Hierosolyma est perdita

Wenn eine Stadt historisch das Zeug dazu hätte, ein Symbol für den Gedanken der Konkordanz zu sein, dann wäre es das gebeutelte Jerusalem. Und wenn eine Stadt die Geschichte lehrt, was Tragik ist, dann heißt sie auf jeden Fall Jerusalem. Der von Lion Feuchtwanger in einem grandiosen historischen Roman ins Leben zurückgeholte Jude und römische Geschichtsschreiber Flavius Josephus wird zitiert, wie er die Situation im ägyptischen Alexandria beschreibt, als die Nachricht von der Zerstörung Jerusalems bekannt wurde. Sobald auf den Straßen Juden gesichtet wurden, begannen die Menschen rhythmisch zu klatschen und skandierten Hierosolyma est perdita – H.E.P. , Jerusalem ist dahin. Feuchtwanger bemühte die Szene, um die Pogromstimmung gegen Juden, wie sie das Europa des Faschismus erlebte, als historisch tradiert darzustellen.

Die Stimmung in der Region war immer gegen einen eigenständigen jüdischen Staat, die Geschichte der Region führte zu der Existenz von Judentum und Islam. Und die Geschichte des zeitgenössischen Faschismus führte zu dem Absurdum, dass gerade der Holocaust erst einen jüdischen Staat ermöglichte. Die der Ausrottung entkommenen Juden erreichten das in den Schriften gepriesene Land und verdrängten die dort lebenden Palästinenser. Keine Stadt dokumentiert das so wie Jerusalem.

Nach nahezu siebzig Jahren des Kampfes, der Verwerfung und der sich wiederholenden, aber immer wieder gescheiterten Friedensinitiativen ist ein Schluss unabweisbar. Und das ist der, dass es keine haltbare Lösung für den Konflikt geben wird, die die Dominanz einer Seite zur Grundlage hat. Es ist tragisch, weil die Wunden auf beiden Seiten tief sind. Aber es ist logisch, weil sie so tief sind.

Und nun kommt ein amerikanischer Präsident, dem diese Betrachtung fern ist, den es nicht schert, ob es zu einer friedlichen Lösung wird kommen können und der mit einem fait accompli einseitig Jerusalem als die Hauptstadt Israels deklariert. Die weltweiten Reaktionen zeigen, wohin die Reise gehen wird. Die Spirale der Gewalt hat Zukunft, die Strategie der militärischen Lösung gewinnt an Dominanz. Der Waffenhandel gewinnt, die Völker verlieren. Nach Maßgabe aus Washington ist das Zwei-Staaten-Konzept vom Tisch. Nach dem Kalkül wird Palästina von der Bildfläche verschwinden, realiter wird es darauf hinauslaufen, dass nicht nur Palästina, sondern auch Israel das Zeitliche segnen wird. Es ist ein Fiasko.

In einer Kulturregion, in der die Symbolik eine solche Dominanz genießt wie im Nahen Osten, ist der martialische Atavismus, mit dem die US-Administrationen seit langem ihre Strategien formulieren, der Krieg als Dauerzustand festzuschreiben. Das war so im Irak, in Afghanistan, in Syrien, in Libyen, das ist überall so, wo sie mit der Formel des Regime Change auf der Matte stehen. Das ist übrigens auch so in der Ukraine. Der Krieg, seit Clausewitz die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln, ist am Potomac längst zum Normalzustand, der mit allen mit allen Mitteln aufrecht erhalten wird, mutiert. Auch wenn die Seichtigkeit der gegenwärtigen Geschichtsschreibung oft etwas anderes suggeriert, die USA sind die kriegstreibendste Nation auf unserem Planeten.

Und Lion Feuchtwanger hatte Recht. Das Pogrom gegen die Juden ist nicht nur historisch tradiert, sondern es wird, solange es mächtige, amöbenhafte Politik gibt, Bestand haben. Hierosolyma est perdita! Es ist zum Schaudern.

7 Gedanken zu „Hierosolyma est perdita

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  2. Avatar von almabualmabu

    Wenn die Zweistaatenlösung vom Tisch sei und der eine verbleibende Staat ein jüdischer bleiben soll, dann impliziert das zwingend eine neue Vertreibung, fürchte ich?

  3. Avatar von gkazakougkazakou

    Seit dem Jahr 1967 ist ganz Jerusalem von Israel besetzt, und nichts und niemand hat daran in 60 Jahren etwas ändern können. Die 2-Staaten-Lösung hat niemals irgendjemand wirklich gewollt, sie ist Augenwischerei. Es wird sie nicht geben. Die vertriebenen Bewohner Palästinas und ihre Nachfahren und die aus Progromen Europas geflohenen Juden und ihre Nachfahren werden immer entgegengesetzte Agenden haben – bis zu dem Tag, wo sie begreifen, dass sie Brüder und Schwestern sind. Dann brauchen sie nicht zwei, sondern einen Staat, in dem sie gleichberechtigte Bürger und Bürgerinnen sind. Dann hören sie auf, sich wegen rassischer? religiöser? historischer? eigentumsrechtlicher? Rechthaberei zu bekriegen. Und feiern ihre Feste im einen und einzigen Jerusalem.
    Dass der amerikanische Präsident Jerusalem als Hauptstadt Israels anerkennt, ist unerheblich, ist nur eine Anekdote, so wie alle vorausgegangenen Friedensbemühungen Anekdoten waren in einem langen langen Ringen, an dessen Ende der wirkliche Frieden stehen muss. So sei es.

    1. Avatar von Uwe PetersUwe Peters

      @gkazakou
      Dann liefern Sie doch einfach einen großen runden Tisch incl. Frau Käßmann und dann wird Frieden sein.Wenn Kain und Abel ihren Vorschlag berücksichtigt hätten, dann wäre Frieden. So sei es.(Ironie)
      @Fredoo vielen Dank für diese klaren Worte (keine Ironie)

  4. Avatar von fredoofredoo

    Vorab …
    es ist verzerrt , die Wahrnehmung des Konfliktes in und mit Israel …
    Denn , es gibt kein palästinensisches Volk , hat es nie gegeben und wird es nie geben …
    Es gibt Araber , die auch in der Region Israel leben …
    Die einem anderem Glauben anhängen und sich in Lebensführung und Traditionen von den eingewanderten europäischen und asiatischen ( und gern vergessen auch afrikanischen Juden unterscheiden ) … Letztlich lässt sich nur die Differenz „Glaube“ bezeichnen …
    Anders wie im Kosovo , wo auch einwanderne „Andersgläubige“ Mehrheit und Dominanz erreichten , lassen sich jedoch in Israel ( gemeint ist jetzt die Region ) zumindest erkennbare sehr alte Vor-Dominanzien der Juden nachweisen … Im Kosovo hingegen handelt es sich um reine Okkupation in Neuland …
    Wie will da nun die Völkergemeinschadft reagieren ? … wie lässt sich da Recht definieren ? … Wenn der Kosovo als „quasi“ befriedet erfolgreich okkupiert gesehen wird , und dies Toleranz und Zustimmung der Völker findet ( bis auf die vertriebenen Serben , die ihre Gründungsregion der Nation an recht geschickt „eingesickerte“ Fremdethnien verloren haben … Dumm gelaufen kann man da nur den Serben sagen ) …
    So muss man nun mal ebenso gültig (!) auch sagen … Dumm gelaufen für euch Araber in der Region , dass mitlerweile eine ebenso geschickt „eingesickerte“ DominanzMehrheit in dieser Region das Sagen hat …
    Was gerne vergessen wird , diese Juden haben Araber durchaus als Teil ihres Staates gesehen , solange diese die Dominanz der JUden anerkannten …
    Damit haben die Juden in Israel genau das gemacht , was uralte Tradition der islamisch dominuierten Staaten war … Duldung der Andersgläubigen , solange diese die Dominanz des Eigenen akzeptierten …
    Die Juden Israels haben sogar auf die ebenso uralte Tradition der Muslime verzichtet und eine Dhimmisteuer für diese Duldung nicht erhoben …
    Der „Kampf“ der Israeliten der Moderne wendet sich auch noch immer nicht gegen die „eigenen“ Araber , sondern gegen die , die gegen die dort dominierenden Juden kämpfen …
    Mit der immer verbissener werdenden Auseinandersetzung , beginnt dieses „Wohlverhalten“ erst in letzter Zeit zu bröckeln … und … durchaus provozierend von mir gemeint … wie ich finde … endlich !
    Dominanz ist niemals richtig oder falsch … begründet oder nicht durch Tradition oder ähnlichem … sie ist einfach jetzt FAKT ! … und so wie sich kein Araber auf Israel berufen kann , denn da waren andere vor ihm … kann dies auch kein Jude … und niemand sonst … da war immer , irgendwann jemand anderes vor ihm …
    Doch eines kann im politischen gesagt sein … ist eine Dominanz zumindest halbwegs „menschlich“ fair und mehr oder weniger „gerecht“ strukturiert , ist ihre Akzeptanz der bessere Weg als der Kampf um etwas „Eigenes“ ( was ja eigene (!) Dominanz meint ) , was sich auf alte „Ansprüche“ beruft , und dabei immer (!) die noch älteren Ansprüche ignoriert !
    In diesem Sinne hatte ich in FB einen ( zugegeben provokativen ) Text geschrieben , den ich hier widerholen möchte :
    Als Israel 1967 im Sechstagekrieg von seinen Nachbarn angegriffen wurden , und im Gewinn dieses Krieges auch Jerusalem eroberten , haben sie einen großen , ja geradezu historischen Fehler gemacht . Sie hätten sofort nach der Eroberung aller Bulldozer Israels und alle Sprengmeister zusammenrufen müssen , und auf dem Tempelberg sowohl den Felsendom als auch die AlAkshaMoschee bis zum letzten Staubkorn schleifen müssen … und sofort danach eine neue Version Tempel des Salomon dort errichten müssen , die sich hätte ausbreiten müssen , dass es gar keine weiteren Diskussionen geben könnte … Damit hätten sie letztlich genau das gemacht , was die islamischen Eroberer Jerusalems schon vor Jahrhunderten genau so gemacht haben … Sie besetzten diesen den Juden heiligen Platz mit eigenen Bauten und erschufen erst dann , diverse Jahrhunderte später den freierfundenen Mythos einer Himmelfahrt von Mohamad an dieser Stelle … Dieser hatte Jerusalem nie gesehen und Jerusalem hatte zu seinen Lebzeiten auch keinerlei Bedeutung … er hatte vermutlich sogar noch nie von ihr gehört … War halt nur eine damals recht bedeutungslose Provinzstadt unter vielen anderen … Erst mit der späteren militärischen Eroberung dieser Stadt , in strategisch wichtiger Position , ergab sich für die Eroberer erst eine Notwendigkeit für eine Art mythologische Rechtfertigung der erwpünschten „ewigen“ Inbesitzname … die dann recht eilfertig von den Schreibtischtätern der Herschenden als reine Fantasie einer Himmelfahrt des Propheten ins Leben gerufen wurde … Diese „Himmelfahrt“ steht sogar in einem heftigen Kontrast zum zentralen Glauben des Islam , das Mohamad Mensch war , ganz normaler Mensch , dem halt eine „vergöttlichende“ Himmelfahrt gar nicht zustand … Mit dieser Himmelfahrt hat man sich einfach auf die christliche Mythologie „draufgesetzt“ , aus rein machtpolitischem Kalkül …
    Hätten die Muslime Wien erobert , wäre die passende Himmelfahrt von Fatima , Mohamads Lieblingsfrau , an diesem Ort schnell nachgeliefert worden … Muslimische Historiker waren schon immer Meister der manipulativen Kompilation …
    Deshalb , werte Juden , Ihr hatte die Chance , 1967 , in einer Situation des eindeutig Überfallenwerdens , sofort danach für klare Verhältnisse zu sorgen , und diese demostrativen BesatzungsBauten komplett zu eliminieren … Das hätte natürlich einen Aufschrei gegeben … doch wo sind diese bei mehr als zwanzigtausend geschliffenen christlichen Kirchen in den letzten 10 Jahren in der Türkei ? … Klare Verhältnisse , schmerzhaft ja , aber auch klärend … Wenn keine symbolischen Bauten mehr vorhanden sind , würden sich die Schreie der ohnehin schnell schreifreudigen Muslime genau so schnell ins Nirgendwo verflüchtigt haben … Und es wäre … jetzt … endlich eine Chance für friedlichere Zeiten … So aber , mit diesen immer noch vorhandenen symbolischen BesetzerBauten hat man den letztlich unlösbaren Konflikt institutionalisiert … Manchmal ist Härte letztlich sogar „menschlicher“ … Hier wäre es angebracht gewesen … So wie auch der europäische Friede mit Deutschland ohne die Härten , die es in der Nachkriegszeit zu erdulden hatte , nie möglich gewesen … Viel wurde da für die Deutschen verloren … Auch meine Familie verlor ihre Existenz in Ostpreußen … Und doch , war es das letztlich wert , denn jetzt ist Frieden ( bereits seit 60 Jahren ) und sogar Freundschaft möglich … Auch für den , der erst etwas verliert , trotzdem ein gutes Geschäft … Frieden wiegt (fast) jeden Verlust auf … An materiellem sogar jeden Verlust ! :.. Es gibt sie nicht , diese Eindeutigkeiten von „Krieg ist immer böse“ … Manchmal ist Gewalt , klug und begrenzt an begrenzter Stelle eingesetzt , sogar ein Garant für lange Friedenszeiten … Ich danke jedoch den Göttern , selber nie eine derartige Entscheidung treffen zu müssen …

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