die es in sich hatten. Dann konnte schon mal die Frage kommen „Und wen hat der Führer mit einem so schönen Auftrag bedacht?“. Wer damit gemeint war, das wusste jeder, denn es handelte sich um einen Fabrikanten am Ort, der sehr schnell seine Produktion auf kriegstaugliches Material umgestellt hatte. Aber nach einer solchen Aussage kam dann wieder ein Satz wie „Machorka! Machorka Jungs, das befreit die Seele!“ Dabei handelte es sich um russische Zigaretten, wenn man von der Brisanz absieht, dass Heinrich das wohl von den russischen Kriegsgefangenen wusste, die zu Kriegsende in besagter Fabrik arbeiten mussten.

Das Schicksal Heinrichs hat sich mir nie geklärt. Ich wusste, er hauste in einer alten Lagerhalle. Alle kannten ihn, und er gehörte einfach zum Stadtbild. Aufgrund seiner nächtlichen Ausrufe konnte man schließen, dass er über Bildung verfügte und gesellschaftliche Zusammenhänge durchschaute. Was ihn aus der Bahn geworfen hatte, darüber gab es nie Auskünfte. Aber es ist sicherlich keine Spekulation, die zu weit geht, dass es etwas zu tun gehabt haben muss mit Faschismus und Krieg. Später, als wir uns einmal trauten, Heinrich direkt anzusprechen, ließ er mehr seiner Geisteskraft aufblitzen, aber immer, wenn wir dachten, wir hätten ihn in einem rationalen Dialog, zog er sich blitzschnell auf das Sonderbare zurück und begann zu deklamieren: „Jedes Seelchen, sehnt sich nach nem Sternchen, oh Baby, das wird dir der Herr doch noch gewähren! Machorka, Towarischi!“

Heinrich war nicht der einzige dieser Art. Da gab es noch Arthur, der nachts über den Friedhof lief und heulte wie ein Hund. Sein Schicksal war jedoch den meisten Mitmenschen klar. Er hatte die zwölf Jahre der Diktatur in KZs überlebt, weil er zufällig einen seltenen Nachnamen trug, den auch eine Nazi-Größe hatte. Das hatte ihn immer wieder vor der Exekution bewahrt, aber nicht am Gesamtschicksal. Und dann war da noch Gras Grün, der immer alte Zeitungen sammelte, um sie dann zum Verkauf anzubieten, als wären es neue. Von bürgerlichem Namen hieß er Valentin und war Verleger gewesen, bis sein Besitz arisiert wurde. Wieso er immer noch oder wieder in der Stadt war und noch lebte, lässt sich nur vermuten. Sicher ist, dass einige Bauern aus dem Umland jüdische Mitbürger über Jahre vor dem Zugriff durch die Nazis versteckt hatten. Da war auch ein später sehr bekannter Mann dabei, deshalb wurde diese Tatsache bekannt und dokumentiert. Die Bauern nannten ihn Männken Spiegel, er war Viehhändler gewesen und allein die Tatsache, dass sie ihm halfen, war ein Sachlage ins Gesicht derer, die gerade die jüdischen Viehhändler so verunglimpft hatten.

Wenn ich die Erinnerung bemühe, dann fallen mir immer mehr Personen und Dinge ein, die dazu geeignet sind, im eigenen, kleinen Mikrokosmos nach den vielen Indizien zu suchen, die ein Geschichtsbild ausmachen. Ich möchte dazu ermuntern. In die eigene Erinnerung zu schauen. Die Welt liegt im Detail!

Europas Unwucht

Robert Menasse, Die Hauptstadt

Zweifelsohne gehört Robert Menasse zu den wenigen deutschsprachigen Schriftstellern, die es verstehen, den Konnex von konkreter Biographie mit dem gesellschaftlichen Gesamtschicksal herzustellen. Nahezu alle Romane, die er bis heute geschrieben hat, haben etwas mit mit dem Menschen, seinen konkreten Erfahrungen und Geschichten und dem Entwurf zu tun, den eine Gesellschaft auf der Metaebene für sich formuliert. Das ist nicht einfach, und deshalb kann sich die zeitgenössische deutschsprachige Literatur glücklich schätzen, jemanden wie Robert Menasse zu haben.

Für seinen jüngsten Roman mit dem Titel „Die Hauptstadt“ erhielt Menasse den Deutschen Buchpreis 2017. Die dadurch erzeugt Aufmerksamkeit hilft dem Roman am Ladentisch. In den Fresszetteln zum Buch steht immer etwas von dem Brüsseler Roman, was suggeriert, dass Brüssel die Hauptstadt Europas sei, in der die Handlung spielt. Doch Menasse wäre nicht Menasse, wenn diese Idee mit all ihren Brüchen im Gewebe der Erzählung nicht zum Schafott gebracht würde.

Die Leserschaft erfährt in diesem Werk, das über verschiedene, von einander unabhängige Handlungsstränge verfügt, die Geschichten einzelner Individuen wie die einer gesamten Bürokratie. Da sind die heute so genannten Player in dem gewaltigen bürokratischen Apparat, der die Geschicke Europas lenkt. Menasse gelingt es, Motivationslagen, Karrierepfade wie Grenzen der Prototypen spielerisch aufzuzeichnen.

Aber da sind auch die Outcasts, von deren Existenz man in der großen Administrationsmaschine kaum weiß. Wie die des ehemaligen Auschwitz-Insassen De Vriend, der als alter Mann seine Brüsseler Wohnung verlässt und in ein Seniorenheim umsiedelt. Oder der zu einem Kolloquium eingeladene emeritierte österreichische Professor, der sehr wohl begreift, dass er in den Augen der Europolitik eine belächelte Figur ist, der es sich aber nicht nehmen lässt, in seinem Auftritt die Seichtheit des Brüsseler Mainstreams zu entlarven. Von ihm stammt auch der provokative Vorschlag, eine neue europäische Hauptstadt zu bauen. Und da ist der Brüsseler Kriminalkommissar, der von einem Mordfall abgezogen wird, den es nicht gegeben haben darf, weil sich ein polnischer Geheimdienstkiller des Vatikans sich einfach nur vertan hat.

Das Realistische an dem Roman „Die Hauptstadt“ ist die Koexistenz unterschiedlicher Welten und Wertesysteme, die sich zufällig kreuzen und bei deren Treffen eine besondere Dynamik entwickeln, die aber nicht unbedingt planbar ist. Das ist so, wie das Leben spielt. Was sehr deutlich wird, ist die Fokussierung des Autors auf den Bruch zwischen unterschiedlichen Lebenserfahrungen und dem, was sich da als der europäische Alltag entrollt. Gut ist, dass er nicht in den Fehler verfällt, die Unzulänglichkeiten der jungen, dynamischen Bürokraten dafür verantwortlich zu machen, sondern das konstruiert Traditionslose.

Wenn der Roman eine Botschaft an die europäische Idee hat, dann ist es der Hinweis auf die Identifikationsmisere. Immer wieder sind die Akteure des Romans auf der Suche nach einem Begründungszusammenhang für das europäische Projekt. Mal hat es mit den Verheerungen von Auschwitz zu tun, mal ist es die schlichte Inkongruität zwischen nationaler Existenz und der Notwendigkeit, supra-national zu handeln.

Menasses Roman ist ein großer Wurf. Dass er, eher kokett, in seinem Konstrukt auf das Edelbruchstück der literarischen Moderne, Musils „Mann ohne Eigenschaften“ verweist oder sich dessen bedient, ist nachvollziehbar wie zu verzeihen. Wer sich nicht an Großem orientiert, schafft nichts Großes. Vielleicht noch ein Argument für Europa und die Lektüre des Romans.