Archiv für den Monat Dezember 2017

By the way…

Ein englischer Freund, der sich schon lange in unseren Gefilden herumtreibt und den ich immer wieder zufällig treffe, kommt jedes Mal, egal, um welches Thema sich das Gespräch dreht, zu einer seiner Schlussfolgerungen aus den langen Jahren, die er hier verbracht hat. Ihr Deutschen, so sagt er dann, ihr Deutschen habt den Drang, alles, jede Kleinigkeit, zu einer dramatischen, existenziellen Frage hochzupeitschen. Wenn hier einer den Müll nicht trennt, oder an der Ampel bei Rot noch hinübereilt, obwohl eine Mutter mit Kind bereits wartet oder sich jemand irgendwo ungefragt eine Zigarette ansteckt, dann brennt es lichterloh. Dann versinkt die Welt im Unrat, dann hat die zukünftige Generation keine Orientierung oder ein rücksichtsloser Teil der Gesellschaft vergiftet den anderen Teil kalten Gemütes. Ganz Unrecht hat der englische Kollege aus meiner Sicht nicht. Ich habe auch schon versucht, mit ihm etwas anderes zu diskutieren, das gar nicht dazu passt. Aber das passt ihm nicht, wer weiß warum.

Verfügen wir auf der einen Seite über das nötige Quantum an Hysterie, wenn es um kleine Unlässlichkeiten geht, so steht auf der anderen Seite, vor allem gegenüber den wirklich existenziellen Dingen, eine Fähigkeit zur Verdrängung, die noch mehr beängstigen muss als das Ausrasten bei Kleinigkeiten. Allein die Politik der letzten Jahre beinhaltete Dinge, die in jedem anderen Land zumindest heftige Debatten entfacht, die die Frage nach dem Selbstverständnis der Nation und ihrem vermeintlichen Willen gestellt hätten. Stichworte wie die Ukraine, Syrien oder Griechenland mögen genügen, um zu demonstrieren, dass das Deutschland, das sich da plötzlich der Welt präsentiert hat, krass von dem Bild abweicht, das in den Jahrzehnten nach dem II. Weltkrieg gezeichnet wurde. Und getragen wurde dieser rasante Wandel aus einem Moralismus heraus, der die neue Überheblichkeit in Reinkultur darstellt.

Letzteres ist übrigens das, was bei allen kontroversen Einschätzungen zur Erweiterung der EU, zur Durchlässigkeit von Migranten, der Finanzpolitik gegenüber überforderten Volkswirtschaften, zu den Waffenlieferungen an Saudi-Arabien etc. am meisten verstören sollte. Diese lächelnde, gegen jeden Anflug von Selbstkritik imprägnierte Arroganz und Selbstgewissheit, diese bar jeglicher Erfahrung bezüglich anderer Lebensumstände an den Tag gelegte Besserwisserei, sie geht vom dumpfen Einpeitscher bis hin in die politischen und medialen Eliten. Und dort, in deren Sphären, wird vorgelebt, wie vermeintlich mit der Welt umgesprungen werden muss. Von der Hygiene, vom Milieu, von der Sprache und von der Engstirnigkeit biete sich dort derweil die größte Analogie zum historischen Faschismus. Insofern sind wir voll auf Kurs und keiner merkt, von wo die Gefahr ausgeht. Die neue Rechte, sozial und numerisch überschaubar, ist ein unappetitlicher Haufen, ja, aber gefährlich? Da sind andere längst unterwegs, und der Bauch spürt es auch, aber der Kopf befindet sich schon in der Falle.

Was der deutsche Michel mit der Zipfelmütze, der sich immer nur die Augen reibt und leicht überfordert erscheint ist in England John Bull. John Bull ist eine treue Seele, die schuftet und schuftet und die sich nach Ruhe und Frieden sehnt. Und nicht selten wird auch dieser John Bull an der Nase herumgeführt und er wird Opfer seiner Gutmütigkeit. Wenn er das jedoch bemerkt, dann schlägt er ziemlich trocken und humorlos zurück, während klein Michel unter dem Tisch liegt, mit den Beinen strampelt und Gott und die Welt, nur sich selbst nicht, für seine Lage verantwortlich macht. Wie schön, wenn er dann einen Nachbarn entdeckt, der den Müll nicht trennt!

Plädoyer für ein neues Tauwetter

Gabriele Krone-Schmalz. Eiszeit. Wie Russland dämonisiert wird und warum das so gefährlich ist

Gabriele Krone-Schmalz legt nach. Nach ihrem 2016 veröffentlichten Buch mit dem Titel „Russland verstehen“, das ihr sehr positive Reaktionen einbrachte, sie aber vor allem in den öffentlichen Medien zur Hexe mutieren ließ, veröffentlicht sie nun ein zweites Buch zum Thema Der Westen und Russland. Dafür hat sie den Titel Eiszeit gewählt, sicherlich eine Anspielung auf die an Wintermetaphern reiche russische Sprache, die aber auch Zeiten des Tauwetters, d.h. der Öffnung und der Hoffnung auf Vertrauen kannte. Frau Krone-Schmalz ist allein wegen ihrer Zeit als Auslandskorrespondentin in den Jahren 1987 bis 1991 in Moskau ein Mensch mit unschätzbarer Erfahrung. Waren es doch jene Jahre, als das Sowjetimperium in sich zusammenbrach und eine Neuordnung Russlands notwendig wurde. Sie hat die Befindlichkeiten direkt miterlebt, die mit einem solchen Prozess einhergehen.

Das Thema des Buches steht unter dem Subtitel: Wie Russland dämonisiert wird und warum das so gefährlich ist. Die Dämonisierung Russlands durch die amerikanischen Falken scheint das einzige Leitmotiv zu sein, das der Westen direkt seit dem Bruch der Versprechungen an Russland einsetzte. 1990, als es auch um die Wiedervereinigung Deutschlands ging, hatten die USA, die westlichen Siegermächte Großbritannien und Frankreich sowie der deutsche Kanzler Helmut Kohl der russischen Seite in die Hand geschworen, dass es keine Osterweiterung der NATO geben werde. Bill Clinton als Nachfolger Bushs sen. hielt sich bereits zwei Jahre später nicht mehr daran. Seitdem wurde, nicht nur aus der hysterischen Sicht des Kremls, Russland vom Baltikum bis zum Schwarzen Meer direkt vor der Nase mit NATO-Stützpunkten konfrontiert. Mit Ausnahme von Georgien und der Ukraine. Dort lagen die Sollbruchstellen für Russland und dort zeigten es, dass es nicht alles mit sich machen lässt.

Das Buch Eiszeit widmet sich daher sehr intensiv mit diesen beiden Konfliktherden. Frau Krone-Schmalz führt ohne jede Polemik die Fakten an und versucht, sie aus der unterschiedlichen Perspektive beider Seiten zu deuten. Dass dabei die russische Sicht eine andere ist als die des Westens ist wohl eine Binsenweisheit, die allerdings nicht bis in die von den Amerikanern orchestrierte Diplomatie vorgedrungen ist. Diese Art von Regie, die auch die dominierende im Falle Syriens war – auch dieser Konflikt wird unter die Lupe genommen – , führt zu den Verhängnissen, in die der Westen zunehmend schlittert. Das Umlenken von der Konfrontationslogik hin zu vertrauensbildenden Maßnahmen wird immer schwieriger.

Neben der Aufarbeitung der Konfliktfälle Georgien und der Ukraine sowie Syriens unternimmt die Autorin den Versuch, die Logik einer anderen Politik nachzuzeichnen, die vielleicht mehr zum Positiven beigetragen hat als die Militägeshchichtsschreibung mit ihren Drohpotenzialen zugeben will. Es war die Formel „Wandel durch Annäherung.“ Das Diktum Egon Bahrs, des Vertrauten Willy Brandts, führte zu der Architektur, die die neue deutsche Ostpolitik genannt wurde. Sie erkannte die Realitäten an und bewirkte dadurch einen Dialog beider Seiten, der trotz aller Rückschläge zu einer sichereren Welt beitrug.

Es ist folgerichtig, dass Frau Krone-Schmalz das letzte Kapitel von „Eiszeit“ mit dieser Formel, Wandel durch Annäherung, überschrieb. Letzteres wäre tatsächlich eine Alternative zu dem Debakel, das uns heute zu Füßen liegt. Die Lektüre ist eine Wohltat, im Vergleich zu den medialen Dämonisierungsschnipseln, die überall herumflattern.