Das Verhältnis von Herr und Knecht ist ein Archetypus. Es existiert in allen sozialen Formationen, die bisher bekannt sind. Es heißt nur nicht immer so. Es ist nicht immer nur die Idee von dem reichen, müßigen, brutalen, arroganten Besitzer von Gütern, der die Besitzlosen vor sich hertreiben oder schikanieren lässt. Ein Erfordernis, das selbst in sozialistischen Gesellschaften gesichtet worden ist, ist die Notwendigkeit von Führung. Letztere ist nicht notwendig mit den Besitzverhältnissen verbunden. Sie gehört jedoch zur Organisation komplexer sozialer wie sachlicher Strukturen. Existierten in ihnen nicht Menschen, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen, dann wäre vieles nicht nur nicht möglich, nein, dann wäre alles noch recht archaisch und frugal. Trotz dieser Erkenntnis können alle, die sich zu einem Leben entscheiden, in dem sie Führungsrollen übernehmen, sicher sein, dass ihnen das Stigma des alten Klischees immer wieder anhaftet. Der Herr, der die Knechte quält, dieses Bild, es wird stets dann bemüht, wenn zwischen Führung und Ausführung Dissonanzen herrschen. Dass es auch noch eine zweite Seite der Betrachtung gibt, nämlich die, von unten auch in den Konflikt zu gehen, wird dabei höflich ausgeblendet.
Führung heißt in der Regel mehr Belastung. Wenn es gut läuft, wird diese Mehrbelastung auch gut honoriert. Nur trifft dieses für die meisten Führungsrollen nicht zu. Im Kopf sind immer die Bosse der großen DAX-Unternehmen, die ihr Entgelt kaum noch zählen können. In der Regel ist es jedoch so, dass eine kühle Rechnung zu dem Ergebnis käme, dass in vielen Fällen die Mehreinnahmen nicht mit der zusätzlichen Belastung durch Zeit und Ärger korrespondieren. So ist es keine Seltenheit, dass Geführte die Führung so skizzieren, als habe sie etwas mit Eitelkeit zu tun, der die eigene Misere zuzuschreiben ist.
Die Aufgabe, die Führung in großen Organisationen hat, lässt sich wie folgt skizzieren: die Ziele sollen erreicht werden. Dabei ist darauf zu achten, dass die Menschen, die in dem Leistungsprozess versammelt sind, all das wissen und können, was sie brauchen, um diese Ziele zu realisieren. Zudem sind sie so zu motivieren, dass sie das mit großer Initiative tun. Alle Widrigkeiten, die in diesem Prozess entstehen, sind durch geschickte Kommunikation zu marginalisieren und es ist ein Verhältnis zu schaffen, das als vertrauensvoll bezeichnet werden kann. Die Führungskraft, die das erreichen will, muss genau wissen, was sie selbst wissen und können muss, um diese Rolle zu spielen. Sie muss delegieren können, und, je nachdem, manches auch selbst in die Hand nehmen. Sie muss in der Lage sein, Partner zu gewinnen und Gegner zu konfrontieren und sie muss sich dadurch beweisen, dass sie sowohl nach oben als auch nach unten loyal ist. Das heißt, sie muss die Interessen der Gesamtorganisation vertreten und darf die Mitglieder der eigenen Organisationseinheit nicht im Regen stehen lassen, selbst wenn diese Fehler machen. Und das gilt sowohl für eine Limonadenfirma wie für eine politische Partei.
Die Zahl derer, die sich für diese Aufgaben interessieren, nimmt dramatisch ab. Trotz der Entwicklungshilfe- und Gestaltungsmöglichkeiten, die Führung birgt. Das hat vielleicht etwas mit den Mühen zu tun, die damit verbunden sind. Dieser Hedonismus resultiert aus der Individualisierung im postheroischen Zeitalter. Es gehört zu den Ergebnissen einer sich nicht mehr reflektierenden Gesellschaft, dass zwischen der motivationalen Abstinenz, Führung zu übernehmen und der zu beobachteten Qualität von Führung ein Zusammenhang besteht. Das sieht nicht gut aus. Doch welche Form von Dekadenz hat schon eine gute Prognose?

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Warum reduziert sich die Anzahl der „Führungswilligen“ ( und hoffentlich auch -fähigen ) ?
Es ist die Seuche unserer Zeit … die extrem gewordene Gier der 1 % …
Die ja mitlerweile sogar nicht wenige der 1%er als höchst fatal „fürs Ganze“ betrachten …
ohne dass sie an der eigenen Gier groß etwas ändern könnten .
So zeigt sich ja bei näherer Betrachtung dass die altruistisch erscheinenden Stiftungen der 1% nur eine besonders gut getarnte Form von Gier und „Unbedingt behalten wollen “ ist .
Diese Gier beutet ja nicht die Armen aus … wer kaum was hat , dem kann auch nur wenig genommen werden …
Die exorbitante Gier der 1% beutet ja vor allem die Leistung der etwa 20 % aus , die in einer Gesellschaft Führung oder Selbstständigkeit wählen und ausführen .
Dies wurde auch über lange Zeit „belohnt“ mit einem etwas mehr.
Wenn ich betrachte , was mir als ein Selbstständiger jetzt noch bleibt , muss ich erkennen , dass für dieses Geld kein halbwegs fähiger Angestellter mehr zu bekommen wäre . Während ich in den vergangenen Jahrzenten für meine Führungs-und Leistungsmühen doch noch „ein wenig mehr“ erzielen konnte … Eine Entwicklung als Auswirkung der gesteigerten Gier der 1% , die auch dazu führt , dass sich in meiner Branche kaum noch Nachfolger finden lassen .
Der Melker der Milchkuh „Leistung“ hat definitiv übertrieben , und sein „Melkgut“ substanzuiell geschwächt .
Es ist ein Irrtum zu glauben , speziell in Deutschland , dass die Leistungen der Wirtschaft von den großen Konzernen erbracht würde … Diese erbringen oft nur eine gepflegte Null in Bilanz ihrer Aktivitäten in der Gesellschaft … Nix anderes wie eine clevere Beschäftigungstherapie der Massen … Während die kleinen und mittleren 20 % nahezu 100 % des Resultates erbringen … meist in kompletter Eigenausnutzung des „Leistenden“ begründet …
Da haben sich mitlerweile die Dinge gefährlich verschoben , und es fehlt der politische Wille und ich befürchte auch die Fähigkeit den eigentlichen Leistungserbringern in Zukunft wieder die nötige Unterstützung zu gewähren … Es geht nicht unbedingt um ein „mehr“ dabei , denn diese 20 % können ja gar nicht anders , als das zu tun was sie tun … Es geht schlicht darum sie zu schützen vor der völlig aus dem Ruder gelaufenen Gier der 1 % .
Doch leider sind viele der politisch Handelnden zu Komplizen der 1% und ihrer Gier verkommen .
Einer der Gründe , warum ich zunehmend „schwarz“ sehe , für das bisher so erfolgreiche Deutschland …
Ich zitiere hier einen Spruch von Mahatma Gandhi, der oft von der oedp verwendet wird:
Dei Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse,nicht jedoch für jedermanns Gier.
Sehr gute, treffende Analyse, besonders das Resumee. Dass diese Gesellschaft sich nicht mehr reflektiere, ist noch milde ausgedrückt, wenn man andererseits hört und liest, wie intensiv und mit welchem Habitus sie andere Gesellschaften und Vorgänge darin reflektiert.