Archiv für den Monat Januar 2018

Zur Pädagogik des Wandels

„Ich kenne die Weise, ich kenne den Reim, ich kenn auch die Herren Verfasser. Sie tranken heimlich Wein und predigten öffentlich Wasser.“ Mit dieser Zeile hat Heinrich Heine im Grunde genommen alles gesagt, was in Bezug auf die Glaubwürdigkeit auf das Leitungspersonal gesagt werden muss. Egal, in welcher Konstellation. Es muss allerdings präzisiert werden, dass der Anspruch, der sich daraus ableiten lässt, nur in Gesellschaften gilt, die sich auf Aufklärung und Demokratie berufen. In autokratischen und theokratischen Gesellschaften müssen die Herrschenden dem Volk nichts beweisen. Alles, was sie tun, ist höheren Ortes legitimiert. Aber dort, wo täglich die demokratischen, aufgeklärten Werte hochgehalten werden, gilt der Anspruch besonders.

Zu dem Anteil an Demokratie gesellt sich mit der Aufklärung und der Explosion des Wissens, der Professionalisierung der Forschung und der Industrialisierung die permanente Anforderung, die soziale wie wirtschaftliche Organisationen zu verändern. Der so viel beschworene wie gepriesene Wandel ist zu einer beständigen Erscheinung geworden. Und in Prozessen des Wandels werden immer wieder neue Erfordernisse an entsprechende Veränderungen im menschlichen Verhalten und Handeln formuliert. Diejenigen, die diese Erfordernisse aussprechen und die dezidiert die Verantwortung für den Veränderungsprozess tragen, sollten sich dessen bewusst sein, dass besonders in Veränderungsprozessen von allen Beteiligten genau beobachtet wird, wer sich an die neuen Regeln hält, wer dagegen opponiert und wer nur vortäuscht, sich dem Neuen anzuschließen.

Die Geschichtsbücher sind voll von gescheiterten Veränderungsprozessen. Und sie scheiterten, weil sich die jeweiligen Führungskräfte entweder schon während des Prozesses nicht daran hielten oder weil sie später, sukzessive noch schlimmer wurden als jene Akteure, die sie einmal ablösen wollten. Gut in Erinnerung ist hierzulande noch ein Kanzler, der als Bild in der Öffentlichkeit immer als übergewichtiger Mann mit einer Zigarre im Mund erschien und mit Parolen wie „Maß halten“ und vor allem „den Gürtel enger schnallen glänzte“. Und die kommunistische Weltbewegung kann ein ganzen Liederbuch damit füllen, wie aus Zarenmördern neue Zaren wurden und was George Orwell in seiner „Farm der Tiere“ so auf den Punkt gebracht hat: die Restauration der Verhältnisse durch diejenigen, die sie verändert haben.

Bevor dieses jedoch geschehen kann, ist es ratsam, sich die Akteure von Veränderungsprozessen genau anzuschauen und offen in einen Diskurs über ihr Verhalten zu treten. Ist das, was sie machen, den Zielen dienlich? Führt es zu einer tatsächlichen Veränderung der Verhältnisse? Gegen welche Widrigkeiten haben sie selber dabei zu kämpfen? Was fällt ihnen selbst besonders schwer und was geht leicht von der Hand?

Eines ist sicher: Wenn sich die Protagonisten von Veränderungsprozessen nicht auf eine Diskussion dieser Natur einlassen, sondern nur in einer Diktion auf der Metaebene von den Zielen des Wandels schwafeln, dann haben sie sich den Wein bereits eingeschenkt. Er sei ihnen gegönnt, aber das Recht auf die Regie des Wandels haben sie dadurch verwirkt.

Es existiert so etwas wie die Pädagogik der Veränderung. Dazu gehört, tatsächlich das, was man von anderen fordert, auch selbst zu tun. Dazu gehört auch eine starke und auch praktisch demonstrierte Fehlertoleranz, denn wenn der Weg neu ist, werden Fehler gemacht und es ist notwendig, aus den Umständen, die diese Fehler hervorbringen, zu lernen und nicht die Akteure zu beschädigen. Das heißt also, eine starke Solidarität von oben nach untern muss beobachtbar sein. Ist beides nicht vorhanden, sollte schnell und trocken bilanziert werden, dass es sich um einen fehlgeschlagenen Versuch gehandelt hat.

Die Kultivierung von Mafia-Methoden

Die strikte Rekonstruktion von Ursache und Wirkung verhilft das eine oder andere mal zu sonderbaren Einsichten. Es hilft, die Trennlinie von Schein und Sein schärfer zu ziehen. Ein Beispiel dafür ist aktuell. Der geschäftsführende Außenminister Sigmar Gabriel empfängt den türkischen Außenminister bei sich zuhause in Goslar und spricht von einer Normalisierung des derzeit belasteten Verhältnisses zwischen Deutschland und der Türkei.

Um noch einmal in das vielleicht etwas ramponierte Gedächtnis zurückzurufen: Die Türkei hat, nach dem vermeintlichen Putschversuch vor zwei Jahren, einen rasanten Kurs auf einen totalitären Staat genommen. Die Unabhängigkeit der Justiz wurde liquidiert, die in Teilen freie Presse wurde zerschlagen, Armee wie Bildungsinstitutionen wurden gesäubert und Hunderttausende verschwanden ohne Prozess in Gefängnissen. Es wurden völkerrechtswidrige militärische Vorstöße auf syrisches Territorium unternommen und Bombardements auf kurdische Städte auf eigenem Territorium durchgeführt.

Als Vertreter der Bundesrepublik sich erlaubten, Kritik an diesem Kurs einer Faschisierung zu üben, begann das Regime Erdogans, deutsche Staatsbürgerinnen und Staatsbürger als Geiseln zu nehmen. So verschwanden vornehmlich türkischstämmige Journalisten mit deutschem Pass hinter Gittern. Das erregte hierzulande großes Aufsehen und erhitzte die Gemüter besonders. EU-gesteuerte Sanktionen führten dazu, dass sich die Türkei wirtschaftlich zunehmend auf einem nach unten zeigenden Kurs befinden. In diesem Kontext ist die eine oder andere Entlassung von widerrechtlich Inhaftierten zu sehen.

Nun wird gerade letzteres als ein Kurswechsel der Türkei von deutscher Seite gepriesen. Eine derartige Einschätzung ist eher als ein Indiz der Sinnestrübung als ein politischer Erfolg zu werten. Man kann und muss es andersherum sehen: Um die deutsche Seite wieder an den Verhandlungstisch zu bekommen, wurden deutsche Staatsbürger als Geiseln genommen. Deren Freilassung wird jetzt zu dem Preis einer Normalisierung des Verhältnisses vollzogen. Das heißt, der Kurs auf den Totalitarismus hat keine Relevanz mehr bei den deutsch-türkischen Beziehungen. Vielmehr scheint nun auch der Außenminister zu glauben, die Lösegeldzahlungen an ein totalitäres Regime seien eine besonders smarte politische Aktion. Und um das zu demonstrieren, lädt man einen der Geiselnehmer auch noch zu sich nach Hause ein.

Diese Geschichte fordert nahezu weitere Fragen heraus, deren Beantwortung nur in einem Orkan der Verzweiflung enden kann. Glaubt der Außenminister tatsächlich, die Türkei ändere ihren Kurs? Wenn ja, ist er ein Sicherheitsrisiko für alle Beteiligten. Sieht die mediale Öffentlichkeit die Angelegenheit genauso wie der Außenminister? Vieles spricht dafür, denn kritische Nachfragen blieben bis jetzt aus. Wenn das so ist, so erhärtet sich der Verdacht, dass die vierte Gewalt zu einem Regierungsorgan verkommen ist. Und, last not least, wie reagiert die türkische Community in Deutschland darauf? Was sagen die Erdogan-Unterstützer, und was seine Gegner? Momentan scheint beide Seiten die Leichenstarre zu beschleichen.

Was im Grunde in der öffentlichen Wahrnehmung als ein positives Zeichen für die Lernfähigkeit des türkischen Regimes gehalten wird, ist von seinem Kern her eine Kultivierung von Mafia-Methoden. Geiselnahme durch kriminelles Handeln, Verhandlungspartner werden an den Tisch gezwungen, die Art und Höhe der Zahlung bleibt im Verborgenen, politisch wird die Nötigung als Erfolg verkauft und der Delinquent in seinem Vorgehen bestärkt.

Die Naivität ist niederschmetternd. Bleibt abzuwarten, wann die nächsten Geiseln fällig sind. Und bleibt abzuwarten, welcher Preis dann gefordert wird.