Archiv für den Monat Dezember 2017

Brave New World und der Fußball

Und wieder ist es der Fußball, der ein Thema zum Vorschein bringt, das zwar seit langem im Raum steht. An das sich aber niemand so richtig traut. In einer Radiosendung hatte der ehemalige Fußballprofi Mehmet Scholl darüber geklagt, dass die heutige junge Trainergeneration schlimme Defizite hervorbringen werde. Nämlich den Mangel an Persönlichkeiten. Die Trainer selbst, und er nannte Namen wie Tedesco, Nagelsmann und Wolf, seien in den Lehrgängen auf neueste und verschiedensten Systeme geschult, de facto aber einer Gehirnwäsche unterzogen worden. Das Herausbilden von Persönlichkeiten fehle bei ihnen genauso wie sie es nicht hinbekommen würden bei ihrer zukünftigen Arbeit. Typen wie Robben und Ribéry oder Effenberg würden in Zukunft nicht mehr vorkommen. Die jungen Spieler würden darauf abgerichtet, abzuspielen und dürften sich auf keinen Fall im Dribbeln und im Zweikampf auszeichnen. By the way: dass diese beklagten Entwicklungen allesamt aus dem spanischen Tiki-Taka kommen, um athletische Defizite zu kompensieren, hat Mehmet Scholl nicht erwähnt.

Fakt ist jedoch, dass die von Scholl beklagte Entwicklung im Fußball auch auf den Rest der Gesellschaft zutrifft. Die Charaktere, die stören, die verärgern, die aber dazu in der Lage sind, einen ganzen Laden in einer kritischen Situation aufzurütteln, andere zu motivieren und zu mobilisieren und das Ganze damit zu retten, solche Charaktere werden in der gegenwärtigen pädagogischen praktischen Philosophie nicht goutiert. Wieder mögen die jungen Fußballspieler als Beispiel herangezogen werden. Ihre Beiträge in Interviews sind signifikant. „Der Trainer hat gesagt..natürlich bin ich froh über meine Leistung…aber Hauptsache es dient der Mannschaft..taktische Fragen entscheidet der Trainer…“ Es sind Statements, wie man sie früher einmal Typen zugebilligt hätte, die mit der Bezeichnung „Mamas Liebling“ verhöhnt worden wären.

Analog geht es zu in vielen Leistungsorganisationen. Teamfähigkeit, ein hohes Gut, das allerdings in den seichten Gefilden des Arbeitsalltags zu einem blassen Chorgeist degeneriert, dominiert leider in den meisten Fällen. Wo sind die jungen Leute, die einmal ihre Chefs herausfordern, die einmal das Vorgehen frontal in Frage stellen? Wo sind die Ideen der Veränderung, die eigentlich jeder Generation gut anstehen? Wo ist das Gen der Rebellion, ohne das es keine Innovation gibt?

In vielen Fällen erscheinen die Arbeitsorganisationen wie eine autoritäre Veranstaltung, der es gelingt, ihren hierarchischen und affirmativen Charakter zu verschleiern. Oft sieht es so aus, als gäre es mächtig unter der Oberfläche, aber der Eindruck scheint zu trügen. In einer Welt ohne tatsächliche Gefahren ist das Einüben eines für alle geltenden Kodexes, der die Auflehnung nicht vorsieht, ein leichtes Unterfangen. Dass sich dieses Fehlen irgendwann auf das große Ganze auswirkt, das nicht mehr über Ressourcen verfügt, mit denen man sich zur Wehr setzen kann, haben die Strategen der artigen Befolgung nicht mehr im Blick.

Was in den Kindergärten und in der Vorschule sowie, wie im Brennglas, in den politisch korrekten Mittelstandsfamilien bereits im frühen Entwicklungsstadium beginnt, wird in den Institutionen des Bildungssystems wie in der betrieblichen Ausbildung fortgesetzt. Das Prinzip der Anpassung an ein System und dessen Befolgung ist das Selektionskriterium bei der Personalauswahl. Typen, die über das verfügen, was als individuelle Stärke bezeichnet werden muss, werden in diesem Prozess früh aussortiert. Auch wenn viele Organisationen durchaus erfolgreich arbeiten, was sich nicht mehr haben, ist das, was sehr treffend mit Spirit bezeichnet werden kann. Gleichmaß und uninspiriertes Vorgehen sind die Dimensionen, in der Brave New World tatsächlich stattfindet.

Alle Jahre wieder

Alle kennen den Zustand und alle wissen, dass er mehr mit Schein und Wahn als mit dem zu tun hat, was immer noch viele für die Wirklichkeit halten. Gemeint ist die Jahresendpanik. Andere nennen es Dezemberfieber oder die Vorweihnachtshysterie. Egal, welcher Name ausgewählt wird, zutreffen tun sie alle. Es handelt sich dabei um das Phänomen, noch alles erledigen zu wollen, was es zu erledigen gibt, auch wenn es faktisch und objektiv gar nicht mehr geht. Und dass es faktisch nicht mehr geht, wissen alle, weil der Zustand ein kollektiver ist.

Es weiß also jeder, dass es den anderen, den realen wie fiktiven Zeitgenossen, geht wie dem Rest auch. Sie sind genervt, sie sind überlastet, sie haben keine Reserven mehr und sie wollen nur noch ihre Ruhe haben. Und dennoch setzt der Prozess ein, den wir alle kennen und gleichzeitig beklagen. Ob da nun Kinder im Spiel sind oder nicht, unter dem Druck wird einerseits gelitten und andererseits wird er aufgebaut. Insofern, auch wenn das Ganze destruktiv ist und kein positives Auskommen hat, es ist wenigstens gerecht. Und wenn etwas als gerecht erscheint, dann wird es immer wieder hingenommen. Es handelt sich um einen schafsähnlichen Zustand. Ein Zustand, der allerdings allgemein akzeptiert wird.

Und da könnten die Widersprüche des aufgeklärten Publikums durchaus gelöst werden. Der ganze Stress, die Hektik und der Überdruck werden derweil abgefedert durch unsinnige Handlungen, die nicht weniger absurd sind wie der Trieb der gegenseitigen Überforderung. Jetzt laufen die Individuen los und suchen Erlösung in unsinnigen Kaufhandlungen, in denen sie den Erwerb und nicht den Nutzen in den Mittelpunkt stellen. Wenn schon keine Logik, dann aber richtig. Nun werden, um die verlorenen sozialprägenden Verhaltensweisen in Erinnerung zu rufen, Substitute für die soziale Bindung angeschafft, die darüber hinwegtäuschen, dass es kaum oder keine aufrichtigen sozialen Bindungen mehr gibt. Deshalb werden Geschenke herangeschafft, die nach dem Kaufakt direkt verschrottet werden könnten.

Die Kritik an beidem ist so alt wie die warenproduzierende Gesellschaft und das Abendland. Die Panik vor dem Jahresende ist dabei noch das kleinere Problem. Alle wissen, dass es noch eine Zukunft gibt und kein Auftrag so heiß wäre, als dass er nicht noch ins nächste Jahr geschoben werden könnte. Sollen die anderen Auftragsbücher voll sein, solange ich alles erledigt habe! Die Kritik an der praktischen Folgenlosigkeit der allgemeinen Klage wird so lange stumpf bleiben, wie sie mit demselben moralischen Brösel versucht das zu retten, was durch das falsche Leben nicht mehr zu retten ist. Das ist eine bittere Erkenntnis. Aber nur die Bitterkeit ist in der Lage, eine moralische Abkehr vom Falschen vorzubereiten.

Und nichts ist besser, ein neues Zeitalter zu begründen, als eine Überdosis Humor. Es genügen wenige Schritte zurück, um in die betrachtende Perspektive zu geraten und sich anzusehen, was in uns, um uns und um uns herum gerade geschieht, um nicht die komische Seite des Ganzen zu erkennen. Da rennen sie herum, die Individuen, ohne Kompass, und halten sich fuchtelnd gegenseitig ihre Ansprüche vor Augen, ohne einmal den Blick ruhen zu lassen auf dem, was tatsächlich Bedeutung hat. Und wir stellen fest, die Welt ist ein großes Narrenhaus. Und diese Erkenntnis ist vielleicht das schönste Geschenk, in dieser wirren Jahreszeit.