Archiv für den Monat Dezember 2017

Die GroKo vor dem Feinkostladen

Es ist immer wieder erfrischend, den Subtext derer zu lesen, die in den Leitmedien nicht nach ihrer Meinung gefragt werden. Heute hatte ich das Vergnügen, einer Runde mittelalter Herren zuzuhören, die ihrerseits vor einem Feinkostladen standen und entweder auf ihre Frauen warteten oder einfach nur Bekannte auf der Straße getroffen hatten. Der Vorteil solcher Runden ist, dass sie keine Einleitung verlangen und es wenig Sinn macht, nach den Umständen zu fragen. Du gehst vorbei, hörst eine interessante Sequenz, bleibst stehen und plötzlich bist du mitten in einem Theaterstück, das du nicht gebucht hast, das aber auch nichts kostet.

„Der Schulz, dieser Komiker aus Würselen, der guckt jetzt ganz schön dumm aus der Wäsche. Von wegen Wir gehen in die Opposition! Dem wird jetzt vom eigenen Mann, der einen Niere aus dem Präsidentenschloss, mal beigebracht, was Staatsräson ist“ johlte der erste aus der Gruppe, der aus sah wie ein Versicherungsvertreter, bis auf den abgeschlunzten Trench und die Pudelmütze auf dem Kopf. Darüber hinaus bestach er jedoch mit seinem gesundroten Gesicht und seinen frisch gewässerten blauen Augen. „Ach was“, tönte schon der nächste, der seinerseits im ewig grauen Herrenanzug mitmischte und die Hände in den Taschen hatte. „wenn hier eines deutlich wird, dann ist es die Götterdämmerung der Protestantin aus Meck-Pomm. Die wollte wie die Königin weiter regieren und fiel dann die Treppe herunter. Und weil sich die alte Blockflöte nicht vorstellen konnte, dass sie so abstürzt, wollte sie noch schnell ein paar andere schreddern. Die Grünen konnten es nicht abwarten, sie bettelten regelrecht um sofortige Liquidation, wurden aber von den nassforschen Jungs des gelben Bandes ausgebootet. Das tut weh und wird bei den Grünen in Erinnerung bleiben. Auch wenn es manche von ihnen, wie den Herrn namens Strychnin, heimlich freuen wird.“

Da schaltete sich noch ein weiterer ein, der auch auf dem Trottoir umherschlich, aber wesentlich proletarischer wirkte. Er trug Sicherheitsschuhe, einen alten Wollmantel und eine Schirmmütze. „Alles richtig, meine Herren“, skandierte dieser, „aber denken vergessen Sie nicht, über die Aussichten nachzudenken. Was kann denn aus einem Konsortium werden, das nur die Sicherheit des eigenen Fortbestands im Kopf hat, sonst aber nichts! Kein Ton über die Zukunft, keine Vision und kein Wort darüber, was anders werden soll. Wenn es an etwas fehlt, dann ist es die nun neu diskutierte Phantasie. Die schleichen alle herum wie Depressive, bis auf die Kleine, wie heißt sie noch, ach ja, die von der Leyen, die sieht so aus, als hätten ihr die Partner in Afghanistan was zu rauchen mitgegeben.“

„Da haben sie Recht“ krähten die anderen, und der Trench mit den blauen Augen zeterte weiter: „Da erzählen sie uns, wie gut es uns geht und dass es eine Freude ist, dieses Land zu regieren, und dann hauen sie in den Sack, wenn es drauf ankommt. Nur wenn sie einen Posten und die 1. Klasse Bahncard 100 bekommen, überlegen sie es sich, ob sie die Bürde der Verantwortung wirklich tragen sollen. Da kommt es mir hoch, meine Herren. Die wissen alle nicht mehr, was richtige Not ist“.

Der Vorteil des nicht bestellten Theaters ist sein ebenso schnelles Verschwinden wie Auftauchen. Gerade, als die Diskussion hätte zeigen können, ob sie sich stumpf im Kreise dreht oder ob sie an die Substanz geht, kamen aus dem Feinkostgeschäft zwei Frauen; die eine im klassischen Zobel, die andere in teurem handgewebten alternativen Design. Ihr Erscheinen führte dazu, dass das Gespräch abrupt versandete und man sich artig voneinander verabschiedete. Und obwohl es sich vielleicht um eine dreiminütig Sequenz gehandelt hatte, verriet die Sequenz einmal wieder mehr als eine halbstündige Reportage im abendlichen, offiziellen Programm.

Das Rennen mit dem Teufel und die dynamische Stabilität

Die Geschichte ist zu schön, als dass sie nicht erzählt werden sollte. Eine der Legenden um die Erfindung des Schachspiels erzählt, dass es ein armer Bauer war, der es erfand und es seinem Herrscher schenkte. Als dieser, begeistert, ihn fragte, welchen Wunsch er ihm dafür erfüllen könne, antwortete dieser scheinbar sehr bescheiden, er wolle, dass seine Familie nicht mehr hungern müsse. Und als der Herrscher ihn fragte, was er dafür benötige, antwortete er: Legt mir auf das erste Feld des Spiels ein Weizenkorn, auf das zweite die doppelte Menge etc. Es sei dir gewährt, antwortete da der Herrscher und machte den Bauern zu einem unermesslich reichen Mann. Der Herrscher hatte die Exponentialfunktion unterschätzt und war in hohem Maße aus dem Gleichgewicht geworfen, als ihm Tage später seine Rechenmeister eröffneten, sie hätten die Menge noch nicht zusammen, denn sie benötigten 18,45 Trillionen Weizenkörner.

Und so wie es dem Herrscher erging, scheint es auch den modernen Zivilisationen zu gehen bei der Betrachtung der Beschleunigung im Bereich der technischen Innovationen, die ihrerseits flankiert werden von einem ebenso akzelerierenden Welthandel und der ökologischen Reaktion, sprich dem Klimawandel. Es lässt sich nachzeichnen, dass seit dem Mittelalter eine grundlegende Innovation mehrere Hundert Jahre brauchte, um sich global durchzusetzen, zur Zeit der Aufklärung waren es relativ präzise Hundert Jahre, während und mit der Industrialisierung, inklusive bis zum II. Weltkrieg dauerte es eine Generation und nach dem II. Weltkrieg wurde es dramatisch schneller, bis zur Jahrtausendwende waren es dann 15 Jahre und nach dem revolutionären Jahr 2007 (Google, iPhone etc.) kann mit sieben Jahren gerechnet werden, die eine Innovation braucht, um bereits nicht mehr aktuell zu sein. Das heißt, sie ist global in ca. 2 Jahren adaptiert und verbreitet, sie beherrscht die Prozesse bis zum fünften Jahr und erhält dann bereits Konkurrenz von den Prototypen der bevorstehenden neuen Innovationswelle.

Damit nicht korrespondiert eine zweite Entwicklung, die die kulturelle und zivilisatorische Adaption der neuen technologischen Entwicklung genannt werden muss. Auch diese hat sich beschleunigt, aber längst nicht in dem Maße wie die technische. Und darin liegt ein gravierendes Problem. Es geht dabei darum, wie schnell die Menschen und ihre Gesellschaften es lernen, mit den neuen Technologien umzugehen, und zwar im Sinne ihrer technischen Beherrschung wie in ihrer gesellschaftlichen Handhabung. D.h. die Lernformen und die Lehrinstitutionen, über die wir verfügen, halten genauso wenig Schritt mit diesem Tempo wie die Legislative. Allein die Dauer betrachtet, wie lange ein Gesetz braucht, allein von der Initiative bis zur Gültigkeit, wird klar, dass manche Gesetze dann Geltung bekommen, wenn die neue Herausforderung durch eine grundlegend neue technologische Innovation vor der Tür steht. Es ist ein Rennen mit dem Teufel.

Die Schlussfolgerung, die daraus gezogen werden muss, ist die, alles dafür tun zu müssen, um die Lernformen wie die politische Handhabung dessen, was unter technischem Fortschritt im Simultanschritt mit der Verbreitung auf dem Weltmarkt und den Auswirkungen auf die Ökologie im Raum steht und sich entwickelt, ihrerseits zu beschleunigen. Das bedeutet, dass es so etwas wie Stabilität gar nicht mehr geben kann, sondern dass von einer Art dynamischen Stabilität gesprochen werden muss, die Prinzipien im Auge hat, die zuweilen auch in der Lage sind, der Beschleunigung zu trotzen. Aufzuhalten wird sie nicht sein. Und von der Dimension, die das menschliche Verhalten in diesem Spiel ausmacht, ist noch nicht einmal gesprochen.

Wie der amerikanische Blues importiert wurde

The Rolling Stones. On Air

Ja, es ist nicht die Musik von heute. Und ja, es ist deutlich, dass die Rolling Stones mit ihrem Album On Air, das zum 1. Dezember erscheint, im Weihnachtsgeschäft noch ein kleines Plus mehr machen wollen. Doch jenseits der Geschäftsgebaren stellt sich die Frage, warum eine Band von Weltruhm und mit unzähligen Gold- und Platinalben genau die Songs zusammenstellt, die ihre Anfänge dokumentieren. Und die zeigen, dass diese Anfänge wenig genial waren, dass sie holprig waren und dass sie aus heutiger Sicht nicht mehr dazu in der Lage sind, zu inspirieren.

On Air heißt dieses Album deshalb, weil es auf 2 CDs insgesamt 32 Songs zusammenfasst, die im Zeitraum von 1963 bis 1965 über verschiedene Radiosender ausgestrahlt wurden. Die Stücke sind quasi das Material, mit dem sie bekannt wurden. Aus heutiger Sicht hätten die Stones mit diesem Programm sehr schnell die Bezeichnung einer reinen Coverband am Hals, aus der sie nicht mehr so schnell herauskämen.

Zu Beginn der Sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts waren die Bedingungen andere. Eine zunehmend gegen die Traditionen der Generationen, die den letzten Weltkrieg verursacht hatten, rebellierende Jugend suchte nach Ausdrucksformen, die ihren neuen Lebensformen Ausdruck gab, mit denen sie sich identifizieren konnte. Die Stones in England waren längst nicht die einzige, später aber wohl die prominenteste Rock- und Popband, die zu Beginn ihrer Bandgeschichte alles coverte, was sie aus den USA zu fassen bekamen. Dazu gehörte vor allem das Material des Rhythm & Blues und des Electric Blues aus Chicago. Und so waren es die Tunes der Schwarzen, die ihre eigenen Stücke modernisiert hatten, die in die europäischen Ohren kamen und so das Beet bestellten, auf dem später eine durchaus eigene Gattung wuchs.

On Air ist daher ein sehr eindringliches Dokument. Es ist eine Band zu hören, die sich begeistert daran macht, Stücke aus der amerikanischen Blues-Szene handgemacht für ein, für ihr europäisches Publikum zu präparieren. Das eine oder andere Stück aus der eigenen, später weltbekannten Jagger-Richards-Feder schleicht sich zwar bereits ein, aber dort wird deutlich, dass es noch ein weiter Weg zum Ruhm sein würde. Die anderen, in den USA zu diesem Zeitpunkt bereits als Klassiker gehandelten Stücke kommen von den Rolling Stones, ach ja, der Name und die Metapher sind, wie wir wissen, auch einem amerikanischen Song entnommen, durchaus frisch und überzeugend.

Wer sich mit dieser Geschichte des musikalischen Imports nach Europa nicht befasst hat, wird sich bei denen Titeln, die die Stones zu dieser Zeit gespielt haben, die Augen reiben. Manche der amerikanischen Klassiker haben über die Stones den Weg für den schwarzen Blues nach Europa geöffnet. Ein Jahrzehnt später kamen sie, die Dinosaurier wie Muddy Waters, Bo Diddley oder Howlin Wolf auf Europas Bühnen und berauschten ein begeistertes Publikum mit den Originalen. Da spielten die Stones schon ihre eigenen Stücke und füllten Säle und Stadien, die wesentlich größer waren als die Auftrittsorte derer, die die Musik erfunden hatten.

On Air ist keine Sensation, sonder ein Dokument. Eine junge Band spielt Hits aus einem anderen Kontinent. Und versetzt den eigenen in große Bewegung.