Nicht der große Wurf!

Daniel Kehlmann, Tyll

„Ein Meisterstück“, „Kehlmanns bisher bester Roman“, ein „wundervoll distanziert geschriebenes, brutales, modernes, romantisches deutsches Epos“, das Buch hat „Züge eines Klassikers“, einfach „verdammt großartig“. Wer derartige Bewertungen seitens der großen, angesehenen Feuilletons auf den Rücken seines neuen Buches drucken kann, der hat es geschafft. Daniel Kehlmann, der immer noch junge Autor, dem schon bei seinem Erstwerk „Die Vermessung der Welt“ wahrlich Großes prophezeit wurde, hat mit seinem neuen Roman „Tyll“ weit ausgeholt und durch die Wahl des Themas erneut hohe Erwartungen geschürt. Sein Roman über Tyll Eulenspiegel hat diese hohen Erwartungen zumindest laut der etablierten Kritik spielend erfüllt. Einige Zweifel seien angebracht.

Mit Tyll hat Kehlmann gleich zwei historisch mythische Ereignisse in den Fokus genommen. Einerseits die maßgeblich oral tradierte Figur des Till Eulenspiegel und andererseits die Epoche, in der die Figur wirkte, den dreißigjährigen Krieg. Letzterer verfügt allerdings mit dem Simplicissimus des Hans Jacob Cristoffel von Grimmelshausen nicht nur eine radikale Erzählung, der erst einmal Paroli geboten werden muss. Der durch diese abenteuerliche Geschichte wuchernde Vagant Melchior Sternfels von Fuchshaim kann auch als das Pendant zu dem gesehen werden, was Kehlmann in seiner Konstruktion als die Figur des Tyll etabliert.

Die Überlegung Kehlmanns hat ihren Charme. Er nimmt die historisch belastete und bis zum heutigen Tag nur in verschiedenen Varianten verifizierte Figur des Tyll und beginnt mit ihr eine Erzählung über den dreißigjährigen Krieg in Deutschen Landen. Das einführende Kapitel dreht sich um das Schlüsselerlebnis des Tyll, jenes Ereignis, das aus ihm einen Suchenden und Gejagten zugleich machte. Doch anstatt in ein Kontinuum von dessen Lebensgeschichte zu verfallen, webt Kehlmann andere Kapitel ein, in denen der große Krieg immer den Rahmen bildet und bei dem nicht immer, aber ab und zu, und eher am Rande jener Tyll wieder auftaucht, quasi wie ein roter Faden, der sich durch viele Geschichten zieht. Und steht dieser Ulenspiegel im Zentrum der Erzählung, dann sind die Geschichten nicht chronologisch. Kehlmann springt im Krieg wie im Leben des großen Vagabunden vor und zurück.

Das alles ist sprachlich gekonnt und glatt und von der Erzählstruktur her sehr gut lesbar und erzeugt keine Verwirrung. Ganz im Gegenteil: Kehlmann gelingt es, eine Idee von dem ganzen Tohuwabohu zu erzeugen, das das einstige Europa nahezu flächendeckend verrohte und das im Grad seiner Zerstörung mit dem westfälischen Frieden eine Grundlage für alle modernen Ansätze staatlicher Koexistenz schaffte. Niemand hatte mehr die Kraft, den religiös wie weltlich motivierten, irrsinnigen Krieg weiter zu führen. Und obwohl die Leserschaft einen Eindruck davon bekommt, existieren andere Bücher, die das besser vermitteln können.

Wenn aber die „Opferung“ der Figur des Tyll als lediglich wiederkehrendes Motiv nicht dazu geführt hat, dass das grandios zerstörerische Szenario des dreißigjährigen Krieges ein modernes Narrativ dazu bekommt, warum dann die Figur in den Hintergrund treten lassen? Gerade der Vagabund, der freie Vogel, der Outcast, die einzig legitime Fratze der Herrschaft in ihren dunkelsten Stunden, kann in unseren Tagen wieder zu Erkenntnissen führen. Beklagen wir nicht gerade heute, dass nur noch das Kabarett dazu in der Lage ist, der Politik die bösen Wahrheiten unserer Tage entgegen zu schreien?

„Tyll“ ist ein gut geschriebenes, lesbares Buch. Der große Wurf ist es nicht.

2 Gedanken zu „Nicht der große Wurf!

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  2. Avatar von BludgeonBludgeon

    Ich les es auch gerade. Ein gute Buch. Sehr gut lesbar. Mein erster Kehlmann. Das Kapitel über das Ende des Winterkönigs ist für mich DAS Highlight. Aber es hätten gern etwas mehr bzw. deutlichere Bezüge zur Gegenwart stattfinden dürfen. Der Kabarettbezug als letzte Wahrheitsbastion ist mir da zu wenig.
    Wie man soetwas anstellen hätte können macht der Roman „Die Hure und der Henker“ von Ingeborg Arlt vor. Den trivialen Titel verlangte der Verlag. Ein Unglück, denn nun kauft das Werk die falsche Zielgruppe. Es ist absolut kein Schmonz und der Henker ist nichteinmal eine Hauptfigur. Es ist ein sehr glaubhaft wirkender Roman über den 30jährigen Krieg mit heftigen Ohrfeigen in die Gegenwart.

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