Archiv für den Monat Januar 2018

Die Merkel-Dämmerung und die republikanische Verantwortung

Es geht ein Raunen durch die deutsche Sozialdemokratie. Dieses Raunen hat etwas mit der besonderen Situation zu tun, in der sie sich befindet. Und dieses Raunen ist der Ausdruck von Vorahnungen, was aus dem Projekt in nächster Zeit wohl werden wird. Entgegen der ersten und konsequent formulierten Aussage am Abend des 24. September 2017, aufgrund des Wahlergebnisses sich in den nächsten vier Jahren als Opposition zu sehen, steht nun, nach verschiedenen Ereignissen und Interventionen, eine erneute Große Koalition mit der SPD als Juniorpartner zur Debatte.

Als an jenem Septemberabend der Parteivorsitzende die Zukunft in Richtung Opposition zeichnete, da atmeten viele Sozialdemokraten befreit auf. Endlich, so konnte man hören, endlich wieder an einem eigenen Profil arbeiten, endlich der ewig marodierenden und beschwichtigenden Kanzlerin an den Kragen gehen und mit einer wuchtigen Opposition dem Populismus das Wasser abgraben. Auch viele Bürgerinnen und Bürger, die nichts mit dieser Sozialdemokratie am Hut haben, fanden diesen Zug der SPD nobel und notwendig.

Das Desaster, das sich anschloss unter dem unheilvollen Namen Jamaika, war das Ergebnis von allerlei klientelistischen Deals, die letztendlich an dem Eskapismus einer traumatisierten FDP scheiterten. Da saß der Schock über die politische Insolvenz, die der damalige Parteivorsitzende Guido Westerwelle als Merkels Juniorpartner hingelegt hatte, richtig tief. Am meisten verärgert waren wohl die Grünen, denn deren Protagonisten hatten sich wohl am meisten auf ein Ministeramt gefreut.

Was öffentlichkeitstechnisch während des Jamaika-Debakels gelang, war die Installation des Märchens von der republikanischen Verantwortung. Es war ein Fake, denn es ging und geht bei den Bemühungen um eine Regierungsbildung um nichts anderes als um ein Rettungsprogramm für Angela Merkel. Sie ist eine ehrenwerte Frau, aber sie gleichzusetzen mit dem Schicksal der Republik, das geht entschieden zu weit. Sie selbst redete von einer Unmöglichkeit, mit einer Minderheit zu regieren, Julia Klöckner sprach gar aus, was das letzte Glied einer monarchistischen Kette noch vorzubringen vermag: Wir sind doch nicht Dänemark! Merkel ist politisch nicht mehr zu retten, und das haben die sprunghaften Freidemokraten vielleicht am deutlichsten gemerkt.

Wenn hingegen von republikanischer Verantwortung gesprochen wird, dann sind Sozialdemokraten nicht weit. Das ehrt sie zum einen wie vielleicht niemanden sonst in unserer Geschichte. Das macht sie aber auch erpressbar und empfänglich für hirnrissige taktische Ratschläge. Und so ist es kein Wunder, dass niemand anderes als der sozialdemokratische Bundespräsident sich mit seinem Gerede von der Verantwortung zum Werkzeug von Angela Merkels Machterhalt entpuppt hat.

Durch die Intervention des Präsidenten hatte die SPD plötzlich den Schwarzen Peter in der Hand. Chapeau, kann man da nur sagen, da hat jemand die eigene Sache bei voller Beschleunigung gegen die Wand gefahren. Die SPD befindet sich bei jeder kritischen Position gegenüber einer Großen Koalition in sehr prekärem Begründungszwang, während die Union müde lächelnd und etwas gelangweilt den inneren Auseinandersetzungen zusieht und die gescheiterten Jamaika-Koalitionäre wohlfeile Ratschläge geben.

Die SPD befindet sich momentan in der wohl entscheidendsten Phase seit der Ära Brandt: verkauft sie sich als Restposten an eine zum Untergang geweihte Merkel-Kanzlerschaft oder gewinnt sie ein neues Profil. Schon liegen Offerten seitens der Linken auf dem Tisch, über eine Neustrukturierung der Sozialdemokratie nachzudenken. Sie werden kommen, wenn die SPD jetzt den Fehler macht, auch noch wortbrüchig zu werden und sich an einer Merkel-Regierung beteiligt. Dann kann sogar sein, dass links von der SPD der stärkere Part zu suchen ist. Es geht alles rasend vonstatten. Da ist es schwierig wie notwendig, einen kühlen Kopf zu bewahren.

Nicht der große Wurf!

Daniel Kehlmann, Tyll

„Ein Meisterstück“, „Kehlmanns bisher bester Roman“, ein „wundervoll distanziert geschriebenes, brutales, modernes, romantisches deutsches Epos“, das Buch hat „Züge eines Klassikers“, einfach „verdammt großartig“. Wer derartige Bewertungen seitens der großen, angesehenen Feuilletons auf den Rücken seines neuen Buches drucken kann, der hat es geschafft. Daniel Kehlmann, der immer noch junge Autor, dem schon bei seinem Erstwerk „Die Vermessung der Welt“ wahrlich Großes prophezeit wurde, hat mit seinem neuen Roman „Tyll“ weit ausgeholt und durch die Wahl des Themas erneut hohe Erwartungen geschürt. Sein Roman über Tyll Eulenspiegel hat diese hohen Erwartungen zumindest laut der etablierten Kritik spielend erfüllt. Einige Zweifel seien angebracht.

Mit Tyll hat Kehlmann gleich zwei historisch mythische Ereignisse in den Fokus genommen. Einerseits die maßgeblich oral tradierte Figur des Till Eulenspiegel und andererseits die Epoche, in der die Figur wirkte, den dreißigjährigen Krieg. Letzterer verfügt allerdings mit dem Simplicissimus des Hans Jacob Cristoffel von Grimmelshausen nicht nur eine radikale Erzählung, der erst einmal Paroli geboten werden muss. Der durch diese abenteuerliche Geschichte wuchernde Vagant Melchior Sternfels von Fuchshaim kann auch als das Pendant zu dem gesehen werden, was Kehlmann in seiner Konstruktion als die Figur des Tyll etabliert.

Die Überlegung Kehlmanns hat ihren Charme. Er nimmt die historisch belastete und bis zum heutigen Tag nur in verschiedenen Varianten verifizierte Figur des Tyll und beginnt mit ihr eine Erzählung über den dreißigjährigen Krieg in Deutschen Landen. Das einführende Kapitel dreht sich um das Schlüsselerlebnis des Tyll, jenes Ereignis, das aus ihm einen Suchenden und Gejagten zugleich machte. Doch anstatt in ein Kontinuum von dessen Lebensgeschichte zu verfallen, webt Kehlmann andere Kapitel ein, in denen der große Krieg immer den Rahmen bildet und bei dem nicht immer, aber ab und zu, und eher am Rande jener Tyll wieder auftaucht, quasi wie ein roter Faden, der sich durch viele Geschichten zieht. Und steht dieser Ulenspiegel im Zentrum der Erzählung, dann sind die Geschichten nicht chronologisch. Kehlmann springt im Krieg wie im Leben des großen Vagabunden vor und zurück.

Das alles ist sprachlich gekonnt und glatt und von der Erzählstruktur her sehr gut lesbar und erzeugt keine Verwirrung. Ganz im Gegenteil: Kehlmann gelingt es, eine Idee von dem ganzen Tohuwabohu zu erzeugen, das das einstige Europa nahezu flächendeckend verrohte und das im Grad seiner Zerstörung mit dem westfälischen Frieden eine Grundlage für alle modernen Ansätze staatlicher Koexistenz schaffte. Niemand hatte mehr die Kraft, den religiös wie weltlich motivierten, irrsinnigen Krieg weiter zu führen. Und obwohl die Leserschaft einen Eindruck davon bekommt, existieren andere Bücher, die das besser vermitteln können.

Wenn aber die „Opferung“ der Figur des Tyll als lediglich wiederkehrendes Motiv nicht dazu geführt hat, dass das grandios zerstörerische Szenario des dreißigjährigen Krieges ein modernes Narrativ dazu bekommt, warum dann die Figur in den Hintergrund treten lassen? Gerade der Vagabund, der freie Vogel, der Outcast, die einzig legitime Fratze der Herrschaft in ihren dunkelsten Stunden, kann in unseren Tagen wieder zu Erkenntnissen führen. Beklagen wir nicht gerade heute, dass nur noch das Kabarett dazu in der Lage ist, der Politik die bösen Wahrheiten unserer Tage entgegen zu schreien?

„Tyll“ ist ein gut geschriebenes, lesbares Buch. Der große Wurf ist es nicht.