Archiv für den Monat Dezember 2017

Die Augenwinkel des Herrn B.

Nennen wir ihn Herrn B. Herr B. lebt in meinem Viertel. Seit Jahren. Er ist ein sehr umgänglicher Mensch, nicht auf den Mund gefallen und in der Lage, sich mit unterschiedlichen Sozialmilieus zu unterhalten. Mal im Dialekt, mal in ganz normaler Umgangssprache und mal in elaborierter Hochsprache. Nicht nur sprachlich, sondern auch sozial kann er sich sehr gut in unterschiedliche Welten einfühlen. Was er macht, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, lässt sich nur vermuten. Er ist selbstständig und bei ihm verkehren viele und unterschiedliche Leute. Was sie genau bei ihm oder von ihm wollen, ist nicht so richtig zu entziffern. Es scheint, als würde er Bekanntschaften arrangieren. Aber lassen wir das. Es ist seine Privatsache.

Über seine eigene Biographie wird so manches im Viertel gemunkelt. Nicht, dass er dort schwarze Flecken hätte, aber sie ist dennoch von gewissen Gerüchten umgeben. Während er selbst immer ein Vorbild in Verhalten, Kleidung und Umgangsformen war und jederzeit hätte durchgehen können als der Prototyp eines Musterschwiegersohnes, sagt man ihm nach, seine Partnerinnen, von denen er im Laufe der Jahre nicht wenige hatte, seien genau das Gegenteil gewesen. Viele von ihnen, so eine ansonsten seriöse Nachbarin, seien wahrscheinlich Barschlampen gewesen, hätten bis mittags geschlafen und dann gleich, nach der ersten Zigarette, mit Sekt weiter gemacht. Wie dieser kultivierte Mann zu solchen Frauen kam, ist für viele ein Rätsel.

Herr B. lebt eher zurückgezogen. Man sieht ihn zwar ab und zu einkaufen gehen, aber ansonsten muss man schon auf Zeichen achten, um seinen Lebensstil zu entschlüsseln. Er ist ein ordentlicher Mensch, denn sowohl sein kleiner Vorgarten als auch das Trottoir vor seinem Ladenlokal, das als Büro dient, sind stets in einem Zustand, den man hier in der Region gerne als picobello bezeichnet. Er scheint ein Frühaufseher zu sein, weil bereits um kurz nach sechs seine Fenster geöffnet sind und er die Morgenluft in seine Wohnung lässt. Obwohl im Viertel zahlreiche gastronomische Angebote existieren, sieht man ihn selten dort einkehren, vielleicht einmal im Jahr.

Insgesamt drängt sich der Eindruck auf, dass er ein sehr aufgeräumtes Leben führt und nichts mehr so ist, wie in seiner Jugend, als er mit seinen Barschlampen bis spät in die Nacht Würfelspiele veranstaltet hat, bei denen zum Zorn der Nachbarn viele Gäste anwesend, ziemlich berauscht und vor allem laut gewesen seien. Sieht man Herrn B. heute die Straße entlang gehen, dann kommt man auf viele Ideen, wie man diesen Passanten deuten könnte, aber nicht auf die, es mit einem Womanizer zu tun zu haben, der sich im Rotlichtmilieu bewegt. Ist er ja auch nicht mehr. Zumindest dem Anschein nach.

Immer, wenn ich ihm begegne, tauschen wir kleine, spaßhafte Gemütsverfassungen oder Beobachtungen aus. Wie das angefangen hat, weiß niemand von uns, nehme ich an. Aber irgendwann müssen wir beide gemerkt haben, dass wir einen durchaus vergleichbaren Humor haben. Und so ist es durchaus folgerichtig, dass wir uns gegenseitig immer etwas auf den Arm nehmen. Als Anspielung auf sein Geschäft frage ich ihn öfters, wie die Aktien der Lonely Hearts Club Band stehen, womit er durchaus umzugehen weiß. Und da er mich als einen politisch denkenden und handelnden Menschen kennt, versucht er immer ein bisschen, den Ernst aus diesem Metier zu nehmen, was gar nicht so einfach ist, in unserem Land.

So kann es vorkommen wie neulich. Ich wollte zur Arbeit und war auch für meine Verhältnisse früh. Da kam er mir bereits mit einer gefüllten Einkauftasche entgegen. Auf meine Frage hin, ob er Schlafstörungen habe oder warum er sich als Selbstständiger, der frei über seine Zeit verfüge, mitten in der Nacht im Supermarkt herumtreibe, blieb erstehen, kam näher, sah mich an und erklärte: Erstens halte ich es mit dem jüdischen Sprichwort: Wer früh aufsteht, dem gehört die Welt! Und zweitens: Wenn ich um diese Uhrzeit dort einkaufen gehe, dann liegt das Prekariat noch im Bett. So kann ich olfaktorisch unbehelligt in der Kassenschlange stehen und habe gleich alle Einkäufe für den Tag erledigt.

Nach solchen Sätzen suche ich immer sofort die Augenwinkel von Herrn B. Zu seinem großen Glück verraten diese dann immer ein verschmitztes Lachen. Letzteres rettet uns beide.

Emotionaler Digitalismus

Der frühe Münchner und später New Yorker Schriftsteller Oskar Maria Graf, der in Berg am Starnberger See aufgewachsen war und das bäuerliche Leben von der Pike auf kennengelernt hatte, wandte gerne die Methode an, die großen Namen und komplexen Theorien so zu transformieren, dass sie in die bäuerlich-bayrische Lebenswelt passten. So wurde aus dem großen Goethe das Goethe Wolferl und dem dunklen Heidegger der Heidegger Martl und die jeweiligen Werke in den bayrischen Dialekt und die bayrische Lebenswelt übersetzt. Das entzauberte mächtig und oft blieb schon dort nicht mehr viel übrig von der alles erhabenen Theorie.

Dennoch, auch das 20. Jahrhundert konnte von sich noch behaupten, reich an Konzeptionen zu sein, die versuchten, die Welt zu erklären und zu gestalten. Das war so in der politischen Theorie wie in der Kunst. Überall, wo sich Menschen einfanden, um fortzuschreiten aus dem Jetzt, da gab es Systeme, die das Ist erklärten und das Neue konturierten. In der Politik waren das z.B. Marxismus, Liberalismus, Darwinismus, Kritischer Rationalismus und in der Kunst z.B. Avantgarde, Neue Sachlichkeit, Realismus. Die Diskussionen waren heftig und es wurde gerungen. Aber, und das ist das Prädikt für das Folgende, man ging davon aus, dass die Menschen Subjekte waren, die ihr Schicksal bewusst gestalten konnten.

Und heute, in der Welt des emotionalen Digitalismus, scheint das alles wie ausradiert. Da heißt es einerseits, die Welt ist so komplex geworden, dass man sie nicht einfach erklären kann. Andererseits bekommt man aber auch für das Fordern nach Konzepten die Antwort, es sei alles viel zu komplex, als dass man es konzeptionell erfassen könnte. Und der eingangs zitierte Oskar Maria Graf würde vor Freude und Spott überschäumen, wenn er die dürftigen Erklärungen erführe, mit denen der so genannte „Überbau“, d.h. die große Denkfabrik der Gesellschaft, heute operiert. Da ist das, was gerade passiert, das Konzept selbst, und in der Kunst sind es plötzlich die Gebäude, die das einzelne Werk in seinem Gesamtarrangement erklären. Ja, so würde er dann wohl schreiben, „wenn dir nichts mehr einfällt, dann bläst du halt die Backen auf und tust ganz wichtig, vielleicht finden sich dann doch ein paar Flachköpfe, die darauf hereineinfallen.“ (Bayrischer Dialekt vom Autor nicht oder nur schlecht imitierbar)

Also das Ist ist das Werk selbst, die Substanz des Daseins, um es nun in einer anderen Sprache zu dokumentieren, die Substanz des Daseins ist die Komplexität des Zufalls. Und um diese Aussage in eine zeitgenössisch durchaus geläufige Sprache zu übersetzen: weder der Philosophie, noch der Gesellschaftstheorie und erst recht nicht der Kunsttheorie fallen Konzepte ein, die der Analyse fähig wären oder zu einer Vision inspirierten. Vielleicht kursieren deshalb so viele Negativszenarien, in denen sich die Technik verselbständigt hat und den Menschen und sein ganzes soziales und kulturelles Gesumms einfach schreddert.

Und irgendwie ergibt sich aus dieser Betrachtung dann doch ein Sinn oder eine Deutung, die gar nicht so abwegig erscheint. Die Apotheose des Werkzeugs zur Herrschaft ist wahrscheinlich die Erklärung dafür, dass der Mensch bereits wieder auf das Objekt reduziert ist. Und wozu brauchen Objekte eine Theorie? Sie werden von höheren, ihnen überlegenen Mächten verwaltet.

Allein diese Erkenntnis sollte genügen, um sich etwas fundamentaler mit dem Dilemma zu befassen, das durch das Fehlen von Konzeptionen sichtbar wird.